Ältere Menschen vor Gewalt bewahren – Wilenerin kämpft gegen Missstände

Etwa 300'000 ältere Menschen in der Schweiz sind Misshandlungen ausgesetzt. Ruth Mettler Ernst kämpft als Geschäftsleiterin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter dagegen an.

Hans Suter
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UBA-Geschäftsleiterin Ruth Mettler Ernst stellt klar: «Eltern sind keine Kinder. Man darf nicht über deren Kopf hinweg entscheiden.»

UBA-Geschäftsleiterin Ruth Mettler Ernst stellt klar: «Eltern sind keine Kinder. Man darf nicht über deren Kopf hinweg entscheiden.»

Bild: Hans Suter

«Irgendwann bin ich mal nachts wach geworden, weil es so eskaliert ist. Ich habe dann aus meinem Fenster geschaut. Ich kann von meinem Fenster genau in das Fenster der Dame reinschauen.» So beginnt ein Beitrag des Nachrichtenmagazins «10vor10» von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), der am 2.April 2019 ausgestrahlt worden ist. Eine Augenzeugin berichtet darin von einem Fall häuslicher Gewalt, den sie aus Sichtdistanz miterlebt hat.

«Ich habe gesehen, dass der Sohn, mit dem sie zusammenwohnt, sie heftig verbal angreift. Und sie schien nicht so, als hätte sie sich wehren können. Dann hat er sie ins Gesicht geschlagen, am Hals genommen, gewürgt und geschüttelt. Ich habe versucht, auf mich aufmerksam zu machen, damit er sofort aufhört. Ich habe laut gepfiffen, er hat dann auch direkt aufgehört. Seine Mutter hat sich umgedreht und beide haben so getan, als wäre nichts gewesen.»

Kein Einzelfall

Auch wenn es für viele kaum vorstellbar ist: Dies ist kein Einzelfall, im Gegenteil. «Wir gehen davon aus, dass in der Schweiz etwa jede fünfte betagte Person in irgendeiner Form von Gewalt betroffen ist. Das sind schätzungsweise 300'000 Personen», sagt Ruth Mettler Ernst aus Wilen, Geschäftsleiterin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) mit Sitz in Zürich. Genauere Zahlen kenne man nicht. Sie begründet:

«Gewalt im Alter spielt sich häufig im Verborgenen ab.»

Das eingangs geschilderte Beispiel sei exemplarisch für häusliche Gewalt im Alter. «Doch nur selten dringen solche Vorfälle nach aussen», bedauert sie. Die Folge seien Verletzungen der Seele und manchmal auch am Körper.

Oft führt Überforderung zu häuslicher Gewalt

Die Ursachen, die zu häuslicher Gewalt führen, sind nach den Erfahrungen von Ruth Mettler Ernst so vielfältig wie die Formen der Gewalt selber. Als häufige Ursache werde Überforderung identifiziert. Ein Blick in das Alltagsleben bestätige das: «Zu Hause kommt es viel häufiger zu Formen der Gewalt, weil es hier weniger oder gar keine soziale Kontrolle gibt. In Heimen kommt Gewalt an älteren Menschen viel seltener vor, weil man hier meistens nicht alleine ist.»

Doch die aktuellen Trends liessen keine Besserung erwarten, befürchtet die ehemalige Wilener Primarschulpräsidentin und alt FDP-Kantonsrätin. Im Gegenteil, das Gefahrenpotenzial werde eher zu- als abnehmen: «Die Menschen werden immer älter und wollen immer länger zu Hause bleiben.» Dies bestätige ein Blick in die Statistik: «Während die Nachfrage nach Pflegeheimen konstant bleibt, ist jene nach Spitexleistungen stark steigend.»

Alter ist heute vielfältiger

Ruth Mettler Ernst sieht hier die Gesellschaft an sich in der Pflicht: «In einer alternden Gesellschaft müssen wir über Grundlegendes nachdenken. Heute ist das Alter vielfältiger denn je.»

Das Leben wird zuweilen so komplex wie die darin auftretenden Misshandlungsformen. Sie können sehr unterschiedlich sein: strukturell («Das Verlassen des Hauses ist nur mit einem Ortungsgerät erlaubt.»), psychisch («Mit dir muss ich mich laufend schämen.»), ökonomisch («Du bekommst kein Geld für den Coiffeur, in deinem Alter brauchst du das doch nicht mehr.»), sexuell («Diese Berührung beim Waschen ist mir unangenehm.»), menschenrechtlich («Ich will das selber entscheiden können, wie oft die Spitex vorbeikommt.»), medikamentös («Dieses Medikament nehme ich nicht, will nicht länger leben.») oder physisch («Ich möchte nicht an den Haaren gezogen werden.»).

Mit Fachpersonen nach idealer Lösung suchen

Doch was tun, wenn man eine Form der Gewalt an älteren Menschen feststellt oder gar selber davon betroffen ist? Dann kann man sich vertrauensvoll an die UBA wenden, auch anonym. «Wir sind eine neutrale, unabhängige Stelle», betont die Geschäftsleiterin. «Wir sind keine Behörde. Das ist ja die grosse Angst vieler. Bei uns darf man auch mal etwas sagen, was man einer Behörde vielleicht nicht gerne sagt», versinnbildlicht Ruth Mettler Ernst.

Hilfe bei Konfliktsituationen im Alter

Nicht alle Konflikte können von den Betroffenen selber gelöst werden. In solchen Situationen hilft die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter UBA. Sie klärt, vermittelt und schlichtet in Konfliktsituationen und bietet Hilfe für ältere Menschen, die von Gewalt betroffen sind. Die UBA ist ein politisch und konfessionell unabhängiger, gemeinnütziger Verein und setzt sich für ein selbstbestimmtes, würdiges Leben im Alter ein. Fachpersonen bieten Hilfe zur Selbsthilfe bei Konflikten in verschiedensten Bereichen wie Betreuung, Pflege, Wohnen, Finanzen, Krankenkasse, Familie. Insbesondere leisten sie Hilfe für ältere Menschen, die in irgendeiner Form von Gewalt betroffen sind.

Wer kann sich an die UBA wenden? Grundsätzlich alle: ältere Menschen, deren Angehörige oder das Umfeld ebenso wie Personen von Institutionen und Behörden oder aus der Altersarbeit. Die Fallbearbeitung übernehmen die freiwillig tätigen Fachpersonen (Ärztinnen und Ärzte, Betreuungs- und Pflegefachpersonen oder Juristinnen und Juristen mit langjähriger Erfahrung) der Fachkommission Ostschweiz. Der hohe Anteil an freiwilligem Personal ermöglicht eine kostenlose Beratung und Unterstützung. Die UBA wird unterstützt von einer Trägerschaft, Aktiv- und Passivmitgliedern, Kantonen, Gemeinden, Institutionen und Privatpersonen.

Die Anlaufstelle der UBA ist von Montag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr erreichbar unter der Nummer 0848 00 13 13. info@uba.ch www.uba.ch, www.aneluege.ch

Zusammen mit Fachpersonen werde dann nach einer möglichst idealen Lösung gesucht – und das kostenlos. «Wir klären, vermitteln und schlichten und wir bieten Unterstützung zur Selbsthilfe in Konfliktsituationen sowie Hilfe für von Misshandlung Betroffene.» Im Vordergrund stehe immer das Wohl des älteren Menschen. Ruth Mettler Ernst appelliert an den Mut, sich zu melden:

«Früher galt es, den Schein zu wahren und sich nicht zu wehren. Doch man darf sich wehren, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt.»