«Als ob Nähe böse wäre»

Vor über 30 Jahren wurde das Quartier Neualtwil gebaut. Die Gestaltung lag in den Händen des Zürcher Architekten René Haubensak. Die Wiler Zeitung hat mit ihm einen Streifzug durchs Quartier unternommen.

Monique Stäger
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Es ist ruhig an diesem späten September-Nachmittag. Die wärmenden Sonnenstrahlen des Frühherbstes lassen die Farben der Szenerie aufleuchten, geben ihnen Kraft. Mit zielsicherem Schritt sucht sich René Haubensak ein Plätzchen im Wirrwarr der Häuser und Gassen in Neualtwil. Der Verfasser kennt sich hier aus, obwohl er in Zürich wohnt, denn seiner Idee entstammt die Architektur, die Planung des Quartiers, welches in den 70er-Jahren erbaut worden ist.

Ein Tisch wird in die Sonne gerückt, hier lässt es sich plaudern und philosophieren, in diesem «Wir-Raum», wie René Haubensak den kleinen Platz – oder «Raum» – nennt.

Vom «Wir» und «Ich»

Für den Architekten Haubensak ist klar: der Gestaltungsplan mit dem Projektnamen «Boskoop» für das restliche Land, welches die beiden bestehenden Quartierteile verbindet, ist im Kern verschieden zum Bestehenden.

«Die <Ersetzer von Neualtwil> wollen oder können die Philosophie von Neualtwil nicht erklären, auch ihre eigene nicht», kritisiert Haubensak. Neualtwil habe eine «Wir-Dimension» und eine «Ich-Dimension». «Man wohnt, man kocht, isst und man schläft im eigenen Zuhause, der Basis der internen Gemeinschaft mit dem Dach über dem Kopf, wie überall.»

Ganz wichtig im Miteinander der Bewohner sei aber auch das gemeinsam Genutzte. «Stufenweise betritt man aus seinem Zuhause die <Wir-Dimension>. Vorerst seinen eigenen Garten, dann den Hofraum, die Rampen und Treppen. Die Wohngasse ist schmal, aber genügend breit für die Feuerwehr und schmal genug für die spielenden Kinder.» Und schliesslich seien die Wiesenräume da, gross geblieben, weil die Häuser zusammengerückt sind, ähnlich einer Schafherde. «Das sind die <Wir-Orte> von Neualtwil heute.»

Der Wunsch nach Räumen

René Haubensak sitzt nicht mehr auf dem Stuhl, er ist aufgestanden und beginnt auf und ab zu tigern. Immer wieder spricht er von Räumen, Freiräumen als Stadt, Dorf und Quartier. «Es ist ein menschliches Urbedürfnis, auch draussen einen gefassten Platz zu haben», philosophiert er. «Auch die Natur mit ihren Bergen fasst die Täler als Räume ein.» Die Hauptgebäude und Nebenbauten seien dezidiert an ihren Ort gesetzt und erfüllen damit ihre Funktion als raumbildende Elemente der Aussenräume.

Der Architekt betont seine Abneigung gegen den «neu»-modernen Städtebau wie das Projekt «Boskoop». Wohnblöcke würden in die Landschaft gestellt mit möglichst grossen Abständen. «Als ob Nähe böse wäre.» Der neue Gestaltungsplan «Boskoop» biete Strassen, die doppelt bis dreifach so breit seien wie die Gassen. Und alle Elemente, die das «Wir-Leben» ermöglichen würden, die gebe es nicht.

«Dass im neuen Gestaltungsplan der Dorfplatz – das zukünftige Zentrum von Neualtwil – fehlt, ist folgerichtige Konsequenz.»

Schlafstätten statt Wohnorte

Neualtwil erlaube, die «Wir-Gemeinschaft» zu leben. «Identifikation, Heimat wird an dem Ort möglich, wo man wohnt.»

Haubensak wird unterbrochen von einem kleinen Mädchen, das vorwitzig ein «Hallo, wer bist du?» vom nahen Spielplatz herüber ruft.

Die Mutter der aufgeweckten, zappelnden Kleinen kommt hinzu, schon entwickelt sich ein Gespräch zwischen den zufällig zusammengekommenen Personen. Ein Kaffee wird angeboten und gern angenommen. «Das ist Neualtwil», kommentiert Haubensak die Szene. «Hier kann jeder für sich wohnen, es ist aber trotzdem einfach, Kontakte mit dem Nächsten zu knüpfen.»

Im Rahmen des neuen Gestaltungsplanes würden «Schlafstätten für Agglomoriten gebaut», so Haubensak. Sämtliche Elemente, die in Neualtwil eine <Ich-Wir-Gemeinschaft> ermöglichen würden, minimalisiere der neue Gestaltungsplan auf das isolierende Norm-Wohnen. «Es werden eher Pendler angesprochen.»

Keine zeitlose Architektur

«Die Architektur der bis heute gebauten Häuser in Neualtwil haben wohl ihren dezidierten Charakter, waren aber nie konzipiert als Einzelobjekte, mit der Ambition auf zeitlose Architektur», präzisiert René Haubensak.

«Würde in einem abgeänderten Gestaltungsplan der Sinn der Aussenräume als <Wir-Dimension> verstanden und weiterentwickelt; dann bliebe die Gestaltungsfreiheit der Architekten zeitlos vorhanden, ihrer Epoche entsprechend zu bauen.»

Haubensak wird in seiner Kritik deutlich: «Dass ein Grossinvestor kein Verständnis hat für Identifikation seiner Bewohner mit ihrem Ort und keinen Sinn haben kann für Aussenräume der Gemeinschaft, hätte schon vor Beginn der Verkaufsverhandlungen klar sein können.»