Glosse

Allerheilige Fusionen: Der Feiertag hat einen überraschenden Hintergrund

Mit Allerheiligen befindet sich die Kirche ganz und gar am Puls der Zeit.

Tobias Söldi
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Allerheiligen auf dem Ostfriedhof St. Gallen (Bild: David Suter)

Allerheiligen auf dem Ostfriedhof St. Gallen (Bild: David Suter)

Kritische Geister unterstellen der Kirche und ihren Institutionen bekanntlich gerne einen gewissen Konservatismus, eine Behäbigkeit gegenüber Neuerungen, eine Skepsis gegenüber mancher Strömung der Moderne. Doch gerade der heutige Tag – Allerheiligen – zeigt eine andere Seite der Kirche, eine, die ganz und gar dem Puls der heutigen Zeit entspricht. Eine kleine Recherche brachte nämlich Überraschendes zu Tage: Allerheiligen ist dem Fusionsgedanken geschuldet.

Und das ist ein Gedanke, der sich heutzutage grosser Beliebtheit erfreut. Landauf landab vereinigen sich Verbände, Vereine, Sektionen und Gemeinden. Auch in der Region: Vereinigt haben sich in diesem Jahr etwa die Feuerwehren der Region zur gemeinsamen Feuerwehr Region Uzwil, die regionalen Spitexorganisationen zur Spitex Region Uzwil, die Haueigentümerverbände Flawil und Uzwil. Die Überlegungen dahinter: grössere Effizienz und Kosteneinsparungen.

Dichtestress bei den Heiligen und Märtyrern

Und was haben diese Fusionen nun mit Allerheiligen zu tun? Der Name des Festes deutet darauf hin: An Allerheiligen wird allen Heiligen und Märtyrern gedacht. Und davon gibt es viele: Im «Martyrologium Romanum» der Römisch-katholischen Kirche sind 6650 Heilige und Selige verzeichnet sind sowie 7400 Märtyrer.

Es braucht keine grossen Rechenkünste, um zu sehen, dass sich hier ein Dichtestress anbahnt, der unter den Platzhirschen der Heiligen wohl zu so manchen Diskussionen geführt hat. Das Jahr ist ganz einfach viel zu kurz, als dass jeder einzelne Heilige und Märtyrer seinen eigenen Feiertag bekommt.

«Fusionisten» avant la lettre

Das war auch den Kirchenoberhäuptern in den ersten Jahrhunderten klar – und als «Fusionisten» avant la lettre, ganz dem Effizienzgedanken verpflichtet, vereinigte man Anfang des 4. Jahrhunderts die unzähligen Heiligenfeste flugs zu einem gemeinsamen Fest: Allerheiligen. Effizient, praktisch, gut. Im 8. Jahrhundert wurde das Fest dann vom Sonntag nach Pfingsten auf den 1. November verschoben.

Und was gut ist, währt lange. Die fusionierten Verbände und Organisationen können also beruhigt in die Zukunft schauen. Die Kirchengeschichte zeigt: Fusionen «verheben».