ALGETSHAUSEN: Die Flöhe verlassen den Wald

Elf Jahre hat Eveline Scherrer die Waldspielgruppe zusammen mit einem Helferteam geleitet. Jetzt ist Schluss. Weil sie keine Nachfolgerin gefunden hat, wird das Spielparadies im Wald aufgelöst.

Kathrin Meier-Gross
Drucken
Teilen
Zum letzten Mal lassen die Kinder die Legscheiben den Stab hinunterdrehen – die Waldspielgruppe Floh hatte eine Vielzahl an ungewöhnlichen, fantasievollen Spielgeräten. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Zum letzten Mal lassen die Kinder die Legscheiben den Stab hinunterdrehen – die Waldspielgruppe Floh hatte eine Vielzahl an ungewöhnlichen, fantasievollen Spielgeräten. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Kathrin Meier-Gross

redaktion@wilerzeitung.ch

Abschied nehmen musste sie jeden Sommer. Immer dann, wenn «ihre» Mädchen und Buben in den Kindergarten eintraten. Diesen Sommer ist der Abschied anders, heftiger, definitiv. Eveline Scherrer und ihr Helferteam haben in der Woche vor den Sommerferien alle Kinder zur Fahrt mit Ross und Wagen eingeladen und anschliessend in «ihrem» Waldparadies zum letzten Mal gemeinsam mit den Eltern gebrätelt. Die Flöhe sind noch einmal auf den Seilen herumgeturnt, über die Wackelbrücke geklettert, haben das Xylophon zum Klingen gebracht und die unbeschwerte Freiheit genossen, welche die Natur den Kindern im Wald bietet.

Lange nach einer Nachfolgerin gesucht

Eveline Scherrer hat lange nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger gesucht. Aber niemanden gefunden. Auch vom Leiterteam wollte keine die Verantwortung übernehmen. Dabei sind im lichten Waldstück am unteren Vogelsberg, das die Spielgruppe nutzen durfte, eine Vielzahl an fantasievollen Spielobjekten aus Holz aufgebaut worden. Bei Regen bot das überdachte Waldsofa Platz. Im Winter oder bei gar strubem Wetter konnte die Hütte der Forstarbeiter genutzt werden. Allerdings bedeutete dieses kindgerechte Spielparadies auch viel Arbeit.

Eveline Scherrer, unterstützt von ihrem Mann und ihren Kindern sowie weiteren Teammitgliedern, hat unzählige Stunden mit Platz unterhalten und Vorbereitungen verbracht. Haben doch nicht nur Kinder die gut eingerichteten Feuerstellen benutzt. Wochenenden, Feiertage oder Ferien – am Sonntagabend hat die Familie Scherrer Schenk oft die Verwüstungen und Beschädigungen von Vandalen beheben müssen, damit die Spielgruppen von Montag- bis Freitagmorgen einen sauberen Platz vorgefunden haben. Sie habe sich manchmal gefragt, warum sie trotz dieser frustrierenden Erlebnisse weitermache. Die Antwort sei einfach: der Kinder wegen, sagte Eveline Scherrer.

Und diese haben die Zeit im Wald genossen. Vom Begrüssungs- bis zum Abschiedslied. Sie haben den Wald und die Tiere dort begrüsst, achtsam Rehplätze beobachtet, Pflanzen und Waldbewohner kennen gelernt, gebastelt, im Schnee gespielt und vieles mehr. Eveline Scherrer war es ein Anliegen, dass neben der Grobmotorik auch die Feinmotorik gefördert wurde und hat entsprechende Spielgeräte und Bastelarbeiten kreiert. Ein weiteres Ritual war, dass während der Znünipause immer eine Geschichte erzählt wurde.

Es sei spannend gewesen zu beobachten, wie die Kinder sich mit der Zeit immer selbstsicherer bewegt hätten, erklärte eine Begleiterin. Feuer machen, mit anderen Kindern draussen spielen, im Wasser herumstampfen und dreckig werden – ihre Tochter sei bei jedem Wetter gerne in den Wald gegangen, sagte die Mutter der vierjährigen Selina Blaser.

Wehmut und Bedauern beim Abschied

Wehmut war beim Abschied nicht nur beim Leiterteam spürbar. Auch die Eltern drückten ihr Bedauern aus, dass es die Waldspielgruppe Floh nicht mehr geben wird. Mit Präsenten bedankten sie sich bei den engagierten Spielgruppenleiterinnen. Auch die Kinder durften ein Geschenk mit nach Hause nehmen. «Besucht weiterhin den Wald», forderte Eveline Scherrer die kleinen Flöhe auf. Einige der Spielkonstruktionen werden an andere Institutionen verschenkt, das Waldsofa bleibt vorerst bestehen. Nach und nach wird dann die Natur wieder den Platz überwuchern. «Die Zeit mit den Kindern habe ich sehr genossen. Sie war spannend. Momentan fühle ich eine Leere im Herzen. Aber so wird auch Platz für Neues geschaffen», schloss die Initiatorin der Waldspielgruppe Floh.