Als Minderheit gut aufgehoben

Die Rekurse gegen den Moscheebau oder die Facebook-Einträge von SVP-Stadtparlamentarier Mario Schmitt: Das und vieles mehr beschäftigte die moslemische Bevölkerung in Wil im Jahr 2014. Imam Bekim Alimi über die IS-Milizen, die Angst vor fremden Religionen und Giacobbos Witze.

Ursula Ammann
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Bekim Alimi im Gebetsraum an der Titlisstrasse. Diesen zeigt er auch gerne interessierten Nicht-Moslems. (Bild: Ursula Ammann)

Bekim Alimi im Gebetsraum an der Titlisstrasse. Diesen zeigt er auch gerne interessierten Nicht-Moslems. (Bild: Ursula Ammann)

Herr Alimi, feiern Sie eigentlich Weihnachten?

Bekim Alimi: Im Islam kommt Weihnachten nicht als bekanntes Datum vor. Jedoch kennen wir den Propheten Isa. Mit Isa ist Jesus gemeint. Allerdings feiern wir weder die Geburt Jesu noch diejenige unseres Propheten Mohammed als Fest.

Das vergangene Jahr war turbulent für die Moslems in Wil. Etwa, was den Bau des islamischen Begegnungszentrums betrifft. Derzeit sind noch Rekurse beim Verwaltungsgericht hängig. Wie ist der aktuelle Stand?

Alimi: Wir warten gespannt auf den Entscheid des Verwaltungsgerichts. Damit dürfte wohl im ersten Quartal 2015 zu rechnen sein. Der Bau des Begegnungszentrums ist für uns von grosser Bedeutung. Derzeit sind die Platzverhältnisse eng und zum Teil prekär. Männer und Frauen beten jetzt zu getrennten Zeiten. Ein Zentrum würde allen ein würdiges Beten ermöglichen und Raum schaffen für alle – Frauen, Männer, Kinder und auch für Nicht-Moslems. Für die ist nämlich eine Galerie geplant, von wo aus sie die Freitagspredigten mitverfolgen können. Auch unangemeldet.

Ist das Vereinslokal derzeit für Nicht-Moslems nicht zugänglich?

Alimi: Doch. Wir haben sogar wöchentlich zwei bis drei Gruppen, welche die Moschee besichtigen. Oft sind es Schulklassen, aber auch eine Gruppe von Polizeibeamten war schon hier. Manchmal gibt es zudem Jugendliche, die hierher kommen im Rahmen ihrer Maturaarbeit.

Auf Facebook hat der SVP-Stadtparlamentarier Mario Schmitt eine Enthauptung durch die IS-Milizen mit den Worten «Wann wird diese Religion endlich ausgerottet» kommentiert. Was hat das bei den Moslems hier ausgelöst?

Alimi: Von dieser Aussage waren wir tief betroffen. Hätte Mario Schmitt nur die Radikalen gemeint, könnte man ihn verstehen. Stattdessen hat er aber eine ganze Weltreligionsgemeinschaft verurteilt. Ich finde, dass man von einem Politiker erwarten dürfte, dass er differenzieren kann zwischen den Radikalen der IS-Milizen und den Moslems hier. Unternommen haben wir jedoch nichts gegen diese Aussagen. Und zwar deshalb, weil wir Vertrauen haben in den Staat und die Massnahmen, die nun getroffen werden. Die Behörden haben ihre Aufgaben bis jetzt immer gut gemacht und wir haben uns hier in Wil als Minderheit stets gut aufgehoben gefühlt.

In Flums wurde vor wenigen Tagen ein Brandanschlag auf ein islamisches Vereinslokal verübt. Könnte das in Wil auch passieren?

Alimi: Ich hoffe nicht. Der Brandanschlag in Flums macht uns zwar Sorgen, aber von Angst zu sprechen wäre übertrieben. Eine gewisse Ablehnung haben wir hier aber auch schon zu spüren bekommen. Während der Diskussion um den Moscheebau gab es ab und zu Briefe. Darin stand etwa, dass dieser Bau niemals zustande kommen wird oder dass wir doch zurück in unser Heimatland gehen sollen.

Neben Ihrer Tätigkeit als Imam unterrichten Sie an den Oberstufenschulen Lindenhof und Sonnenhof Religion. Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln?

Alimi: Mein Ziel ist es, dass sie den Islam als Religion und Kultur kennenlernen. Das nimmt ihnen nämlich auch die Angst vor anderen – ihnen fremden – Religionen. Beispielsweise vor dem Betreten einer Kirche. Viele fürchten, sie könnten damit eine Sünde begehen, was nach dem Islam natürlich überhaupt nicht so ist. Diese Angst wird aber vom Gegenüber unter Umständen als Zeichen der Radikalität wahrgenommen. Wenn jemand seine Religion und Kultur kennt, wächst damit nicht zuletzt auch seine Persönlichkeit.

Wann waren Sie das letzte Mal in einer Kirche?

Alimi: Das war dieses Wochenende. Ich war eingeladen zur Eröffnung des neuen evangelischen Kirchgemeindehauses, was ich als grosse Freude empfunden habe. Wir pflegen allgemein eine gute Zusammenarbeit unter den Religionen. Sei es in der Integrationskommission oder an religionsübergreifenden Anlässen.

Der Satiriker und ehemalige Wiler Botschafter Victor Giacobbo hat Wil als «Hochburg der Moslems» schweizweit bekannt gemacht. Haben die Moslems hier in Wil jeweils über seine Witze gelacht?

Alimi: Wir lachen nach wie vor über diese Witze. Und wenn wir Gruppen zu Besuch haben, welche die Moschee besichtigen wollen, beginne ich sogar meine Präsentationen mit Witzen.

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