Abgetaucht

Bettinas B(l)ickwinkel

Bettina Scheiflinger
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Ein Sturm fegt über den Lago Maggiore, beinahe sinnbildlich für die innere Unruhe der Autorin. (Bild: PD)

Ein Sturm fegt über den Lago Maggiore, beinahe sinnbildlich für die innere Unruhe der Autorin. (Bild: PD)

Ich bin aufgekratzt, tigere durchs Atelier mit schnellem Herzschlag. Bringe nicht aufs Papier, was ich ausdrücken möchte, habe hundert Ideen, keine überzeugt mich. Die Unruhe meiner Gedanken überträgt sich auf meinen Körper. Ich stecke so tief drin in diesem Monat: Stipendium und in der Geschichte, an der ich arbeite. Ich inhaliere das Allein-Sein, sauge es tief ein. Angekündigten Besuch lade ich wieder aus, ich halte Telefongespräche kurz, beantworte nur die nötigsten SMS und E-Mails. Ich will für mich sein, will nicht teilen, bin geizig mit der verbleibenden Zeit hier. Nachts weckt mich eine Idee, ich stehe auf, um weiter zu schreiben. Am nächsten Morgen lösche ich es wieder. Bei Tageslicht liest sich alles so anders. Enttäuschung und mehr Nervosität machen sich breit in mir. Wenn jemand mit mir spricht, versinke ich tief in mir drin, höre nicht zu, denke in Sätzen, die sich aufzuschreiben lohnen könnten. Ich bin getrieben vom Schreiben, süchtig danach. Nichts anderes möchte ich für die restliche Zeit an mich ranlassen. Ich erlaube mir, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Auch Ines, die Protagonistin meiner Geschichte, hat Bedürfnisse. Sie verbietet sich jedoch Dinge, welche die Seele nähren: Gesellschaft, Nähe, gutes Essen, Zeit für sich. Die fremde Frau, die von Ines beobachtet wird, ist ganz anders: grosszügig mit ihren Gefühlen, kocht gerne für Freunde, raucht und trinkt genussvoll, lacht hemmungslos. Ines ist fasziniert von dieser Fülle an Genuss. Das Bedürfnis, dieser Frau näherzukommen, drängt sie. Einem Impuls folgend bricht Ines bei der Fremden ein und verliert die Kontrolle über sich.

Ines reibt ihre Füsse am rauen Teppich, geniesst die Gänsehaut, die sich dabei über ihren Rücken ergiesst. Sie setzt sich darauf und streicht mit den Händen über das grobe Material, bohrt vorsichtig einen Finger hinein. Ines bringt ihr Gesicht ganz nahe zum Teppich. Sie untersucht fasziniert die Härchen und Krümel, die sich dort verbergen. Es fühlt sich wohlig an, ihren Körper auf den harten Untergrund zu drücken. Hier läuft die Fremde täglich drüber. Ines stellt sich ihre nackten Füsse vor, die Hautschüppchen, die dabei auf dem kratzigen Teppich haften bleiben. Ihr ganzer Körper hat jetzt Kontakt mit einem Teil der Fremden. Ines’ Körper bebt zu ihren Fantasien.

Ines’ Identitätssuche pendelt zwischen den Extremen. Sie muss herausfinden, wer sie wirklich ist. Und vor allem, wie sie sich selbst sein kann, ohne dabei anderen noch sich selbst zu schaden.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Diesen Monat schreibt sie in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin. Während dieses Aufenthalts veröffentlicht die Autorin Kolumnen in der «Wiler Zeitung».

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