Als Lokführer durch Katzenbach

FLAWIL. Der Modell-Eisenbahn-Club Flawil macht's möglich. Ob SBB-Fan oder Technik-Freak – jeder kann einen Zug durch Wassen, Katzenbach oder Burgfelden steuern. Der Führerstand-Simulator ist neu, die Anlage ein Generationenwerk.

Andrea Häusler
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Fahren ist für Clubpräsident Philipp Geisser nicht die eigentliche Herausforderung. Ihn fasziniert die Technik, aber auch die Landschaftsgestaltung. (Bild: Andrea Häusler)

Fahren ist für Clubpräsident Philipp Geisser nicht die eigentliche Herausforderung. Ihn fasziniert die Technik, aber auch die Landschaftsgestaltung. (Bild: Andrea Häusler)

Das verbreitete Image des gemeinen Modelleisenbahners ist wenig schmeichelhaft. Ein Bünzli, der im miefigen Keller seine Bäumchen, Blümchen und selbst gekneteten Figuren auf Spanplatten klebt, den Schalter kippt und freudetrunken den Weg der Mini-Züge durch Papptunnel und Folienwiesen verfolgt. Ein Klischee, das mit der Realität im Untergeschoss des Kindergartens Grund in Flawil wenig gemein hat. Philipp Geisser, Präsident des Modell-Eisenbahn-Clubs Flawil ist alles andere als ein Spiesser. Und die Anlage mit der Nenngrösse H0 (Massstab 1:87) beeindruckt mit unzähligen Details – visuell, vor allem aber auch technisch. Beide Bereiche faszinieren den 60jährigen Elektroingenieur – fast mehr noch als das eigentliche Fahren. «Spannend ist das Gesamtpaket», sagt er. Speziell hat es ihm der Landschaftsbau angetan. «Man lernt, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen, Einzelheiten wahrzunehmen, die dann authentisch nachgebildet in die Anlage integriert werden können.» Aktuell würden die steifen Tannen im Pfeifenputzer-Design gegen natürlich wirkende Bäume aus Draht und Fasern ausgetauscht.

Tiefer Altersdurchschnitt

Trotzdem verhehlt Geisser nicht, dass die Modelleisenbahn – einst beliebtes Weihnachtsgeschenk für Jugendliche – den Kampf um ihre Beliebtheit längst gegen Smartphones und Spielkonsolen verloren hat. Obwohl vor allem Kinder sich nach wie vor von Eisenbahnen begeistern liessen. Dass sich diese Faszination auswächst, habe wohl mit dem Zeitgeist zu tun, dem Imagewandel der Bahn vielleicht, der Definition des Begriffs «Traumberuf», allenfalls auch mit der fehlenden Musse, sich über Jahre mit einem Projekt zu beschäftigen, das nie wirklich fertig wird. Angesichts dessen befinde sich der MECF in einer privilegierten Situation: «Das Durchschnittsalter unserer 30 Mitglieder ist vergleichsweise tief – natürlich auch dank der beiden Oberstufenschüler im Team.» Aktive Mitgliederwerbung betreibt der Club indes nicht: «Die beste Werbung ist, wenn man selber begeistert ist», ist Philipp Geisser überzeugt. Gelegenheit, diese Begeisterung zu zeigen, hat er wieder am Tag der offenen Tür vom 25. April.

Dach wie Zürcher HB

Die Flawiler Anlage ist mindestens 35 Jahre alt, wurde jedoch laufend aufgefrischt und angepasst. Dafür haben die Clubmitglieder, deren harter Kern sich wöchentlich im Clublokal zum Planen, Konstruieren oder Schreiben von Computerprogrammen trifft, bereits Zehntausende von Stunden investiert. Und es geht weiter. Gegenwärtig steht die Überdachung des Kopfbahnhofs nach dem Muster des Zürcher Hauptbahnhofs im Fokus. Danebst soll die Beleuchtung der Häuser umgestaltet werden. Und schliesslich will der Club die Anlage akustisch aufwerten: mit Vogelgezwitscher, Glockengebimmel oder Durchsagen an den Bahnsteigen.

Im Massstab 1:1 über die Anlage

Im Raum neben der Modelleisenbahn-Anlage steht eine Original-SBB-Führerstandkabine im Massstab 1:1: ein Simulator, auf dem der Hobby-Lokführer die Gleise der Anlage abfahren kann. Dafür zeichnet die Kamera der Modell-Lok Bilder auf, die auf eine 2,6 x 2 m grosse Rückprojektions-Leinwand vor dem Führerstand projiziert werden. Lautsprecher sorgen für eine realistische Geräuschkulisse. Die Kabine wurde im Februar in Betrieb genommen und liefert ein realitätsnahes Fahrerlebnis. Allerdings wären nicht Modelleisenbahner am Werk, wenn nicht auch hier schon Ausbaumöglichkeiten diskutiert würden.

Im Simulator wähnt sich der Lokführer unterwegs auf den Schienen.

Im Simulator wähnt sich der Lokführer unterwegs auf den Schienen.

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