«Absurd», «Posse», «unsägliche Geschichte»

Die Stadtparlamentarierin Sarah Bösch wird aus der Wiler SVP-Fraktion ausgeschlossen und tritt aus der Partei aus. Vom «Fall Bösch» alles andere als begeistert sind die Fraktionspräsidenten. Einige befürchten einen Imageschaden für das Parlament und die Stadt.

Philipp Haag
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Sarah Bösch Partei- und fraktionslose Wiler Stadtparlamentarierin (Bild: pd)

Sarah Bösch Partei- und fraktionslose Wiler Stadtparlamentarierin (Bild: pd)

WIL. Sie schaffte in zwei Monaten, wofür andere eine komplette Politikerkarriere brauchen: Eine Ortspartei vor eine Zerreissprobe zu stellen. Sarah Bösch sorgte mit ihrem verbalen Facebook-Fehltritt, als sie die Polizei beschimpfte, und einem Auftritt im Schweizer Boulevardblatt «Blick», als sie ihr Herz auf der Zunge trug, dafür, dass die Wiler SVP-Fraktion auf einen bereits gefassten Entscheid zurückkam und die 33-Jährige nun doch aus der Fraktion ausschliesst. Sarah Bösch verbleibt allerdings als Fraktions- und nach ihrem Austritt aus der SVP auch als Parteilose im Stadtparlament.

«ImageSchaden für die SVP»

Das Urteil der Präsidenten der im Stadtparlament vertretenen Parteien über die «Causa Bösch» ist alles andere als schmeichelhaft. Guido Wick von den Grünen Prowil findet den kompletten Vorgang rund um Sarah Bösch «absurd», von der Nachnomination über die Facebook-Eskapaden bis zum Verbleib im Parlament. Nicht das Stadtparlament hat in seinen Augen einen Imageschaden genommen, sondern die SVP. «Vielleicht merkt nun der eine oder andere Wähler, für welch konfuses Programm er sich bei der SVP entschieden hat.» Mario Breu, Fraktionspräsident der FDP, nimmt den Entscheid der SVP sowie denjenigen von Sarah Bösch zur Kenntnis. Es trete für die Fraktion nun ein Sitzverlust ein, «der so sicher nicht geplant war». Dass die Vorkommnisse im «Fall Bösch» dem Ansehen der Stadt Wil und des Parlaments geschadet haben, steht für Breu ausser Frage. Während drei bis vier Wochen habe die gesamte Schweiz in den überregionalen Medien über die «Wiler Posse» lesen können. Es sei eine Geschichte, die den Leuten in Erinnerung bleibe. «So wird das beste Standortmarketing zunichte gemacht.»

«Rücktritt wäre konsequent»

Ebenfalls enttäuscht ist Silvia Ammann. Die Fraktionspräsidentin der SP ist der Meinung, Sarah Bösch hätte den Schritt konsequent weitergehen und aus dem Parlament austreten müssen. Sie sei schliesslich nach Wil umgezogen, um für die SVP und deren Fraktion im Stadtparlament zu politisieren. Mit ihrem Entscheid – Sarah Bösch hat sich kurz vor dem Ausschluss-Beschluss am Dienstagabend freiwillig aus der Fraktion zurückgezogen und ist am gestrigen Mittwoch ausserdem aus der Partei ausgetreten – betrüge sie die SVP um einen Sitz. Sie spricht ihr die Daseinsberechtigung im Wiler Stadtparlament ab. Eine Person habe es geschafft, dem Parlament einen Imageschaden zuzufügen, unter dem alle anderen Parlamentarierinnen und Parlamentarier leiden, «die ihr Mandat seriös und pflichtbewusst ausüben». Durch Sarah Böschs Verhalten sei die Arbeit im Parlament ins Lächerliche gezogen worden.

«Keine Einsicht»

Von einer unsäglichen Geschichte spricht Reto Gehrig, Fraktionspräsident der CVP. Er erwarte von einer Stadtparlamentarierin korrektes Verhalten, Sozialkompetenz, anständige Umgangsformen und die Fähigkeit zur Einsicht. Von Einsicht sei aber nichts zu spüren. Gehrig ist ebenfalls der Ansicht, Sarah Bösch hätte das Parlament verlassen sollen, um an einem anderen Ort neu anzufangen. Denn sie habe sich und somit auch das Stadtparlament abqualifiziert. Ein solches Image habe das Parlament nun leider auch in der restlichen Schweiz. «Sie hatte einen schlechten Start», sagt Gehrig, «nun erwarte ich von ihr ein integres Verhalten.»

«Ein Hickhack»

Parlamentspräsident Adrian Bachmann nimmt den Entscheid der SVP und Sarah Böschs «zur Kenntnis». Er möchte sich nicht weiter dazu äussern, ausser: «Als Parlamentspräsident wäre es mir lieber, durch die Arbeit im Parlament in die Schlagzeilen zu geraten, anstatt durch Eskapaden einzelner Parlamentsmitglieder und parteiinternen Hickhack.»

Auch Stadtpräsidentin Susanne Hartmann schlägt kritische Töne an: Lösungsorientierte Arbeit in einem Parlament sei nur möglich, wenn die Sache und der Respekt füreinander im Vordergrund stünden. «Ansonsten kann ein sinnvolles Gremium quasi zum <Klamauk> verkommen. Inhalte werden von blossen, oftmals negativen Schlagzeilen in den Hintergrund gedrängt.» Bürgerinnen und Bürger, die sich und ihre Interessen durch ein Parlament vertreten lassen, könnten so das Vertrauen in die Institution verlieren. Damit könne sich eine Instanz wie das Stadtparlament selber ein Stück weit in Frage stellen. «Wenn so etwas geschieht, bedaure ich das sehr. Ich würde mich freuen, wenn um das Stadtparlament nun wieder Ruhe einkehrt», sagte Susanne Hartmann.

Eine Politikerschmiede

Denn für die Stadtpräsidentin steht das Wiler Stadtparlament auch für «eine gute, praxisnahe Politikerinnen- und Politiker-Schmiede». Beweis seien verschiedene Wilerinnen und Wiler, die ihren politischen Weg im Stadtparlament gestartet haben und nun in politischen Ämtern auf kantonaler und nationaler Ebene tätig seien.

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