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Als es im «Rössli» zum Diebstahl kam: Der Appenzeller Autor Andreas Giger hat einen Krimi über Oberuzwil geschrieben

Nächsten Donnerstag liest er aus dem Buch – und eröffnet damit auch die 1200-Jahr-Feierlichkeiten der Gemeinde.
Tobias Söldi
Andreas Giger kehrt zurück an den Tatort seines Romans «Alt ist nicht kalt»: Oberuzwil. (Bild: Tobias Söldi)

Andreas Giger kehrt zurück an den Tatort seines Romans «Alt ist nicht kalt»: Oberuzwil. (Bild: Tobias Söldi)

Oberuzwil, 1803: Im Restaurant Rössli klaut der 16-jährige Jakob einem Durchreisenden namens Mario ein Stück Schokolade – eine ganz neue kulinarische Erfahrung für den an fade Suppen und verkochte Kartoffeln gewohnten Jakob. Mit der Tat will er seine Angebetete beeindrucken. Bei dieser kommt der Diebstahl nicht gut an, aber auch sie kann sich der süssen Köstlichkeit nicht erwehren. «Die beiden himmlischen Stückchen, die wir genossen haben, wird dieser Mario schon verschmerzen, aber jetzt ist Schluss», sagt sie.

Mehr als zwei Jahrhunderte später, im Jahr 2019 – Schokolade ist längst fester Bestandteil unserer Essgewohnheiten – sitzt Andreas Giger im selben geschichtsträchtigen Lokal beim Kaffee. Seinem Kopf ist die kleine Episode entsprungen, die sich im Roman «Alt ist nicht kalt» findet. Der Appenzeller Autor hat im Auftrag des Komitees des 1200-Jahr-Jubiläums der Gemeinde einen Krimi geschrieben, in dem Oberuzwil die Hauptrolle spielt (siehe Kasten).

Reisen in die Vergangenheit und Zukunft

Die Oberuzwiler Leserschaft findet sich rasch zurecht auf den 170 Seiten. Schon die Ausgangslage der Geschichte enthält verdächtig vertraute Elemente: Ein ehemaliger Lehrer, Mitglied der Donnerstagsgesellschaft, veranstaltet einen Schreibwettbewerb zum 1200-Jahr-Jubiläum der Gemeinde. Das Preisgeld hat er durch Erpressung einer bekannten Kunstsammlerin «erworben». Auch eine Gruppe Jugendlicher – in Anlehnung an den Bettenauer Weiher nennen sie sich Betti-Clique – begeistert sich nach anfänglicher Skepsis für das Projekt. Das hohe Preisgeld ist nicht unschuldig an ihrer Motivation. Ihre Wettbewerbstexte führen die Leser in die Vergangenheit und die Zukunft des Dorfes.

«Mir war Oberuzwil vor dem Auftrag nur dem Namen nach bekannt», gibt Giger, der in Wald in Appenzell Ausserrhoden wohnt, zu. Das änderte sich rasch: Vergangenen Frühling recherchierte er mehrere Tage in Oberuzwil. Er führte Gespräche, stöberte in Dorfchroniken, durchforstete das Internet, spazierte herum und nahm die Atmosphäre auf. Den Blick von aussen empfand er nicht als Nachteil. Im Gegenteil: «So war ich völlig unvoreingenommen.» Was anderen vielleicht alltäglich erscheint, sieht er mit anderen Augen.

Zwischen Fakt und Fiktion

Zum Beispiel eine kleine Werkstatt an der Kapellstrasse nahe dem Dorfplatz, wo noch heute ein junger Schumacher seinem Handwerk nachgeht. Ein Kleinod, das Giger seinen Lesern nicht vorenthalten wollte: 150 Jahre früher, im Jahr 1869, trifft dort ein Schumacher, der in der Geschichte Lukas Bär heisst, auf einen vornehmen Herrn, der ihm ein zweifelhaftes Geschäft vorschlägt: Er soll billig fabrizierte Schuhe als teure Handwerksprodukte verkaufen. Es ist die Zeit der Industrialisierung, dem unerwarteten Gast gehört eine Schuhfabrik in Oberuzwil. Tatsächlich fanden dort zu jener Zeit 150 Menschen eine Arbeitsstelle.

So verschmilzt Giger Fakt und Fiktion, bis sie kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen seien «nicht immer ganz zufällig», heisst es am Anfang des Buches vielsagend. «Am Schönsten ist es», sagt der Autor verschmitzt, «wenn die Leser Wahrheit und Fiktion verwechseln.» Ein Mord auf Oberuzwiler Boden Was hat ihn, den Gast, besonders beeindruckt an Oberuzwil? «Weniger das einzelne, als vielmehr die Mischung», findet Giger. Gefallen hat ihm der Weiher, faszinierend fand er die Geschichte des Plantanenhofs und der Industriepioniere, gestaunt hat er über das Engagement der Bevölkerung. Giger ist überzeugt:

«Wer offen ist für Neues, findet überall Spannendes und Einzigartiges.»

Sogar auf einen Todesfall ist der Krimiautor gestossen: Ernst S., der während des Zweiten Weltkriegs wegen Landesverrats zu Gunsten des Dritten Reichs zum Tode verurteilt worden war, liess auf Oberuzwiler Gebiet sein Leben – eine weitere Geschichte, die ihren Weg ins Buch gefunden hat. «Ich habe aber trotz Recherchen nicht genau herausgefunden, wo die Hinrichtung stattfand. Es muss nahe der Gemeindegrenze in einer Waldlichtung gewesen sein.»

Die Jungen sind im Dorf verwurzelt

Der Krimi soll auch ein junges Publikum ansprechen. Eine der wenigen Vorgaben des Komitees lautete, dass das Buch sich auch als Lesestoff für die Oberstufe eignet. «Geschichte ist nicht langweilig und kalt», erklärt Giger den Titel seines Buches. Jung sind auch die Hauptfiguren im Roman, eine Gruppe Jugendlicher, die Betti-Clique. Überhaupt hat ihn die Jugend Oberuzwils stark beeindruckt:

«Bei den Recherchen habe ich mich auch mit Oberstufenschülern unterhalten. Ich habe gestaunt, wie verwurzelt sie im Dorf sind. Den Wunsch, wegzugehen, habe ich kaum gespürt.»

Hinweis: Am Donnerstag, 14. Februar, liest Andreas Giger um 19.30 Uhr im Singsaal der Oberstufe Oberuzwil aus dem Roman vor. Dort kann das Werk auch für sieben Franken erworben werden.

Kriminelle Energien in idyllischen Gemeinden

Seit dem Jahr 2011 schreibt Andreas Giger sogenannte Marken-Krimis. Es sind dies für einen Auftraggeber geschriebene Kriminalgeschichten, in welcher eine bestimmte Marke – zum Beispiel eine Gemeinde – die Hauptrolle einnimmt. «Alt ist nicht kalt», der in Oberuzwil spielt, ist bereits sein 23. Krimi – und wie seine Vorgänger hat auch dieses Werk einen gereimten Titel.

Den Krimi in Auftrag gegeben hat das Organisationskomitee des 1200-Jahr-Jubiläums. Andreas Giger studierte in Zürich Sozialwissenschaften und arbeitete in verschiedenen Feldern, darunter, Politik, Publizistik, Unternehmensberatung, Ghostwriting, Marketing und Zukunftsforschung. Der Schaffhauser wohnt seit 25 Jahren in Appenzell, heute im ausserrhodischen Wald. (tos)

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