Adventsserie (7)
Ein Parcours mit vielen Posten statt einer Mitternachtsmesse

Die Advents- und Weihnachtszeit ist im Jahr 2020 wegen Corona anders. Wie anders, erzählen Mark Hampton und Rahel Weber. Sie sind die Pfarrer der evangelischen Kirche Flawil.

Lara Wüest
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Der Stern, den Mark Hampton in der Hand hält, hängt jedes Jahr bei ihm zu Hause am Weihnachtsbaum.

Der Stern, den Mark Hampton in der Hand hält, hängt jedes Jahr bei ihm zu Hause am Weihnachtsbaum.

Bild: Lara Wüest

Weihnachten in der evangelischen Kirche Flawil – bisher bestand das aus vielen Gottesdiensten, stets dauerte es mehrere Tage. So gab es jeden 24. Dezember eine ökumenische Feier im Wohn- und Pflegeheim Flawil, einen Familiengottesdienst, eine ökumenische Weihnachtsfeier für alleinstehende Menschen und eine Christnachtfeier, ganz spät am Abend. Am 25. Dezember folgte ein klassischer Abendmahl-Gottesdienst und noch einen Tag später fand eine Gospel-Weihnachtsfeier statt. «Es war immer so lebendig», sagt Pfarrer Mark Hampton. «Wir hatten ein Fest für alle Generationen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen.» Eine Zeit, in der die Kirche Flawil so gut besucht war wie selten im Jahr.

Türen des Wohn- und Pflegeheims an Weihnachten wieder offen

Ganz besonders war für Hampton, der schon seit sechs Jahren der Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Flawil ist, jeweils die Feier im Wohn- und Pflegeheim. «Zu sehen, wie es die Menschen dort geniessen, wenn ihre Angehörigen da sind, das hat mich stets berührt», sagt er. Gerade diese Feiern haben den Pfarrer manchmal aber auch herausgefordert. Vor allem, wenn Menschen mit Demenz daran teilnahmen. «Diese Leute leben in einer anderen Welt. Ich musste mir stets die Frage stellen, wie ich sie erreichen kann.»

Was Hampton besonders freut: Auch in diesem Jahr kann die ökumenische Feier im Pflegeheim stattfinden. Länger war das unklar, weil das Heim von einem Coronaausbruch betroffen war. Dass es nun doch klappt, dafür ist der Pfarrer dankbar. «Ein kleines Geschenk zu Weihnachten würde ich meinen», sagt Hampton.

Keine Gospel-Weihnachtsfeier wegen Gesangsverbot

Das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu – das bedeutet Weihnachten für die Pfarrerin Rahel Weber. Ein Blick auf das Leben also, der über das Hier und Jetzt hinausgeht. Deshalb hält sie in der Hand eine Brille.

Das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu – das bedeutet Weihnachten für die Pfarrerin Rahel Weber. Ein Blick auf das Leben also, der über das Hier und Jetzt hinausgeht. Deshalb hält sie in der Hand eine Brille.

Bild: Lara Wüest

Abgesagt ist dagegen die Gospel-Weihnachtsfeier am 26. Dezember. «In diesem Gottesdienst ist der Gospelchor entscheidend», sagt Pfarrerin Rahel Weber. Dieses Jahr hätte sie die Gospel-Weihnachtsfeier halten sollen. Doch ohne den Chor, sei das nicht denkbar, sagt sie. Wegen der Pandemie ist das Singen derzeit verboten.

Auch am 24. Dezember ist in diesem Jahr nichts wie sonst: Anstatt der üblichen Gottesdienste gibt es einen Parcours mit verschiedenen Posten, den Rahel Weber organisiert. Viel möchte sie darüber nicht verraten, «das nimmt den ganzen Zauber», sagt sie und schmunzelt. Nur so viel: Von 15 Uhr bis 19 Uhr steht die Kirche allen offen. An einem Posten werden während dieser vier Stunden ohne Unterbrechung Weihnachtsgeschichten vorgelesen.

Auch privat anders als sonst

Privat feierten Hampton und Weber das Weihnachtsfest eigentlich immer mit der Familie. Doch auch das wird in diesem Jahr anders ablaufen. Mark Hampton hat fünf Kinder und zahlreiche Enkelinnen und Enkel. «In diesem Jahr können wir nicht als Familie zusammen sein», sagt er. «Wir müssen einen anderen Weg finden.» Und Rahel Weber, die auch aus einer Grossfamilie stammt, sagt: «Anstatt in einer Gruppe mit 25 bis 30 Leuten, feiern wir in kleinen Gruppen.» Ein wenig stimmt sie das traurig. «Das zeigt einmal mehr, dass man nichts im Leben als selbstverständlich ansehen sollte.»

Serie zum Advent

Den Heiligabend in einer Gruppe zu feiern, war für viele Menschen eine willkommene Gelegenheit, um nicht alleine sein zu müssen. Andere freuen sich, einige Stunden in einer besonderen – nicht immer nur besinnlichen – Umgebung sein zu können. Was passiert nun im Jahr 2020. Der «Wiler Zeitung» und dem «Toggenburger Tagblatt» erzählen die Organisatoren von ihren Ideen. (zi)