Alles, nur kein «Märchenonkel»

Max Luther ist mehr Realist denn Idealist. Als diplomierter Marketingleiter war er international für verschiedene Firmen tätig, und noch heute ist er im Ausbildungsbereich beruflich aktiv. Seine Passion sind jedoch die Märchen.

Andrea Häusler
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Max Luther besitzt über 250 Märchen-CDs, die er beinahe alle auswendig kennt. Bilder: Michel Canonica

Max Luther besitzt über 250 Märchen-CDs, die er beinahe alle auswendig kennt. Bilder: Michel Canonica

Ein strahlender Sommertag. Doch die Wohnung im ersten Stock der Alterssiedlung an der Langwiesenstrasse im thurgauischen Wilen liegt im Halbdunkeln. Nur spärlich fällt etwas Sonnenlicht durch die heruntergelassenen Jalousien auf den Tisch, wo sauber geordnet Schreibzeug, Hefte und Medikamentenverpackungen liegen. Dass alles seinen Platz hat, ist wichtig, denn Max Luther ist blind.

Das war nicht immer so. Der ausgebildete Marketingleiter und PR-Berater war gerade in New Jersey beschäftigt, als sich plötzlich seine Sicht trübte, die Umwelt nur mehr schemenhaft wahrnehmbar war. Die Diagnose in der Augenklinik war niederschmetternd. «Der Arzt sagte mir, dass ich in zehn Jahren nichts mehr sehen würde», erinnert sich Max Luther und ergänzt: «Natürlich habe ich ihm nicht geglaubt.» Doch sein Augenlicht erlosch. Langsam genug immerhin, um sich mit einer Zukunft ohne Sehvermögen zu befassen.

Den entscheidenden Impuls erhielt er über Radio. Eine Emmentaler Bäuerin habe in der damaligen DRS 1-Sendung «Morgenmensch» aus ihrem Leben berichtet: Von der täglichen Arbeit auf dem Hof und von ihrem Hobby, dem Märchenerzählen. Erzählen, wusste Max Luther, das war auch ohne Augenlicht möglich. Und für ihn waren die Weichen gestellt. Obwohl oder gerade weil er mit Märchen keinerlei Kindheitserinnerungen verbindet und ihm zum vornherein bewusst war, dass er sich damit in eine Frauendomäne begab.

«Ich brauche die CDs nur einmal»

Es war im Jahr 2004, als er sich für die zweijährige Ausbildung an der Märchenschule in Grosshöchstetten einschrieb. «In der Klasse sassen 18 Frauen – und ich», schmunzelt Max Luther. Während der Blockkurse befasste er sich intensiv mit Märchen, mit deren Aufbau, der Mimik und Gestik während des Erzählens sowie mit der Stimmbildung. «Ich habe rund 200 Kinder- und Hausmärchen kennen gelernt», sagt er. Die Grimm-Märchen bildeten die Basis, doch faszinierten ihn speziell die russischen, chinesischen oder japanischen Erzählungen.

Heute reihen sich, sauber geordnet und in Brailleschrift bezeichnet, um die 250 Märchen-CDs auf dem Regal im Wohnzimmer seiner gepflegten Zweieinhalbzimmer-Wohnung. Genutzt werden sie kaum. «Ich brauche die CDs nur einmal – zum Lernen», sagt er und ergänzt: «Aus dem Stand kann ich 150 bis 200 erzählen.» Das tut er meist in Dialekt. Wobei er sich nicht stur an die vorgegebenen Formulierungen hält. «Ich möchte mich der Zuhörerschaft anpassen, lasse Stellen aus und spinne sie später wieder ein.» Ein Mann als Märchentante? Oder eben ein Märchenonkel? Max Luther winkt lachend ab und sagt entschieden: «Alles nur das nicht.»

Zauber- oder Wundermärchen, legendenartige oder novellenartige Märchen, Erzählungen für Kinder und Erwachsene – die Bandbreite ist gross, die Auswahl schier unbegrenzt. Hat Max Luther ein persönliches Lieblingsmärchen? Nein, er hat viele. Darunter auch eines aus China.

Wortlos steht er auf, tastet sich durch den Raum und greift nach einem Glöckchen. Dann beginnt er mit ruhiger, warmer Stimme zu erzählen. Von Mo, dem unglücklichen Apotheker und dem Mönch, dessen Glocke die Papierstreifen mit den Gebeten zum Schwingen brachte und die Herzen der Menschen erfreute. Fast unterbruchlos knüpft er das Märchen vom Gelben Storch an. Einmal ins Reich der Märchen eingetaucht, scheint er Zeit und Raum zu vergessen. Und dem Zuhörer geht es gleich.

Max Luthers Publikum sind Kinder und Erwachsene gleichermassen. Wobei er das Erzählen vor Kindern besonders mag. Wenngleich er dafür die doppelte Zeit einplanen müsse, wie er sagt. Luther ist jedoch auch bei Vereinen zu Gast, in Altersheimen, an Firmenabenden oder in der Pflegewohnung im Untergeschoss. Dort lebt, seit 2012, seine Frau Patricia. Menschen mit einer Demenzerkrankung hätten durchaus Zugang zu (alten, sehr bekannten) Märchen, sagt Luther, der sein Wissen und seine Erfahrung auch schon an Aktivierungstherapeutinnen weitergegeben hat.

Märchen und sanfte Harfenklänge

Wenn Max Luther auftritt – und das tut er seit nunmehr 15 Jahren – steht er oft im Team vor dem Publikum. An seiner Seite musiziert die Harfenistin Evelyne Strässle. Die beiden verbindet eine langjährige Freundschaft. «Das Märchenerzählen ist mein Hobby, verbunden mit sozialem Engagement», sagt Max Luther, der jährlich zehn bis zwölf Auftritte absolviert. Danebst gibt er nach wie vor Kurse und unterrichtet an der Swiss Marketing Akademie in Recht, Marktforschung und Innovationsmanagement. «Ich bin so eingerichtet, dass ich interaktiv arbeiten kann.»

Der Computer ist seine rechte Hand oder das sehende Auge. Im geschäftlichen Bereich, aber auch dann, wenn es um seine Passion, die Märchen, geht. Sogenannte Screenreader, die geschriebene Texte in einer künstlichen Sprachausgabe oder als tastbare Braille-Zeile ausgeben, sorgen für Barrierefreiheit im Internet.

Trotz einiger Schicksalsschläge hat Luther nie die Lebensfreude verloren. Wenn er zu Hause am runden Tisch sitzt und über die Vergangenheit spricht, wirkt er zufrieden. Woher wohl lässt sich so viel Zuversicht gewinnen? Vielleicht sollte man dafür einfach zu einem Märchenbuch greifen. Einen Versuch wäre es wert.