ALTERNATIVE: Patienten das «Schwimmen» lehren

Annegret Schlaeppi, Oberärztin des Ambulatoriums Wil, zeigte Möglichkeiten und Grenzen der Komplementärmedizin in der Psychiatrie auf.

Redaktion@wilerzeitung.ch
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Auch wenn die Universität Zürich bereits 1994 einen Lehrstuhl für Naturheilkunde einrichtete und das Schweizer Volk 2009 mit einer Zweidrittelmehrheit den Verfassungsartikel zur Komplementärmedizin guthiess, dauerte es lange, bis die Naturheilverfahren den Weg in den Klinikalltag fanden. Für Annegret Schlaeppi, Oberärztin am Ambulatorium der kantonalen Psychiatrischen Dienste in Wil, ist es wichtig, dass auch in der Psychiatrie integrierend gearbeitet wird. Sie plädierte für «sowohl als auch» und verurteilte die Haltung des «Schwarz-Weiss-Denkens» der früheren Jahre im Gesundheitswesen.

Gut 90 Interessierte besuchten den ersten Vortragsabend des Frühlingssemesters und zeigten damit ihr Interesse an einem Thema, das speziell auch in der Psychiatrie eher selten zur Sprache kommt. So war dann auch in der Fragerunde zu hören, dass vielerorts erst ein bescheidenes Angebot und beschränkte Kapazitäten vorhanden seien. Annegret Schlaeppi erklärte, dass der Bundesrat im Jahr 2012 entschieden habe, die fünf anerkannten komplementärmedizinischen Verfahren (anthroposophische Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie und die traditionelle chinesische Medizin) bis mindestens 2017 wieder in die Grundversicherung aufzunehmen.

Ins Gleichgewicht bringen

Komplementärmedizinische Methoden verfolgen das Ziel, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Damit lägen sie im Trend der aktuellen Forschung der psychischen Widerstandsfähigkeit, auch Resilienz genannt, sagte die Oberärztin. Sie ist überzeugt, dass die besten Therapieerfolge erzielt werden, wenn die herkömmliche Medizin und die Naturheilverfahren Hand in Hand gehen. Zu den komplementär-medizinischen Methoden zählt sie Systeme, die ganzheitlich wirken und Körper, Geist und Seele zusammen beeinflussen und stärken. Das Ziel sei immer, den Menschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. In einem ihrer Fallbeispiele würde sie einen Patienten mit Erschöpfungssymptomen, Nackenschmerzen und depressiver Verstimmung beispielsweise mit Psychotherapie, Akupunktur und Qi-Gong behandeln. Bei einem anderen Fallbeispiel, einer Patientin mit chronischer Angstsymptomatik und Vermeidungsverhalten, hingegen würde sie konventionell Anti- depressiva und Psychotherapie verschreiben, aber zusätzlich auch äussere Anwendungen, eine achtsame Bewegungstherapie und möglicherweise auch eine Maltherapie. Als Risiko der Komplementärmedizin sieht die Oberärztin Therapeuten, die Heilsversprechungen machen und sehr teure Therapien anbieten. Zudem müsse man bei der Phytotherapie mögliche Interaktionen beachten, beispielsweise bei Johanniskraut, das die Wirkung der Pille beeinflussen könne.

Die Medizin sei gefordert, die Eigenschutzmechanismen der aus dem Gleichgewicht gefallenen menschlichen Körper zu stärken. Patienten müssten angehalten werden, eine aktive Rolle zu übernehmen und auf ihre Regenerationskräfte zu vertrauen. «Wir müssen Patienten zum Schwimmen befähigen und nicht nur vor dem Ertrinken retten.»

Ruth Bossert

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