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Alltag im Knast – ein Besuch im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang

Die Gefängnislandschaft im Kanton St. Gallen ist im Umbruch, Bazenheid wird bis 2024 geschlossen. Einziges verbleibendes Gefängnis der Region ist das Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang. Höchste Zeit, einmal einen Blick hinter die Gefängnismauern zu werfen.
Lara Wüest
Der Sicherheitsfachmann Martin Bürge kümmert sich auch um alltägliche Probleme der Insassen. Bild: Lara Wüest

Der Sicherheitsfachmann Martin Bürge kümmert sich auch um alltägliche Probleme der Insassen. Bild: Lara Wüest

Wie immer, wenn Martin Bürge mit seiner Arbeit beginnt, schnallt er sich auch an diesem Morgen einen Einsatzgurt um die Hüften. Ein Pfefferspray hängt daran, Handschellen, dazu ein Telefon mit Alarmknopf. Denn wenn Bürge arbeitet, muss er immer auf alles gefasst sein. Auch auf das Schlimmste. Einmal, da hat ein Insasse, dem es gerade nicht gut ging, angedroht, sich selber schwer zu verletzen. Und Martin Bürge war derjenige, der als erster in seine Zelle musste, um den Mann von seinem Vorhaben abzubringen oder um den Notarzt zu rufen.

In einer solchen Situation zählt jede Sekunde. Wenn Martin Bürge zögert, kann das schlimme Folgen haben. Und doch ist es gerade das, was er zuweilen wohl am liebsten tun würde:

«Ich weiss jeweils nicht, was mich hinter der Zellentür erwartet. Ob der Insasse auf mich losgeht, oder ob überall Blut ist.»

Solche Augenblicke der Ungewissheit seien das Schlimmste an seinem Job.

Martin Bürge ist Sicherheitsmann im Massnahmenzentrum Bitzi. Früher hätte man ihn Wärter genannt, heute gilt diese Bezeichnung in der Branche als geringschätzig. Er und seine Arbeitskollegen sind nicht nur für die Sicherheit im Gefängnis verantwortlich. Sie begleiten die Insassen zum Beispiel auch, wenn diese einen Termin bei den Behörden haben. Oder führen Urinkontrollen durch. Sie müssen immer wissen, wo sich jeder einzelne Häftling aufhält, denn bei ihnen laufen die Fäden zusammen.

Ein Gefängnis ohne Gitterstäbe

Oft verlaufen die Tage im Bitzi ohne Zwischenfälle, auch der 54-jährige Bürge kennt die Routine. Doch es gibt eben auch Tage der Extremsituationen, an denen es keine Routine gibt. An diesem Donnerstagmorgen, an dem die restliche Schweiz im Schneechaos versinkt, bleibt es im Bitzi ruhig. Eine dicke Schneeschicht und fast gespenstische Stille haben sich über das Gefängnisareal gelegt. Ein Areal, das ein wenig wie eine Schule aussieht, wäre da nicht der Maschendrahtzaun, der die drei rechteckigen, blaugrauen Gebäude von der Aussenwelt trennt. Gitterstäbe sucht man vergebens, die Fenster bestehen aus elektronisch gesichertem Panzerglas. Immer wieder öffnet sich das Eingangstor, Leute betreten und verlassen das Gelände.

Das Bitzi ist kein klassisches Gefängnis, sondern ein Massnahmenzentrum. Hier sitzen Männer ein, 49 sind es derzeit, die psychisch krank oder suchtkrank sind. Einige von ihnen sind Mörder, Vergewaltiger oder Pädosexuelle.

«Es sind Menschen, die rückfällig werden könnten und zur Deliktbearbeitung und Risikoverminderung eine forensische Therapie brauchen», sagt Gefängnisdirektor Claudio Vannini. Im Gegensatz zu klassischen Gefängnissen arbeiten hier deshalb auch Therapeuten und Sozialarbeiter. Und im Unterschied zu klassischen Gefangenen wissen die Insassen nicht, wann sie freikommen. Denn erst, wenn sie als therapiert gelten, werden die Männer entlassen.

Kurz vor halb acht sitzt Martin Bürge, ein mittelgrosser Mann mit strahlend blauen Augen, im Büro einer Wohngruppe in der geschlossenen Abteilung und erzählt von seinem Alltag. Eine lange Narbe – sie stammt nicht etwa von einem Häftling, sondern von einem Unfall mit einer Kettensäge – zieht sich vom linken Mundwinkel über seine Wange. Sie verleiht dem Gesicht des Sicherheitsmannes etwas Hartes.

Seit zehn Jahren arbeitet er im Bitzi, er sei in diesen Beruf hineingerutscht, sagt er. Früher war er Zimmermann. Längst ist die Arbeit um schwere Straftäter für ihn alltäglich geworden, doch vor zehn Jahren hat ihn diese fremde Welt fasziniert. Ein Stück weit auch, weil er in ihr eine Respektsperson ist.

