«Alls was bruchsch uf de Wält» geboten

Die Sonne scheint, das Gras wiegt im Wind: Das Wetter stimmt. Zum Glück, denn sonst hätte der Thurgauer Familien-Jodelsonntag nicht stattfinden können. Oben im Roset signalisieren geparkte Fahrzeuge, gelbe Sonnenschirme, Holztische, Bänke und viel Publikum rege Betriebsamkeit.

Daniela Huber
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Für akustische, aber auch optische Höhepunkte sorgte das Chinderchörli vom Tannzapfenland. (Bild: Nana do Carmo)

Für akustische, aber auch optische Höhepunkte sorgte das Chinderchörli vom Tannzapfenland. (Bild: Nana do Carmo)

Die Sonne scheint, das Gras wiegt im Wind: Das Wetter stimmt. Zum Glück, denn sonst hätte der Thurgauer Familien-Jodelsonntag nicht stattfinden können. Oben im Roset signalisieren geparkte Fahrzeuge, gelbe Sonnenschirme, Holztische, Bänke und viel Publikum rege Betriebsamkeit. Es wird Saft vom Fass getrunken und auf der Bühne, die ein bisschen an einen Boxring erinnert, ernten Ruth und Röbi gerade Beifall. Rote Sennenchutteli und Edelweisshemden sorgen für farbliche Akzente. Vor der Scheune gibt's Mahlzeitenbons: rosa für Cervelats, blau für Bratwürste, und gelb für Menus. Jetzt wird «Frühlingszeit» gesungen. Unendlich hohe und runde Töne sprudeln hervor und machen Lust auf Tage und Abende in den Bergen. «Mini Läbesfreud». Noch mehr Töne kullern in ungeahnte Höhen und Tiefen. Mit «Ganz en schöne Traum» geht's weiter. Die Sterne, die zeigen den Weg nach Hause. «Da isch no en Huet vergesse gange.» Ach so, das ist kein Lied, sondern eine Durchsage. Irgendwo scheint tatsächlich noch ein Hut liegengeblieben zu sein.

Vision am späten Abend

Kuchen und Kaffee gibt es auch. Zuckerwürfel liegen schon in den Glastassen, bereit für einen Kafi Lutz. Die Linzertorte wird gerade aus der Alufolie gewickelt. Da und dort huscht eine Dame in Tracht vorbei, und gelegentlich taucht eine verspiegelte Sonnenbrille oder eine Tätowierung auf. Schürzen und Spitzentücher treffen auf Minikleider, Zöpfe auf Kurzhaarfrisuren. «Alle sollen kommen, wie sie wollen», sagt Urs Sturzenegger, Präsident des Jodlervereins Sirnach. «Auf diesem Platz hier im Roset sieht man bis ins Tal hinunter, weit in den Thurgau hinein.» Genau hier habe er eine Vision gehabt. Es sei schon spät am Abend gewesen, als er die Idee gehabt habe, hier einen Jodelsonntag für die Thurgauer Jodler und ihre Familien ins Leben zu rufen. «Jetzt, zwei Jahre später, sitzen hier so viele Menschen, dass kein Platz mehr frei ist.»

Auch Alphorn wird gespielt. Der Wald wiegt sich leise im Wind. Ist das nicht die Melodie aus dem Fernsehfilm «Heidi» aus den 90er-Jahren? Wahrscheinlich nicht, aber gepasst hätte sie. «En Guete»: Man beisst in Brot und Cervelat.

Die Krux mit dem O

«Mir wüsse nüt vo Herrestolz», wird gesungen, «jede isch vo gliichem Holz.» Das stimmt irgendwie. Ein paar Plastikteller stehen herum, ein Notenblatt liegt auf dem Boden und Most, Bier oder Wein wird aus fleckigen Bechern getrunken.

«Das isch jetzt sträng gsi, du», stellt eine Jodlerin fest und zupft das rote Hemd zurecht. Jodeln, das ist wahrscheinlich nicht nur streng, sondern auch schwierig. Was passiert denn genau mit der Stimme, den Stimmbändern? Wenn man selbst die Lippen zum O formt und zu singen versucht, hört sich dies irgendwie anders an...

Um zwei Uhr mittags jodelt das Chinderchörli vom Tannzapfenland. Die Kleinen sollen das Jodeln jetzt kennen und mögen lernen. Denn später werden ganz andere Sachen wichtig. Muscle Pump zum Beispiel oder Yoga. Und wer jodelt dann für unsere Enkelkinder?

Seppli und das Jagdgewehr

Wie die Kleinen dann «De Gämselijäger» singen, ähneln nicht alle Münder dem typischen O. Hier und dort schleicht sich auch ein Gähnen oder ein Grinsen ein. Dafür schiesst ein braungebrannter kleiner «Seppli» mit einem Spielzeuggewehr auf unsichtbare Gemsen. Die Meitli halten die Hände unter ihren Schürzchen verschränkt und blicken verträumt zum Himmel. Schliesslich müsse der Seppli ja doch «es luschtigs, gäbigs Fraueli haa» und nicht immer Gemseli schiessen. Das Publikum ist begeistert. Zugabe, Zugabe, Zugabe! «Alls was bruchsch uf de Wält, das isch Liebi» singen die Kleinen nun und schunkeln im Takt. «Alls was bruchsch uf de Wält häsch du sälber» – das Publikum bewegt sich mit. Spätestens jetzt ist die Welt in Ordnung.

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