Abstimmung in Flawil
Die Zeit ist reif, den «Rohdiamanten» zu schleifen

Der 7. März bringt für Flawil zukunftsweisende Entscheide. Die Stimmberechtigten befinden an der Urne über drei Projekte, die ein Investitionsvolumen von rund 30 Millionen Franken auslösen. Während der Neubau einer Dreifachturnhalle mit Musikschulzentrum breite Unterstützung findet, sind die Meinungen über die Neugestaltung des Marktplatzes sowie den Hochwasserschutz im Zentrum geteilt.

Andrea Häusler
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Andrea Häusler, Redaktorin

Andrea Häusler, Redaktorin

Es war im Spätsommer 2015, als sich eine Gruppe kulturinteressierter Flawilerinnen und Flawiler zur IG Kulturhaus zusammenschloss, um das kleine, marode Feuerwehrdepot am Marktplatz einer neuen Nutzung zuzuführen. Die Idee scheiterte am Willen des Gemeinderats, Geld in ein Abbruchobjekt zu investieren. Inzwischen sind fünfeinhalb Jahre vergangen und aus der pragmatischen Kulturhaus-Idee von einst ist ein Generationenprojekt geworden, das über den ursprünglichen Anspruch hinaus einer Vielzahl weiterer Anforderungen genügt und ein breites Spektrum an Bedürfnissen abdeckt: Ein Kulturhaus mit Markthalle und Tiefgarage. Die Kosten: 8,275 Millionen Franken, wobei 3,5 Millionen Franken bereits vorfinanziert sind und der Kostenanteil für die Tiefgarage (ca. vier Millionen) über die Parkplatzbewirtschaftung abgerechnet wird. Zudem werden Beiträge aus dem Lotteriefonds erwartet.

Einer der letzten freien Plätze

Der Marktplatz ist einer der letzten freien Plätze im Flawiler Zentrum. Ein wertvolles Gut, das anzutasten wohl überlegt sein will. Der letzte Anlauf für eine Umgestaltung liegt denn auch Jahrzehnte zurück. Seither wartet das Areal als Kiesparkplatz auf eine Nutzungsidee, die seinem Stellenwert gerecht wird. Sagt Flawils Bevölkerung an der Urnenabstimmung vom
7. März ja, entsteht hier, über der neuen Tiefgarage, ein luftiges Holzgebäude mit markanten Stützen und lang gezogenem Satteldach, das Kulturräume, Marktfahrer und -besucher, aber auch verweilenden Passanten unter sich vereint: Ein gesellschaftlicher und kulturellen Treffpunkt.

Die offene Markthalle mit dem integrierten Kulturhaus im Hintergrund.

Die offene Markthalle mit dem integrierten Kulturhaus im Hintergrund.

Visualisierung: PD

Gewiss, ein attraktives Bauvorhaben mit prägnanter Ausstrahlung. Nur, braucht Flawil, nach der Bahnhofstrasse, dem Bahnhofplatz, den neuen Spielplätzen, der geplanten, fussgängerfreundlich gestalteten Wiler-/St. Gallerstrasse inklusive aufgewertetem Bärenplatz weiteren «Begegnungsraum»? Und benötigt das Stadtdorf tatsächlich ein zusätzliches Lokal, das sich mit kulturellen Veranstaltungen bespielen lässt? Immerhin sind mit dem Linden-/Zwinglisaal, dem katholischen Pfarreizentrum, der Remise Lindengut, dem Pfadiheim, der Lokalität des Vereins Kulturpunkt den mietbaren Sälen der Freien Christengemeinde, dem Mattenhof sowie der Infrastruktur der örtlichen Gastronomiebetriebe bereits zahlreiche Eventräume vorhanden.

Zwingend sind weder Kulturraum noch Markthalle

Braucht die Gemeinde eine Markthalle? Auch diese Frage muss erlaubt sein. Nahezu alle grösseren Dörfer und Städte haben mittlerweile ihre Märkte. Der Warenhandel findet ganz selbstverständlich an Ständen oder ab Verkaufswagen statt: unter freiem Himmel. Das Fazit: Flawil benötigt weder zwingend ein Kulturhaus noch eine Markthalle. Die Frage, welche die Stimmbürgerschaft zu beantworten hat, ist deshalb: Möchten wir diese zusätzliche Infrastruktur und ist die vorgeschlagene Nutzung, gepaart mit der markanten Architektur, geeignet, dem brach liegenden Rohdiamanten im Herzen Flawils jenen Schliff zu geben, der ihn zum Strahlen bringt?

