Als die Schweizer Nati Europameister wurde und sogar im Obertoggenburg den Fussball populär machte

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte der Fussball einen Boom. Die Euphorie erreichte auch das Obertoggenburg.

Fabian Brändle
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Die Schweizer Spieler Pollits, Reymond und Oberhauser (von links) in der Abwehr eines Angriffs im Finalspiel der Olympischen Spiele gegen Uruguay am 9. Juni 1924 im Stade Colombes in Paris.

Die Schweizer Spieler Pollits, Reymond und Oberhauser (von links) in der Abwehr eines Angriffs im Finalspiel der Olympischen Spiele gegen Uruguay am 9. Juni 1924 im Stade Colombes in Paris.

Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Str.

Das Obertoggenburg ist eine stotzige Gegend, und der Talgrund ist schmal. Es ist also schwierig, ausreichend flaches Land für einen Fussballplatz mit Originalmassen bereitzustellen. Noch heute gibt es von Wildhaus bis hinab nach Krummenau keinen Fussballclub, der an einer offiziellen Liga teilnehmen kann.

Auch der FC Thurbord Alt St.Johann spielt auf einem kleineren Feld, als vom Fussballverband gefordert.

Zum ersten Mal im Aktivdienst gekickt

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) erlebte der Fussball in der Schweiz einen eigentlichen Boom. Viele junge Männer hatten während des Aktivdienstes zum ersten Mal gekickt.

Im Jahr 1924 erreichte zudem die Nationalmannschaft sensationellerweise den Final der Olympischen Spiele von Paris – und verlor gegen den Favoriten Uruguay um Andrade, damals die beste Mannschaft der Welt. Uruguay gewinnt den Final gegen die Schweiz mit 3:0. Die Schweizer Mannschaft gewann als Zweite des olympischen Turniers die Silbermedaille, womit sie auch als Europameister galten.

Die positiven Resultate der helvetischen Amateure euphorisierten die schweizerische Bevölkerung. Auch die Presse zog mit und berichtete erstmalig detailliert über Fussball, so auch die altehrwürdige NZZ.

«Proletarischer» Sport

Fussball jedoch hatte bei den bürgerlichen Eliten weiterhin einen schlechten Ruf, galt er doch als «proletarisch» und «proletenhaft». Die Buben in der Schweiz– Mädchen waren vom Fussball noch ausgeschlossen – wollten der neuen Entwicklung rund um die Fussballbewegung nicht nachstehen und imitierten ihre Idole. Doch konnten sich nicht alle einem organisierten Verein anschliessen.

Das war teuer, genauso wie die Ausrüstung. So spielten sie auf Strassen und in Hinterhöfen. Fussball wurde noch populärer, als 1931 der Profifussball eingeführt wurde und Stars wie «Trello» Abegglen, sein Bruder «Xam» Abegglen, Fredy Bickel oder Severino Minelli die Zuschauerinnen und Zuschauer entzückten.

Tierarzt, Offizier und Fussballfan

Im Toggenburg war es bereits in den Jahren um 1900 zu ersten Vereinsgründungen in den grösseren Dörfern wie Wattwil oder Ebnat-Kappel gekommen. Doch verfügten auch hier die Arbeiter- und Bauernkinder kaum über die nötigen Ressourcen, um sich einen Lederball oder ein Paar Ledernockenschuhe anzuschaffen.

Doch resignierten die Toggenburger Kinder ebenso wenig wie ihre Alterskollegen aus den Grossstädten. Willi Eppenberger, der im Jahr 1929 in Neu St.Johann geborene spätere Tierarzt und höhere Offizier sowie Ehemann der Nationalrätin Susi Eppenberger-Egger (FDP), war sportbegeistert und verfolgte die von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken instrumentalisierten Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin.

Nicht besonders talentiert

So gross war die allgemeine Begeisterung im Obertoggenburg, dass die Jugendlichen in einer gewissen kreativen Nachahmung den «Jugendsportclub Olympia» gründeten. Im Winter fuhren sie in erster Linie Ski, im Sommer war Fussball angesagt, der in der Zwischenkriegszeit zum Profi- und Zuschauersport Nummer eins avancierte, weiterhin gefördert durch Presse und Radio.

Besonders talentierte Kicker waren Willi Eppenberger und seine Neu St.Johanner Freunde jedoch nicht. So ging ein Match gegen Ebnat-Kappel sogar zweistellig verloren. Schon im Vorfeld hatten den Neu St.Johannern die Knie geschlottert. In der Folge verzichtete der solchermassen gedemütigte FC Neu St.Johann auf riskante Partien gegen auswärtige Mannschaften.

Hinweis
Willi Eppenberger, «Mein Leben mit Tieren und Menschen», Rückblick auf 80 Jahre Erdendasein. Wildhaus 2003. Fabian Brändle/Christian Koller; 4 zu 2; «Die goldene Zeit des Schweizer Fussballs 1918–1939»; Göttingen Verlag Die Werkstatt 2015.