Flawil

Ferkel ohne Narkose kastriert: Geldstrafe und das Stigma der Tierquälerei

Das Kreisgericht Wil hat einen Schweinezüchter aus der Region zur Zahlung einer bedingten Geldstrafe von 4400 Franken verurteilt. Der 59-jährige Landwirt hatte eine unklare Zahl männlicher Ferkel ohne Narkose kastriert und damit gegen das Tierschutzgesetz verstossen.

Andrea Häusler
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Seit 2010 müssen männliche Ferkel vor der Kastration mit einem Schmerzmittel behandelt und narkotisiert werden.

Seit 2010 müssen männliche Ferkel vor der Kastration mit einem Schmerzmittel behandelt und narkotisiert werden.

Symbolbild: Manuela Jans-Koch

Der Mann mit den ergrauten Schläfen und der hellblauen Schutzmaske wirkt ruhig und gefasst, äussert sich in knappen Worten, offen und glaubhaft ehrlich. In seinem Schlusswort wird er dem Gericht seine Befindlichkeit in einem einzigen Satz darlegen: «Ich hoffe einfach, dass das Ganze endlich vorbei ist.»

Tatsächlich ist die Vorgeschichte des montäglichen Prozesses vor dem Kreisgericht Wil in Flawil lang und komplex. Denn dieses hatte sich bereits mit der dritten Anklage in gleicher Sache zu befassen. Der Tatvorwurf: Der Angeschuldigte soll im Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis 31. Dezember 2018 eine unbestimmte Anzahl seiner männlichen Ferkel vor der Kastration mit einem Schmerzmittel behandelt, aber nicht narkotisiert haben. Obwohl Letzteres seit 2010 in der Schweiz (und seit dem 1. Januar 2021 übrigens auch in Deutschland) vorgeschrieben ist.

Juristisches Pingpongspiel

Zur Anklage kam die Sache erstmals im Herbst 2016. Beantragte Beweiserhebnungen – unter anderem ein Gutachten über die Ergiebigkeit des Narkosemittels – verhinderten damals aber ein Urteil. Der Fall ging zurück an die Staatsanwaltschaft. Im Sommer 2019 wurde erneut Anklage erhoben. Diesmal war es ein Rechnungsfehler im Gutachten, der zur Rückweisung an die Staatsanwaltschaft führte. Diese stellte das Verfahren ein. Aufgrund einer Beschwerde des Kantonstierarztes wurde die Einstellungsverfügung wieder aufgehoben.

Richter und Verteidiger waren sich einig, dass die Vorfälle aus dem Jahr 2013 inzwischen verjährt sind. Die Ereignisse im Zeitraum 2015 bis 2018 seien vom Veterinäramt nicht angefochten worden und deshalb aufgehoben. So zumindest positionierte sich das Gericht, weshalb letztlich ausschliesslich die Vorfälle aus dem Jahr 2014 verhandelt wurden.

Zu gross für das Narkosegerät

Der Angeklagte gestand an Schranken, was er nie bestritten hatte: «Es stimmt, dass ich einigen Ferkeln vor der Kastration nur Schmerzmittel verabreicht habe.» Wie viele es waren, daran will er sich nicht erinnern. Der Richter sprach von minimal 40, vielleicht aber auch 140 Ferkeln.

Die betreffenden Tiere seien für den Narkoseapparat zu gross gewesen, begründete der Züchter und Landwirt sein damaliges Tun. Relativierend ergänzte sein Verteidiger, dass der Beschuldigte das Kastrieren vor 30 Jahren gelernt habe. Damals und in den folgenden 20 Jahren sei das Entfernen der Hoden ohne Schmerz- und Narkosemittel gang und gäbe gewesen. Ihm habe das Bewusstsein für die neue Gesetzgebung noch gefehlt, bestätigte er Angeklagte denn auch. Und er sei davon ausgegangen, dass das Schmerzmittel etwas bewirke. Einzelne Tiere so wie früher üblich zu kastrieren, sei eben schneller und bequemer gewesen.

Vehement bestritt er, dass ihm daraus ein finanzieller Vorteil entstanden ist. «Eine 250 ml Flasche des Narkosemittels Isofluran kostet 100 Franken», machte die Verteidigung klar. Mit dieser Menge liessen sich 389 Tiere während 100 Sekunden narkotisieren. Die Kosten je Ferkel: rund 25 Rappen. Das Narkosegerät sei ja vorhanden.

«In den letzten fünf Jahren habe ich stets strikt nach dem Tierschutzgesetz gehandelt», versicherte der Angeklagte. Die Aussage wird von der Tatsache gestützt, dass der Landwirt, der 2009 den Sachkundenachweis zur schonenden und fachgerechten Frühkastration auf dem eigenen Betrieb erlangt hatte, in den Anfängen bei ähnlichem Muttersauenbestand jeweils eine Flasche des Narkosemittels Isofluran pro Jahr bezogen hatte, ab 2015 aber zwei.

Massnahme gegen Ebergeruch im Fleisch

Deutschland zieht nach: Kastration ohne Betäubung seit
1. Januar 2021 ebenfalls verboten

Beim Erhitzen von Fleisch geschlechtsreifer Eber kann ein urinartiger Geruch auftreten, der von den meisten Konsumenten als unangenehm empfunden wird. Verantwortlich dafür ist vor allem das männliche Geschlechtshormon Androstenon, mit dem Eber die Sauen anlocken. Eine weitere Geruchskomponente ist Skatol, ein Stoffwechselprodukt, das im Darm beim Abbau von Eiweiss entsteht. Obwohl der Ebergeruch bei weniger als zehn Prozent der männlichen Ferkel auftritt, ist das Kastrieren nach wie vor die verbreitetste Massnahme zur Sicherung der Fleischqualität in der Schweinemast. Die Ebermast wurde und wird zwar immer wieder diskutiert, durchgesetzt hat sie sich aber nicht.

In der Schweiz ist das Kastrieren ohne Schmerz- und Narkosemittel seit 2010 verboten. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gelten vergleichbare Vorschriften auch in Deutschland.

Die Staatsanwaltschaft, an Schranken nicht vertreten, forderte eine Verurteilung wegen mehrfacher vorsätzlicher Tierquälerei und eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 110 Franken (9900 Franken) unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren.

Der Verteidiger beantragte Freisprüche für alles, was vor und nach 2014 angeklagt war, für die Verfehlungen im Jahr 2014 hingegen einen Schuldspruch. Wobei er dem Gericht bezüglich des Strafmasses nahelegte, die Tatsache zu berücksichtigen, dass sein Mandant nun als Tierquäler stigmatisiert sei und wohl auch mit einer Kürzung der Direktzahlungen leben müsse. «Damit ist er härter bestraft, als mit einer Geldstrafe.»

Bedingte Geldstrafe von 4400 Franken

In seinem Urteil stellte das Gericht fest, dass die angeklagten Verfehlungen aus dem Jahr 2013 verjährt und die Einstellung des Verfahrens betreffend der Jahre 2015 bis 2018 nicht angefochten und deshalb rechtskräftig sei. Für die Verstösse gegen das Tierschutzgesetz im Jahr 2014 verurteilte es den Tierhalter/Züchter zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 110 Franken.

Dies auch unter Berücksichtigung der Verfahrensdauer, der Einsichtigkeit und des Wohlverhaltens des Beschuldigten in der jüngeren Vergangenheit sowie aufgrund der Tatsache, dass unklar bleibt, wie viele Tiere tatsächlich unnarkotisiert kastriert worden waren.