Akzeptanz für den Abfall schaffen

Seit vergangenem Sommer ist Rainer Heiniger in Pension. Zuvor war er 22 Jahre lang in der Geschäftsleitung des Zweckverbandes Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) tätig. Er hat den Wandel vom Abfall zum Rohstoff miterlebt und zahlreiche Projekte mitgeprägt.

Martina Signer
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Rainer Heiniger ist im Ruhestand, bleibt dem ZAB aber noch für ein Projekt erhalten. (Bild: Martina Signer)

Rainer Heiniger ist im Ruhestand, bleibt dem ZAB aber noch für ein Projekt erhalten. (Bild: Martina Signer)

Herr Heiniger, geniessen Sie Ihren Ruhestand?

Rainer Heiniger: Ja, sehr.

Weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, frühzeitig in Pension zu gehen?

Heiniger: Ich war einfach müde. Es ist so viel gelaufen in den zwei Jahrzehnten beim ZAB. Meine Aufgabe in der Zeit war sehr fordernd.

Was waren die Herausforderungen zu Beginn Ihrer Tätigkeit in der Geschäftsleitung?

Heiniger: Am Anfang ging es darum, überhaupt eine Akzeptanz in der Bevölkerung für den ZAB zu schaffen. Es gab damals unter anderem Probleme mit der Entsorgung von Reststoffen nach der Kehrichtverbrennung. Man hat sich entschlossen, ein neues Geschäftsführungsmodell umzusetzen. Die Idee war, dass nicht mehr einer allein die Geschäfte leitete, sondern mindestens zwei Personen, damit nicht mehr die ganze Verantwortung auf einer Person lastete. So wurden Leo Näf und ich in die Geschäftsleitung gewählt. Später kam dann noch Claudio Bianculli dazu.

Leo Näf und Claudio Bianculli sind also auch schon so lange dabei?

Heiniger: Genau. Das ist schon eher eine Seltenheit, dass man in einem Team so lange zusammenarbeitet. Der Neuaufbau der Geschäftsleitung war aber natürlich schon eine erste Herausforderung. Der Verwaltungsrat hatte sich damals noch in das operative Geschäft «eingemischt» und wir haben dann die operativen und strategischen Aufgaben entflechtet. Die Finanzen waren in einem sehr schlechten Zustand, so dass wir zu Beginn keine grösseren Projekte angehen konnten. Im Gegenteil, im Jahr 2000 tauchte sogar die Frage auf, ob man die Kehrichtverbrennungsanlage schliessen sollte.

Warum?

Heiniger: Es war die Rede von einer Überkapazität an Anlagen in der Schweiz und wir hatten eine schlechte Kostenstruktur.

Was hat man dann konkret verändert, um die Finanzen wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen?

Heiniger: Einerseits musste gespart werden und man hat die Sackgebühren erhöht. Durch die Einführung eines 7-Tage-Betriebs konnte die Kostenstruktur nach dem Jahrtausendwechsel aber so markant verbessert werden, dass die Gebühren wieder gesenkt werden konnten. Die Auslastung der Anlage hat dank des neuen Betriebssystems um einen Drittel zugenommen. Dazu kamen später geschickte Projekte, die wir umsetzen konnten. So war es dann auch möglich, die Gebühren wieder zu senken.

Dieses Bild kannte man vor einigen Jahren in Bazenheid noch. Mittlerweile hat sich beim ZAB einiges verändert. (Bild: Ralph Ribi)

Dieses Bild kannte man vor einigen Jahren in Bazenheid noch. Mittlerweile hat sich beim ZAB einiges verändert. (Bild: Ralph Ribi)

Können Sie Beispiele für solche Projekte nennen?

Heiniger: Finanziell eingeschenkt haben damals vor allem eine neue Turbine und die Inbetriebnahme der Wirbelschichtlinie 2008. Dadurch wurde der Betrieb effizienter und die Energieproduktion konnte markant gesteigert werden. In den 90er-Jahren mussten wir uns noch häufig mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Die chemische Rauchgasreinigung musste unter anderem zum Laufen gebracht werden. Das war damals ein völlig unbekanntes Terrain für den ZAB.

Der Rauch ging gänzlich unaufbereitet in die Luft? War das nicht eine enorme Umweltbelastung?

Heiniger: Doch, das war es vor 1989 ganz klar. Schärfere Auflagen von Seiten des Bundes kamen aber erst damals auf. Die Anlage wurde also dementsprechend saniert. Bei der Neubestellung der Geschäftsleitung im Jahr 1992 habe ich das nötige Know-how als Chemiker mitgebracht. Damals hatte man auch noch keine eigene Schlacke- und Reststoffdeponie. Ende der 90er-Jahre wurde zudem die alte Rohkehrichtdeponie Ritzentaa in Bütschwil saniert. Solche Deponien waren früher, bevor die Kehrichtverbrennungsanlage gebaut wurde, zahlreich im Toggenburg.

Es hat inzwischen ein deutlicher Wandel von Abfall zu Rohstoff stattgefunden.

Heiniger: Das ist richtig. Früher ging es nur darum, den Abfall einfach loszuwerden. Beim Bau der Kehrichtverbrennungsanlage waren aber bereits Ideen im Raum, den Dampf sinnvoll zu nutzen. Das hat dazu geführt, dass von Beginn weg die Micarna und die Tiermehlfabrik angeschlossen wurden. Beide benötigten den Dampf für verschiedene Prozesse. Die Stromproduktion war damals noch kein Thema, aber allein die Umnutzung von Dampf zu Wärmeenergie war schon ein Pioniergedanke.