Gewässeroffenlegung gewünscht, aber kein Muss

So uneingeschränkt ist die Entscheidungsfreiheit nicht, wenn es um den Hochwasserschutz entlang des Baugrundstückes geht. 9,861 Millionen Franken soll das ebenfalls am 7. März zur Abstimmung gelangende Wasserbaupojekt brutto kosten. Davon gehen 3,68 Millionen zulasten des Gemeindehaushalts. Dass der Dorf- und der Tüfibach den Anforderungen eines hundertjährlichen Hochwassers nicht genügen, ist genauso ein Fakt wie die Sanierungspflicht, die der Kanton der Gemeinde 2012 auferlegt hat. Der Spielraum beschränkt sich auf die Art und den Zeitpunkt des Ausbaus. Zwar favorisiert das kantonale Tiefbauamt eine Offenlegung der Gewässer, Pflicht ist diese jedoch nicht.

Unabhängige Projekte in Abhängigkeit

Das Hochwasserschutzprojekt und die Neugestaltung des Marktplatzes sind voneinander unabhängig und können isoliert realisiert werden. Das stimmt im Grundsatz. Jedoch sind die beiden Vorhaben aufeinander abgestimmt, mit unterschiedlichen Auswirkungen im Falle einer Ablehnung der einen oder anderen Vorlage. Stimmt Flawil der Marktplatzneugestaltung zu und lehnt das Gewässerprojekt ab, wird der Hochwasserschutz aufgeschoben. Als Plan B würde die Ausbauvariante auf der heutigen Linienführung Schweissbrunnstrasse/Dorfbach weiterverfolgt. Punkt.

Anders im umgekehrten Fall: Scheitert die Neugestaltung des Marktplatzareals an der Urne, während der Hochwasserschutz bewilligt wird, schränkt die oberirdische Bachführungen entlang der östlichen und südlichen Marktplatzgrenzen die Nutzung der frei bleibenden Parzelle für künftige Projekte unnötig ein.

Investition in die Lebensqualität

Finanziell kann sich Flawil beide Projekte leisten. Selbst dann, wenn am Abstimmungswochenende zusätzlich knapp 14 Millionen Franken für den zweifelsfrei angezeigten Neubau der Dreifachturnhalle mit Musikschulzentrum im «Feld» als Beton- oder Holzbau bewilligt werden.

Noch einmal: Flawil braucht nicht wirklich mehr Veranstaltungsraum und der Markt floriert auch ohne Halle. Das Abstimmungsprojekt ist ein Wunschbedarf. Aber nicht nur. Die Umsetzung ist eine Investition in die Lebens-und Aufenthaltsqualität, eine Chance auch, das durch die Kantonsstrasse zweigeteilte Zentrum zusammenzuführen und als Dorfkern zu akzentuieren. Mit einem architektonisch eigenwilligen, durchaus gefälligen Holzbau, der den Platz gestaltet, nicht aber verbaut.

Kein Hochwasserschutz ohne Marktplatzprojekt

Gut möglich, dass die Zukunft alternative Gestaltungsideen und andere taugliche Nutzungsvarianten beschert. Den Status Quo zu bewahren, den «Schandfleck» wiederum der nächsten Generation zu überlassen, birgt keine Risiken. Nur stünde es Flawil gut an, jetzt Mut zu beweisen, den Rohdiamanten «Marktplatz» mit einem Ja an der Urne selbstbewusst anzutasten und über die Monate zu einem schillernden Mosaikstein in der urbanen Entwicklung des Dorfes zu schleifen.

Und der Hochwasserschutz? Ohne abschliessende Gewissheit über die Zukunft des Marktplatzes, sprich in Unkenntnis des Abstimmungsergebnis zum vorliegenden Überbauungsprojekt, macht eine offene Gewässerführung über das Areal aus den dargelegten Gründen schlicht keinen Sinn.