Abschied nach 40 Jahren

1971 hat Ernst Rutz seine Lehrerkarriere in Bazenheid begonnen – und ist der Oberstufe Bazenheid 40 Jahre treu geblieben. Er hat die Entwicklung der Bazenheider Schule massgeblich geprägt. Heute nach Schulschluss geht er in Pension.

Natalie Brägger
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Bazenheid. Angefangen hat alles mit einer geschwänzten Stunde in Ernst Rutz' Studium. Er und eine Studienkollegin beschlossen, statt in den Unterricht nach Bazenheid zu fahren, um die dort ausgeschriebenen Stellen zu besichtigen. Damals in den 1970er-Jahren war der Pfarrer aus Kirchberg noch Schulpräsident, die Sekundarschule war im heutigen Eichbüel-Kindergarten untergebracht. Doch viel wichtiger für die Situation von Ernst Rutz: Es herrschte akuter Lehrermangel. «Die ganze Schule wurde nur von Stellvertretern geleitet, es gab keine festen Lehrerstellen», erinnert sich Ernst Rutz heute zurück. Er entschloss sich, in Bazenheid zu bleiben und wurde Teil des damals dreiköpfigen Lehrerteams. Im Primarschulhaus an der Neugasse bezog er eine Wohnung.

Umzug ins neue Schulhaus

Über 1000 Schüler haben inzwischen bei Ernst Rutz Mathematik gebüffelt, Experimente durchgeführt oder Geografie-Unterricht genossen. Der Lehrer gibt offen zu, dass er am Anfang seiner Karriere auch einmal eine Ohrfeige austeilte: «Das hat Wunder gewirkt.» Inzwischen unterrichtete er die Kinder seiner ersten Schüler, Ohrfeigen gab es für diese allerdings keine mehr.

An der Oberstufensituation in Bazenheid hat sich seit 1971 viel verändert. Als in den 1960er-Jahren die Micarna in Bazenheid angesiedelt wurde, wuchs das Dorf schnell. «Wir waren innert Kürze sechs Lehrkräfte im Team», erinnert sich Ernst Rutz. Das Schulhaus wurde zu klein, 1987 wurde das heutige Oberstufenschulhaus an der Flurstrasse eingeweiht. Heute sind an der Oberstufe Bazenheid 13 Lehrpersonen tätig. «Ich hatte hier die Möglichkeit, diese Schule aufzubauen», sagt Ernst Rutz heute. Wohl auch deshalb sei er nie aus Bazenheid weggegangen. Ernst Rutz hat allerdings nicht nur beim Aufbau der Oberstufenschule, beim Zusammenführen von Sekundar- und Realschule, Einsatz gezeigt. Rund 30 Jahre war er Praktikumsleiter, er entwarf zusammen mit einem Kollegen ein Geometrie-Lehrmittel und leitete 40 Schneesportlager. Im Jahr 2001 übernahm er die Schulleitung, welche er bis im vergangenen Jahr innehatte. Diese hat er bewusst abgegeben: «Ich wollte vor meiner Pension noch ein Jahr nur Lehrer sein.»

Von Matrizen zum Beamer

Wie viel 40 Jahre sind, zeigt sich eindrücklich am technischen Fortschritt, der auch den Unterricht in dieser Zeit verändert hat. «Am Anfang erstellten wir die Kopien für die Schüler noch mit Matrizen», schmunzelt Ernst Rutz. 1971 hätten sie im ganzen Schulhaus einen einzigen Hellraumprojektor gehabt. Ein Kopierer sei erst in den 1980er-Jahren angeschafft worden. Im Lager von Ernst Rutz sind auch noch über 1000 Dias vorhanden, die er früher im Schulunterricht brauchte. Der Lehrer kann sich noch gut an die «Sensation» erinnern, als der erste Macintosh-Computer auf den Markt kam. Später hat er sich dafür eingesetzt, dass alle Schulzimmer mit Beamern ausgerüstet wurden.

Nicht nur im technischen Bereich hat sich einiges verändert. Auch die Lehrpläne wurden in den vergangenen 40 Jahren dreimal angepasst. Die Naturwissenschaften haben dabei an Stellenwert verloren. Nicht zur Freude von Ernst Rutz: «Im Hinblick auf den Berufseinstieg brauchen die Naturwissenschaften auf der Oberstufen einen gewissen Stellenwert.» Die Schweizer Wirtschaft lebe von der Qualität und den Innovationen im technischen Bereich. «Dafür braucht es gut ausgebildete Berufsleute», ist der dreifache Grossvater überzeugt. Weiter beunruhigt ihn die zunehmende Akademisierung des Lehrerberufs. «Uns wird von Leuten, die noch nie vor einer Klasse gestanden sind, vorgeschrieben, wie wir unterrichten sollten», ärgert sich Rutz. Dass die Politik immer mehr Einfluss auf das Tagesgeschäft in der Schule nehmen wolle, komme erschwerend dazu.

Veränderung der Schüler

Und wie haben sich die Schüler in den vergangenen 40 Jahren verändert? «Sie sind anders geworden», antwortet Ernst Rutz auf diese Frage. Mit Fernsehen, Internet und anderen Medien hätten die Jugendlichen heute viel mehr Einflüsse, die sie verarbeiten müssten. «Die Schule wird immer mehr zu einem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen können», sagt der inzwischen in Wolfikon wohnhafte Lehrer. Es falle den Schülern von heute schwerer als jenen vor 40 Jahren, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren.

Mit unkonzentrierten Schülern muss sich Ernst Rutz ab heute Abend nicht mehr beschäftigen. Auch die Dampfmaschine für den Physik-Unterricht kann er in einer Ecke verstauen. Welche Ziele er für seine Pension hat, weiss er noch nicht genau. «Vorerst lasse ich es auf mich zukommen.» Langweilig wird es dem Schulhaus-Urgestein aber sicherlich nicht. Mit dem Garten, dem Mountainbiken, dem Skifahren und dem Fotografieren hat er aufwendige Hobbies, die er weiter pflegen möchte. Auch seine Enkel werden ihren Grossvater in Zukunft wohl häufiger sehen. Und vielleicht sieht man Ernst Rutz schon bald wieder in einer Schule. Nicht vor der Wandtafel, sondern als Schüler in einer persönlichen Weiterbildung.