Welche Auswirkungen hatte dieser Wandel auf den ZAB?

Heiniger: Der ZAB wurde eigentlich von der reinen Kehrichtverbrennungsanlage zu einem Generalunternehmen in der Abfallwirtschaft. Man hat begonnen, sich mit Logistikfragen auseinanderzusetzen und den Abfall mit einer eigenen Flotte und eigenen Leuten abzuholen. Es wurden Separatsammelstellen errichtet und die Vernetzung mit Nachbarn – beispielsweise mit dem Verband Kehrichtverbrennungsanlage Thurgau – wurde immer stärker.

Sie haben angesprochen, dass die Akzeptanz der Bevölkerung zum ZAB erst geschaffen werden musste. Wie hat das funktioniert?

Heiniger: Das war ein langwieriger Prozess. Mein erstes Projekt war, verschiedene Interessengruppen zusammen an einen Tisch zu bringen. Hausfrauen, Grüne, Politiker und weitere sogenannte Stakeholder – alle konnten ihre Ideen einbringen. Sie konnten hinter die Kulissen schauen und teilweise sogar Projekte begleiten. Ein Projekt – salzhaltiges Abwasser in die Thur leiten – löste zum Beispiel eine grosse Opposition aus und so haben wir schliesslich darauf verzichtet. Damit haben die Leute gemerkt, dass wir ihre Anliegen auch tatsächlich ernst nehmen.

Zum Thema Zukunft. Was sehen Sie für mögliche Herausforderungen auf den ZAB zukommen?

Heiniger: Das Kerngeschäft der thermischen Abfallentsorgung wird auch in Zukunft gefragt sein. Der Fokus sollte darauf liegen, die neuen Bedürfnisse der Bevölkerung aufzunehmen und darauf einzugehen. Ein gutes Beispiel dafür ist die rasante Entwicklung von Unterflurbehältern. Das Bedürfnis danach haben wir vor kurzem aufgegriffen und mittlerweile sind einige Verbandsgemeinden schon flächendeckend mit Unterflurbehältern ausgestattet. Die rasche Umsetzung solcher Projekte ist eine Stärke unseres Verbandes, weil wir aufgrund unserer Struktur und des über Jahre aufgebauten gegenseitigen Vertrauens jeweils schnell einen Konsens finden. Vielleicht ist es auch eine Idee, künftig Spezialfahrzeuge für die Unterflursysteme einzusetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht einmal niemand mehr Säcke von Hand einladen muss. Bestenfalls bräuchte es dann nur noch einen Chauffeur pro Fahrzeug und keine Belader mehr.

Aber dadurch gingen zahlreiche Stellen verloren.

Heiniger: Das ist richtig. Aber die Belader sind enorm stark belastet. Einer hebt pro Tag 20 Tonnen Abfall. Und das jeden Tag. Ich denke, für die Zukunft sind solche Arbeitsstellen wenn möglich durch sinnvolle Massnahmen zumindest teilweise zu ersetzen. Die körperliche Belastung und die Gefährdung der Mitarbeiter ist in diesem Job sehr hoch. Ich bin auch überzeugt, dass für die betroffenen Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens neue Jobs gefunden würden. Der ZAB wird seine soziale Verantwortung auch künftig wahrnehmen.

Haben Sie eine Wunschvorstellung für die Zukunft der Abfallwirtschaft?

Heiniger: Ein Traum wäre es natürlich, wenn der Abfall an einen Ort geht, wo alles sinnvoll rezykliert wird. Nur noch Bestandteile, die nicht mehr sinnvoll stofflich verwertet werden können, sollten in die Kehrichtverbrennungsanlage gelangen.

Dafür braucht es eine gute Sortierwerkstruktur. Die Easydrives sind beispielsweise ein erster Schritt in diese Richtung.

Haben Sie schon alle Aufgaben rund um den ZAB abgegeben oder stellen Sie Ihr Know-how auch weiterhin zur Verfügung?

Heiniger: Wo ich noch dabei bin, ist beim Projekt der Phosphorrückgewinnung. Hier unterstütze ich Claudio Bianculli, Vorsitzender der Geschäftsleitung.

Ziel ist es, aus der phosphorhaltigen Asche aus der Schlammverbrennungsanlage in Bazenheid Dünger herzustellen und im Rahmen eines Projektes zur Nutzung natürlicher Ressourcen des Bundes diesen in der Landwirtschaft in der Umgebung einzusetzen. Damit will man erfahren, ob dieser Recycling-Dünger längerfristig eine Zukunft hat. Man muss den Landwirten auch bewusst machen, dass chemischer Dünger unter schädlichen Umständen hergestellt wird, man aber mit Phosphordünger aus der Asche der Schlammverbrennungsanlage eine sinnvolle Alternative aus aufbereitetem Abfall zur Verfügung hätte. Allerdings untersteht das ganze Projekt einem längeren Prozess, da die gesetzlichen Rahmenbedingungen noch nicht klar sind. Beispielsweise muss geklärt werden, was die Asche noch alles an Schwermetallen und anderen Schadstoffen enthalten darf, um als Dünger zu gelten. Aber das ist ein Projekt, das Zukunft hat.

Eine letzte Frage: Mit welchen Gedanken stellen Sie jeweils am Donnerstagmorgen Ihren Abfallsack an die Strasse?

Heiniger: Natürlich läuft da immer ein Stück Vergangenheit vor dem inneren Auge ab. Und ich gebe mir selbstverständlich Mühe, den Abfall korrekt frankiert und getrennt bereitzustellen (lacht).

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