Acht Monate nach ihrem Rücktritt sagt Anja Stiefel: «Ich vermisse das Eishockey nicht»

Das Leben der 28-jährigen Züberwangerin hat sich komplett verändert: weg vom Eishockey, zurück auf die Schulbank. Ihren Rücktritt bereut die angehende Naturheilpraktikerin aus Züberwangen nicht.

Tim Frei
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Anja Stiefel hat den Puck gegen Heilkräuter getauscht. Bild: Mareycke Frehner

Anja Stiefel hat den Puck gegen Heilkräuter getauscht. Bild: Mareycke Frehner

Anja Stiefel lacht. «Ich habe die Frage, ob mir das Eishockey fehlt, erwartet.» Die Antwort kommt schnell, überlegt, aber bestimmt:

«Nein, eigentlich nicht wirklich. Was mir fehlt, ist der Sport allgemein und vor allem das Leben in einem Team.»

Seit ihrem Rücktritt im Februar dieses Jahres, als schwedische Meisterin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hat sich das Leben der 28-Jährigen verändert. «Ich stehe mitten im Schul- und Berufsleben, weit weg von meinem bisherigen Tagesablauf als Spitzensportlerin.»

Die Umstellung sei ihr zwar sehr gut gelungen, trotzdem vermisse sie die Zeit in Lulea, 110 Kilometer südlich vom Polarkreis. «Mir fehlt das Gesamtpaket, die Natur, die Leute, meine ehemaligen Mitspielerinnen, mit denen ich auch weiterhin regen Kontakt pflege», sagt die Zübenwangenerin.

An Zeit in Schweden blickt sie gerne zurück

Das Leben in Lulea habe einen besonderen Charme, mit den langen Sommertagen in einer wunderschönen Umgebung und dem andauernden Halbdunkel des Winters. «Speziell die Wintertage wirkten auf mich beruhigend und befreiend, wie ein natürliches Heilmittel gegen den täglichen Stress.»

Mit eigener Firma bietet sie Mentaltraining an Stiefel verscheucht diese sentimentalen Gedanken, wenn sie von ihrem aktuellen Leben spricht – vom zweiten Teil ihrer Ausbildung zur Naturheilpraktikerin und dem Aufbau einer eigenen Firma im Bereich Coaching und Mentaltraining.

Sport als Abwechslung zu ihrem neuen Alltag

«Zurzeit durchlebe ich eine intensive Ausbildungsphase mit Kursen von sieben bis neun Tagen in Folge an der Paracelsus-Schule in Zürich.» Diese Intensivwochen sind im Laufe der Ausbildung oft vorgesehen. Normalerweise findet die Schule jedoch am Wochenende statt. Zwei Tage pro Woche arbeitet sie zusätzlich. «Ich muss ja auch etwas Geld verdienen.»

Für ihre Firma, Freizeit und Sport bleibt wenig Zeit. Doch gerade der Sport, der sie seit ihrer Kindheit begleitet hat, dürfe nicht zu kurz kommen: «Als Ausgleich, um den Kopf zu lüften, Kräfte zu tanken und auch für die persönliche Fitness.»

Mit ihrer Coaching-Firma begleitet sie die Karrierenwege ihrer Kunden

Ein bisschen Zeit bleibt ihr auch für ihre Firma Stiefel Coaching. Sie hat einige Kunden, die sie berät und auf ihrem Karriereweg begleitet. Der Sport im Allgemeinen soll ihr nach abgeschlossener Ausbildung auch einen gewissen Kundenstamm bringen, sagt Stiefel. Doch das sei Zukunftsmusik, denn mindestens bis Ende 2019 heisst es vorerst weiterbüffeln.

Auch wenn Stiefel das Eishockey nicht fehlt, eine Rückkehr würde nicht überraschen. Schliesslich wäre sie nicht die erste Athletin, die ihren Rücktritt vom Rücktritt erklärt. Zurzeit sei dies allerdings wegen der Schultermine am Wochenende gar nicht möglich.

Rückkehr ist derzeit kein Thema

Wenn überhaupt, dann würde sie ein erneutes Engagement in Schweden reizen. «Doch davon bin ich weit entfernt. Nicht nur wegen der Ausbildung, sondern auch wegen der grundsätzlichen Frage, ob ich überhaupt dazu bereit wäre, wieder alles dem Sport unterzuordnen.»

Lieber lebt sie im Moment und geniesst ihr neustes Hobby, das Mountainbiken. «Die Action, der Speed, die Konzentration erinnern mich ans Eishockey. Ich hab Spass daran, halte mich körperlich fit und gebe meinem Hirn eine Denkpause von Schule und Stress.»

Hat sie Zeit, besucht sie die Partien ihres älteren Bruders Pascal, der für das 4.-Liga-Team Wils spielt. Den Sieg im Champions-Cup ihrer früheren Lulea-Teamkolleginnen in New York gegen die Metropolitan Riveters hat sie live im Internet verfolgt. Sie sagt:

«Ich gebe zu, dass ich gerne aktiv dabei gewesen wäre. Aber ich habe mich für einen anderen Weg entschieden, und das ist gut so.»