In die geschlossene Abteilung, in der Bürge an einem Tisch sitzt, kommen die Insassen zu Beginn ihrer Zeit im Bitzi. Weil eine Mitarbeiterin krank ist, muss der Sicherheitsfachmann heute Morgen hier aushelfen: Zusammen mit der Wohngruppenbetreuerin lässt er die inhaftierten Männer um halb acht aus den Zellen. Denn das dürfen die Angestellten auf der geschlossenen Abteilung aus Sicherheitsgründen nur zu zweit. Bürge sagt:

«Wir wissen nie, was die Nacht mit den Männern gemacht hat.»

Wie alles im Bitzi verläuft auch das Türöffnen nach klaren Vorgaben: Bürge geht gut eine Armeslänge von der Tür in Position und schiebt den rechten Fuss nach vorn. So knallt die Türe gegen seinen Fuss und nicht in sein Gesicht, falls ein Insasse diese ruckartig aufstösst. Dann dreht er den Schlüssel, immer zweimal, und öffnet die Tür zaghaft einen kleinen Spalt. «Guten Morgen», sagt er in die meist noch dunklen Zellen hinein.

Wenn der Insasse ein Lebenszeichen von sich gibt, geht er eine Türe weiter. Kurz darauf sind alle Zellentüren offen, die Inhaftierten auf den Beinen. Martin Bürge eilt weiter zur Küche, um das Frühstück für zwei Männer im Arresttrakt zu holen. In diesen kommen die Insassen, wenn sie gegen die Hausordnung verstossen. Etwa, weil sie Haschisch rauchten oder zu spät zu einer Therapiesitzung kamen. Seit ein paar Tagen sitzen zwei Inhaftierte dort in ihren Zellen. Einer hat versucht, einen Mithäftling zu verprügeln, der andere hat sich «unangemessen verhalten», wie Bürge sagt.

Einer floh aus dem Einkaufszentrum

Im Nachbargebäude sitzt die 38-jährige Nicole Bruderer im Büro. Sie betreut eine Wohngruppe in der offenen Abteilung. Die Insassen hier dürfen das Bitzi unter Begleitung ab und zu verlassen. Im Moment ist die Wohngruppe verwaist, die Männer arbeiten irgendwo auf dem Gelände, etwa in der Landwirtschaft oder Schreinerei.

Die junge Frau, die wie Bürge seit zehn Jahren im Bitzi tätig ist, trägt einen schwarzen Schlabberpulli, die Haare zu einem Knoten hochgesteckt, ihre Fingernägel rot lackiert. Sie musste den Lack auch schon entfernen, weil ihr ein Sexualstraftäter über «ihre schönen Nägel» Komplimente machte und sie dabei «so komisch ansah». Er erinnert sich:

«Mir lief es kalt den Rücken hinunter.»

Trotzdem fühlt sie sich als Frau unter Schwerverbrechern sicher. «Wenn etwas ist, drücke ich auf den Alarmknopf und die Sicherheitsleute sind innerhalb von Sekunden hier.»

Wenn die Psychiatriefachfrau von ihrer Arbeit erzählt, glänzen ihre Augen. Sie mag Menschen, sagt sie, «auch die Straftäter» – obwohl viele ihrer Taten jenseits von Bruderers Vorstellungskraft liegen. Doch Mensch und Tat müsse man unterscheiden. Sie hat in ihrem Job schon viel erlebt. Einmal nahm zum Beispiel ein Einkaufsbummel mit einem Insassen ein unschönes Ende: Nur kurz habe sie weggeschaut und weg war dann auch der Inhaftierte. Heute kann Bruderer darüber schmunzeln. «Doch damals», sagt sie, «war es ein riesiger Schock.» Und die Erleichterung gross, als die Polizei den Flüchtigen drei oder vier Tage später wieder gefangen nahm.

Die Schicht neigt sich dem Ende zu

Mittlerweile ist es kurz nach zwölf. Martin Bürge hat fast alle seine heutigen Pflichten erledigt: Den Besuch einer Pflegeperson von der Spitex überwacht, die nach dem verletzten Fuss eines Insassen schauen musste. Die Post kontrolliert. Fragen von Insassen und Mitarbeitern beantwortet.

Seine Schicht, die bereits um halb sechs in der Früh begann, neigt sich dem Ende. Um halb zwei werden er und sein Kollege die Sicherheit im Bitzi in die Hände der Spätschicht übergeben. Doch zuerst steht noch das Mittagessen in der Kantine an. Die Strenge, die Bürge vor den Insassen an den Tag legt, fällt vor seinen Kollegen von ihm ab. Fast so, als wäre er ein anderer. Und ein bisschen beginnt man zu verstehen, was sein Beruf ihm manchmal abverlangt.

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