Als die Schule im Wirtshaus war

Lange ist es her, seit in Burgau der Schulunterricht nur im Winter stattfand und das einzige Schulbuch der Katechismus war. In alten Schulprotokollen sind es oft die Nebensächlichkeiten, die einen Einblick in den Schulalltag ermöglichen.

Beatrice Oesch
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Um 1927: Lehrerin Margret Kunz (rechts) und ihre Klasse. Die Kinder schlecken «Messmogge». (Bild: pd)

Um 1927: Lehrerin Margret Kunz (rechts) und ihre Klasse. Die Kinder schlecken «Messmogge». (Bild: pd)

FLAWIL. Die Burgauer Schulchronik von Ruth Gurtner umfasst rund 140 Seiten aus verschiedenen Quellen. Erstmals erwähnt wird eine Burgauer Schule bereits im 16. Jahrhundert. Der Unterricht fand nur im Winter jeweils in der Wohnstube des Lehrers statt. Als Lehrmittel dienten Katechismus, Testamente, Kalender und Zeitungen. Das Einkommen der Lehrer war sehr gering, was sie zwang, für zusätzliche Einkünfte zu sorgen. So auch Elias Bösch, der von 1835 bis 1858 in Burgau unterrichtete. Sein Jahresgehalt betrug 14 Gulden. Seine Wohn- und Schulstube diente ihm zusätzlich als Versammlungslokal und Wirtshaus, was vom Schulrat nicht gern gesehen wurde. Einträge in den Schulprotokollen ermöglichen einen Einblick in den Alltag der Schulkinder. Obwohl der Schulrat 1866 beschloss, dass Kinder während der Alltagsschule nicht für Fabrikarbeit eingesetzt werden durften, zeigte es sich zwei Jahre später, dass noch immer Kinder in Sticklokalen «fädeln» mussten. Die Ganzjahresschule wurde 1876 eingeführt.

Schulhausgülle versteigert

Wenn es darum ging, dringend benötigtes Geld für die Schule aufzutreiben, waren die Burgauer sehr kreativ. 1814 wurden jedem Bürger bei seiner Verheiratung zwei Taler Schulgeld auferlegt. Der Keller des ersten Schulgebäudes aus dem Jahr 1844 wurde als Weblokal mit drei Webstühlen genutzt. Dieser Kellerraum diente ab 1869 als «Turnhalle». 1876 wurde beschlossen, für einen Turnplatz «4 Aren Boden à 55 Rappen» anzukaufen. Sogar die Schulhausgülle wurde jahrelang gewinnbringend an den Mann gebracht. So ersteigerte 1865 Ulrich Kunz aus dem «Welschhüsli» das flüssige Gold für 13.50 Franken.

Epidemien – und Süsses

Etliche Male blieb in Burgau die Schule wegen Krankheiten geschlossen, zum Beispiel im August 1936 wegen «unglücklichen Fällen von Kinderlähmung». Auch Scharlach, Masern und Grippe brachten den Unterricht zum Erliegen. Doch auch Positives ist vermerkt. So sind ab 1861 immer wieder «Schulspaziergänge» oder Schulreisen erwähnt, zum Beispiel an die «Gestade des Bodensees» in Rorschach. 1925 erhielten die Schulkinder Znünimilch, und im gleichen Jahr durften sie den Zirkus Knie in St. Gallen besuchen.

Im Juli 1957 freuten sich die Kinder über Hitzeferien. Der kürzlich in seinem 95. Lebensjahr verstorbene Burgauer Ernst Baumann bezeichnete «Fräulein» Margret Kunz als besonders beliebte sowie fortschrittliche Lehrerin: «Sie ging mit den ausgemergelten Kindern an die frische Luft zum Zeichnen und Modellieren. Jedes Jahr bekam sie ein Paket mit «Basler Messmogge» (bunte Zucker-Schleckstengel mit Haselnussfüllung, red.), und jedes Kind bekam einen – das war immer ein Fest.» Margret Kunz unterrichtete in Burgau von 1923 bis 1934.

Mit dieser Folge beschliessen wir die Serie über das Leben im alten Burgau, die wir aus Anlass des 1050-Jahr-Jubiläums in loser Folge publiziert haben.

Das Burgauer Schulhaus, das heute als Versammlungslokal dient.

Das Burgauer Schulhaus, das heute als Versammlungslokal dient.

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