Als die Flawiler flawilisierten

Am 7. August 1836 gelangte Flawil zu europäischer Berühmtheit. 8000 Männer versammelten sich damals auf der Weidegg, um für mehr Volksrechte zu demonstrieren. Es war der Anfang der Schweiz, wie wir sie heute kennen.

Donat Beerli
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Die Lithographie von J. Werner zeigt die Volksversammlung vom 7. August 1836 auf der Weidegg in Flawil. (Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv)

Die Lithographie von J. Werner zeigt die Volksversammlung vom 7. August 1836 auf der Weidegg in Flawil. (Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv)

FLAWIL. Geblieben ist nur der Gedenkstein, der an den Tag erinnert, an dem Flawil in aller Munde war. An jenem regnerischen Sonntag, dem 7. August 1836, wurde die St. Galler Gemeinde auf einen Schlag über die Landesgrenzen hinweg berühmt. Aufmüpfige Männer aus den Kantonen St. Gallen, Appenzell, Glarus, Thurgau und Zürich strömten auf die Flawiler Weidegg, um von der Tagsatzung (siehe Kasten) den Erhalt der «Unabhängigkeit und Freiheit des Vaterlandes» zu fordern.

Schweiz war gespalten

Bei der Massenkundgebung ging es unter anderem um ein Thema, das dieser Tage wieder heftig diskutiert wird – die Asylpolitik. Die Tagsatzung hatte unter dem Druck der Grossmächte Frankreich, Preussen und Russland beschlossen, die grosszügige Asylpraxis der liberalen Kantone einzuschränken, wie Historiker Josef Lang schreibt. Dies führte zur Ausweisung von Flüchtlingen, wogegen sich die Volksversammlung zu wehren versuchte.

Die Schweiz war zu jener Zeit innerlich zerrissen, der Kantönligeist gross, umso erstaunlicher ist darum die Tatsache, dass sich Männer aus verschiedenen Kantonen gemeinsam für die Eigenständigkeit der Schweiz stark machten und einen festgefügten Bundesstaat forderten. «Die Überwindung der kantonalen Grenzen zu jener Zeit ist bemerkenswert», sagt alt Nationalrat Lang. Das sei eigentlich undenkbar gewesen.

Der Wunsch nach Einigkeit und einer einheitlichen Bundesverfassung war gross bei den Protestierenden, doch die europäischen Mächte sahen nicht gern, was sich an diesem Tag im beschaulichen Flawil abspielte. «Ich bin sicher, dass es österreichische Spitzel unter den Leuten hatte», sagt Lang. «Die Mächtigen hatten Angst.»

Flawilisieren entsteht

Im Zuge der Versammlung wurde auch ein Wort geboren, das wahrscheinlich nur noch den älteren Flawilern ein Begriff sein dürfte: Flawilisieren. Gelegentlich liest man es in Leserbriefen unserer Zeitung, doch nur die wenigsten wissen, dass es sich dabei nicht einfach um ein Wort handelt, das den Geist der Volksversammlung von 1836 beschreibt, sondern dass Flawilisieren in jener Zeit zu einem Schimpfwort für die europäischen Kabinette wurde.

«Flawil war den Aristokraten sicher nicht bekannt», sagt Lang, «aber irgendwie musste dieser Aufstand beschrieben werden, denn er stand für Revolution.» Er vermute, dass dies der Grund für die Entstehung des Wortes sei. «Hätte die Versammlung in Genf stattgefunden, hätte man wahrscheinlich nicht «Genferisieren» daraus gemacht», so Lang. Denn im Gegensatz zu Flawil sei Genf ja auch sonst bekannt gewesen.

In Historikerkreisen bekannt

Gehört die Flawiler Volksversammlung und damit verbundene Wortschöpfung demnach zur Schweizer Geschichte? «Es ist ein fester Begriff in der Entstehung der Schweiz», konstatiert Lang. Die Versammlung und die folgenden Kundgebungen in Wiedikon, Reiden, Wohlenschwil, Münsingen und Genf hätten mit Sicherheit zur Geburt der heutigen Schweiz beigetragen. Das den Flawilisierern eine solche Bedeutung in Historikerkreisen zuteil wird, überrascht auch Urs Schärli vom Flawiler Ortsmuseum. «Ich dachte, es handle sich dabei um einen Lokalkolorit.» Man wisse natürlich von der Volksversammlung 1836, doch dass Flawilisieren bei Fachleuten solche Beachtung erhalten habe, hätte er nicht vermutet.

Fest zum 150-Jahr-Jubiläum

150 Jahre nach der Versammlung, im Jahr 1986, veranstaltete Flawil in Erinnerung an die Kundgebung den Flawiler Tag. In Anwesenheit von Bundesrat Kurt Furgler, der in seiner Rede das Selbstbestimmungsrecht der Flawilisierer beschwor, wurde der Findling in der Weidegg plaziert, wo er noch heute steht.

Der Gedenkstein an die Flawiler Volksversammlung auf der Weidegg. (Bild: Donat Beerli)

Der Gedenkstein an die Flawiler Volksversammlung auf der Weidegg. (Bild: Donat Beerli)

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