Kreisgericht Wil
Sie klauten wie die Raben – Landesverweis und Ausschaffung für zwei nordafrikanische Asylbewerber

Kioske, Campingfahrzeuge und abgestellte Personenwagen: Die beiden abgewiesenen Asylbewerber aus Nordafrika bedienten sich, wo sich dazu Gelegenheit bot. Etwa in Jonschwil und Schwarzenbach, wo in einer einzigen Nacht elf Autos geplündert wurden. Jetzt hat sie das Kreisgericht Wil verurteilt.

Andrea Häusler
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An mehreren Orten stahlen die beiden Nordafrikaner (Wert-)Gegenstände aus unverschlossenen Fahrzeugen.

An mehreren Orten stahlen die beiden Nordafrikaner (Wert-)Gegenstände aus unverschlossenen Fahrzeugen.

Symbolbild: Dennis R. Häusler

Mehrere Ray-Ban-Sonnenbrillen, Air-Pods, Lautsprecher, Navigationsgeräte, Bankkarten und Führerausweise, ein Portemonnaie, aber auch Werkzeug, eine Halskette – was da so alles in unverschlossenen Autos zurücklassen wird. Die Liste der Geschädigten, deren Fahrzeuge in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 2020 in der Gemeinde Jonschwil geplündert wurden, umfasst elf Namen und eine Vielzahl von Gegenständen, die in der Anklageschrift als Zivilforderungen aufgelistet sind.

In besagter Nacht, waren die Beschuldigten, ein 27-jähriger Algerier und der 34-jährige Marokkaner, gemeinsam unterwegs. Beide wohnten dazumal im Bundesasylzentrum in Kreuzlingen und hatten, trotz hängiger Asylverfahren in Deutschland und Slowenien, auch in der Schweiz ein Gesuch gestellt. Vergeblich.

Sie hätten hier arbeiten und Geld verdienen wollen, begründeten sie vor dem Einzelrichter des Bezirksgerichts Wil die Motivation zur Migration nach Europa. Stattdessen delinquierten sie – vor der Diebestour durch Jonschwil und Schwarzenbach jeweils im Alleingang.

Geringe Beute, aber beträchtlicher Sachschaden

So brach der Mann aus Algerien im April 2020 in einen Kiosk in St.Gallen ein, verursachte dabei hohen Sachschaden, entwendete aber nichts. Eine Verzeigung wegen Hausfriedensbruchs trug ihm der Aufenthalt in einem Coop-Geschäft trotz schweizweit gültigem Hausverbot ein.

Der Angeklagte aus Marokko stieg in Flawil in zwei Wohnwagen ein, wobei er beide Fahrzeuge beschädigte, jedoch lediglich ein Radio im Wert von rund 100 Franken erbeutete. Ebenfalls im Mai 2020 liess er im Avec-Shop am Wiler Bahnhof Cola und eine Dose Red Bull mitgehen, um zwei Tage später in einen Kiosk in Degersheim einzubrechen und Zigaretten im Wert von 910 Franken zu stehlen. Der Sachschaden: 1010 Franken.

Gleichentags scheiterte sein Versuch, in Bronschhofen ein Auto auszuräumen. Aus einem zweiten Fahrzeug entwendete er dafür eine Maestro-Karte, mit der er später für knapp 300 Franken einkaufte. Schliesslich wurde ihm von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, ein zuvor gestohlenes Mobiltelefon mit SIM-Karte zu nutzen.

Bedingte Freiheitsstrafen und hohe Bussen

Diebstähle, Sachbeschädigungen, Hausfriedensbruch, geringfügige Vermögensdelikte. Dazu kommen Verstösse gegen das Personenbeförderungs- und das Betäubungsmittelgesetz. Die meisten Vergehen gaben die Angeschuldigten zu, anerkannten auch die Mehrzahl der Zivilforderungen.

Die Staatsanwaltschaft beantragte für die Summe der Delikte des Marokkaners eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten, eine Busse von 4000 Franken, einen Landesverweis für fünf Jahre sowie die Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS). Der angeklagte Algerier sollte mit einer bedingten Haftstrafe von elf Monaten, 3000 Franken Busse, einer fünfjährigen Landesverweisung sowie der Ausschreibung im SIS sanktioniert werden.

Das Gericht urteilte, aufgrund von Freisprüchen in einzelnen Anklagepunkten, geringfügig milder, blieb aber über den Anträgen der Verteidiger, welche für den Marokkaner zehn Monate bedingt sowie 500 Franken Busse sowie, für den Algerier, höchstens neun Monate bedingt und maximal 100 Franke Busse beantragt hatten.

Zivilforderungen geschützt – Geld fliesst wohl keines

Elf Monate bedingt auf zwei Jahre und eine Busse von 1000 Franken lautete das Urteil für den 34-jährigen Marokkaner, neun Monaten bedingt sowie 500 Franken Busse jenes für den 27-jährigen Algerier. Beide Verurteilten werden des Landes verwiesen und im SIS ausgeschrieben. Vor allem letzteres hatten die Verteidiger zu verhindern versucht. Die Zivilforderungen sowie die Verfahrens- und Anwaltskosten im fünfstelligen Bereich haben die Beschuldigten zu zahlen – zumindest auf dem Papier. Geld wird wohl keines fliessen, woher auch.

Die beiden Angeklagten – in Fussfesseln vor Gericht erschienen – sitzen seit 259, beziehungsweise 257 Tagen in Haft – wegen Fluchtgefahr. Das Gericht ordnete nun, als Alternative zur Ausschaffungshaft, die Überstellung in Sicherheitshaft an. Die Vorbereitung der Ausschaffung der Delinquenten nach Deutschland und Slowenien ist nun Sache des Migrationsamts.

Welchen Status die Verurteilten dort erhalten werden, sei Sache der Länder, sagte der Richter, der den beiden eine insgesamt schlechte Prognose stellt. Für sie werde es schwierig sein, irgendwo im Schengenraum langfristig Fuss fassen zu können, sagte er. «Kein Staat wird sich um Sie reissen und es besteht permanent Gefahr, dass Sie erneut mit der Justiz konfrontiert werden.» Beide sollten sich, so der richterliche Rat, ernsthaft Gedanken darüber machen, wo für sie eine berufliche und familiäre Zukunft möglich ist.