Ab in die Natur: «Runterfahren» im Camper wird immer populärer

Campen gewinnt an Beliebtheit, besonders bei Schweizern. Der Camping-Bus verdrängt dabei zunehmend den Klassiker, das Zelt.

Tobias Söldi
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Camper, Zelte, Wohnwagen – die Vielfalt an Übernachtungsmöglichkeiten auf einem Campingplatz hat zugenommen. (Bild: Marco Enzler)

Camper, Zelte, Wohnwagen – die Vielfalt an Übernachtungsmöglichkeiten auf einem Campingplatz hat zugenommen. (Bild: Marco Enzler)

Campen ist der Stoff, aus dem hierzulande immer mehr Ferienträume gemacht sind. Zelt und Matte einpacken, spontan aufbrechen, irgendwo in der Natur mit dem Gezirpe der Grillen einschlafen und mit den ersten Sonnenstrahlen wieder aufwachen – das wird auch in der Schweiz immer beliebter. 2018 verzeichnete das Bundesamt für Statistik etwa 3,5 Millionen Übernachtungen auf Campingplätzen. Das sind noch mehr als im Jahr 2017, das damals mit 3,1 Millionen Logiernächten als Rekordjahr in die Camping-Annalen eingegangen ist.

Diesen Trend merken auch Sandra und Philipp Thoma, die das Camping Bächli im Hemberg betreiben. «Es läuft gut. Seit zwei Jahren zieht es richtig an», sagt Sandra Thoma. Überrascht ist sie nicht: Viele Menschen hätten in unserer schnelllebigen und hektischen Zeit das Bedürfnis nach Ruhe, Einfachheit und Bodenständigkeit. Thoma sagt:

«Die Leute wollen weg vom Alltagsstress und suchen das Natürliche.»
Sandra Thoma, Camping Bächli

Sandra Thoma, Camping Bächli

Eine Streitfrage: 
luxuriös oder simpel

In der Region ist dieses Natürliche gar nicht so leicht zu finden – zumindest, wenn man dort campieren will. Die meisten Campingplätze in der Ostschweiz schmiegen sich an den Boden- und den Untersee. Dazwischen herrscht über weite Strecken gähnende Leere. Wil, Uzwil, Flawil – kein Campingplatz weit und breit. Fündig wird man bei Frauenfeld und in Bischofszell oder dann Richtung Toggenburg. Hier gibt es das erwähnte Camping Bächli oder etwas weiter Richtung Appenzell das Camping Schönengrund.

Der allerneuste Camping-Hype geht allerdings weg von der Einfachheit des naturnahen Campens. Zuletzt im Zusammenhang mit dem Open Air Frauenfeld hat das sogenannte «Glamping» die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregt. Die Wortkombination aus Glamour und Camping meint einen Campingstil mit Annehmlichkeiten und in einigen Fällen auch Leistungen im Resort-Stil, die normalerweise nicht mit traditionellem Camping verbunden sind. Thoma hat wenig Verständnis: «Wer Ansprüche hat, sucht sich einen entsprechenden Campingplatz», sagt sie. «Zu uns passt das aber nicht. Wir sind mitten in der Natur.»

Trotzdem: Ein gewisses Mass an Annehmlichkeiten verschmäht wohl niemand. Denn Zelten kann mindestens so anstrengend wie erholsam sein: verspannte Glieder nach einer (zu) kurzen Nacht auf einer dünnen Matte; die nächtliche Wanderung zur Toilette; die morgendliche Sonne, die sich zuerst freundlich gibt, aber bald das Zeltinnere in einen brütend heissen Ofen verwandelt. «Viele wechseln vom Zelt zum Camping-Bus, wenn sie etwas älter werden», stellt auch Thoma fest. «Wir kriegen hier immer wieder kreativ umgebaute Fahrzeuge zu sehen.»

Für Familien habe der Camper zudem den Vorteil, dass er sowohl unter der Woche als auch für Ausflüge genutzt werden könne, und zwar das ganze Jahr über, während es im Zelt im Frühling oder im Herbst schnell einmal zu kalt wird. Für die Familie Thoma, die den Campingplatz in Eigenregie betreibt, bedeutet das aber auch viel Arbeit: «Es kommt selten vor, dass gar niemand da ist.» Und manchmal, etwa über Ostern oder Pfingsten, sei es schon vorgekommen, dass sie Gäste hätten abweisen müssen.

Immer mehr Schweizer
machen im Land Ferien

Campen in der Schweiz ist vor allem eine Leidenschaft der Schweizerinnen und Schweizer. Der grösste Teil der 3,5 Millionen Logiernächte fällt auf Einheimische: 2,4 Millionen, Tendenz steigend. Thoma kann das bestätigen:

«Auch wir haben in der Tat mehr Gäste aus der Schweiz im Vergleich zu früher. Schweizer machen immer öfters in der Schweiz Ferien.»

Beliebt sei das Campen auch bei Familien mit Kindern aus der näheren Umgebung. «Manchmal braucht es nur eine 20-minütige Fahrt und man fühlt sich schon weit weg», sagt Thoma.

Unter den ausländischen Gästen machen – wenig überraschend – die nahen Nachbarländer den grössten Teil aus. Fast 460000 Logiernächte gehen auf Deutsche zurück, 250000 auf Niederländer und 105000 auf Franzosen. Zahlen, die natürlich Schwankungen unterworfen sind: «Wenn der Eurokurs tief ist, haben wir weniger Gäste aus dem Ausland.»

Freies Übernachten – erlaubt oder verboten?

Antworten auf diese Frage findet man beim Touring Club Schweiz, dem laut eigenen Angaben grössten Anbieter von Campings in der Schweiz. Generell verboten ist freies Campieren in der Schweiz nicht. