Alternative Karriere ohne Diplome – «time4» bietet einen dritten Bildungsweg nach der obligatorischen Schulzeit an

Das Projekt «time4» richtet sich an Jugendliche, die eine Alternative zum herkömmlichen Bildungsweg suchen.

Katja Brütsch
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«time4» erfordert ein grosses Mass an Eigendisziplin und Selbstständigkeit.

«time4» erfordert ein grosses Mass an Eigendisziplin und Selbstständigkeit.

Bild: PD

Nach der obligatorischen Schulzeit bieten sich einem Jugendlichen zahlreiche Möglichkeiten. Neben der Kantonsschule und anderen Mittelschulen, wie zum Beispiel FMS oder HMS, steht eine Vielzahl verschiedener Berufslehren zur Auswahl. Wer nichts Passendes findet, dem bleiben aber nicht viele Möglichkeiten. Dass wollen die Gründer von «time4» ändern.

«time4» ist als Bildungsprojekt aufgegleist, bei dem Jugendliche selbstständig entscheiden, was sie wann, wie und wo lernen möchten. Dabei verfolgt «time4» das Konzept der sogenannten freien Schulen, also Schulen ohne Stundenplänen oder Prüfungen, die es auf der Volksschulebene schon gibt. Nach der obligatorischen Schulzeit soll dies eine Möglichkeit bieten, dieses Lernen ohne Vorgaben weiter zu führen.

Eine dritte Möglichkeit nach der Schulzeit

«time4» möchte Jugendlichen einen Rahmen geben, innerhalb dessen sie sich frei bewegen und selbstständig entscheiden können. Wichtig ist es den Gründern, nicht als Konkurrenz zu den herkömmlichen Ausbildungswegen gesehen zu werden, sondern als Alternative, die eine Angebotslücke füllt.

Hinter «time4» stehen Michi Bleiker und Florian Knaus. Bleiker verfolgte einen klassischen Bildungsweg mit einem Wirtschaftsstudium an der Universität St.Gallen und einer zusätzlichen Ausbildung als Wirtschaftspädagoge. «Ich kannte diese freie Art von Bildungsweg nicht. Erst durch meine Kinder habe ich die Bedeutung von intrinsischer Motivation beim Lernen wahrgenommen», erklärt Bleiker. Um dieses Projekt zu leiten, ist eine pädagogische Ausbildung zweitrangig, so Bleiker. Viel wichtiger sei, dass man Interesse an vielen Sachen, keine Zukunftsangst und Freude am Leben habe.

Knaus hingegen kann als Musterbeispiel für alle «time4»-Jugendlichen gesehen werden. Nach Ende der obligatorischen Schulzeit stellten weder eine Mittelschule noch eine Lehre für Knaus eine attraktive Option dar. Er war der Auffassung, dass seine tief liegenden Interessen zu kurz kommen würden. Also entschloss er sich, seinen Bildungsweg selbstständig zu gestalten. Seinen Weg begann er schliesslich damit, Mofas und Fahrrädern zu reparieren und zu verkaufen. Später arbeitete er bei einem Motorgerätemechaniker und als Lernbegleiter bei einer Privatschule.

Nach fünf Jahren Berufserfahrung lässt er sich nun seine Leistungen validieren, um so das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Fachmann Betreuung zu erlangen. Knaus scheint zufrieden mit seinem Weg, er habe bis heute immer jeden Job bekommen, den er wollte. Knaus erklärt:

«Es ist sicher nicht der einfachste Weg, vielleicht sogar eine grössere Herausforderung, da du jeden Tag selber entscheiden musst, an was du arbeiten willst. Das braucht deutlich mehr Selbstdisziplin.»

Dennoch ist er der Meinung, dass er in einer herkömmlichen Ausbildung weniger motiviert und glücklich gewesen wäre. Denn, «wenn du das machst, was du gerne machst, dann wirst du das auch gut machen», so fasst Knaus seine Erfahrungen zusammen. Somit sah und sieht er kein Problem, den Traumjob auch ohne jegliche Diplome zu bekommen.

Das erste Semester mit einer «time4»-Gruppe

Letzten Sommer ist zum ersten Mal eine ganze Gruppe zum Projekt «time4» gestartet. Elf Jugendliche aus der ganzen Deutschschweiz wagten den Schritt. Nach dem ersten Semester beschlossen drei, den konventionellen Bildungsweg zu verfolgen und eine Lehre anzutreten. Diese haben «time4» als Brückenangebot genutzt, um herauszufinden, wo ihre wirklichen Interessen liegen. Die anderen acht sind weiterhin dabei.

«Viele kommen aus einer freien Schule oder wurden zu Hause unterrichtet. Für sie ist dieser Weg logisch», erklärt Bleiker. «Ein Jugendlicher möchte gerne Schmied werden, hat aber keine Lehrstelle gefunden, da diese sehr rar sind. Ein Mädchen möchte gerne Köchin und Bäckerin werden. Auf dem herkömmlichen Weg geht das nicht, da man sich für eine Richtung entscheiden muss. Ein Junge strebt eine Lehre zum ICT-Fachmann an. Da er aber noch Defizite in Mathe hat, bereitet er sich im Rahmen von «time4» auf seine Ausbildung vor».

Egal aus welchem Grund «time4» gewählt wurde, viel intrinsische Motivation und Eigenverantwortung müsse vorhanden sein, so Bleiker.

Start im Sommer 2020

Im August 2020 startet die nächste Gruppe in das Projekt. Nach einem Starttreffen, bei dem ein Semesterplan entworfen wird, beschäftigen sich die Jugendlichen selbstständig mit ihren Projekten. Alle zwei bis drei Wochen findet ein Treffen statt, bei dem der Fortschritt dokumentiert wird. Jegliche Entscheidungen liegen in der Verantwortung des Jugendlichen. Ein Abschluss ist nicht vorgesehen. Je nach Beruf kann nach Möglichkeiten gesucht werden. Die Kosten belaufen sich auf knapp CHF 2500 pro Semester. (kab)

Hinweis: Am Samstag, 21. März, wird im Hotel Freihof in Wil über «time4» informiert.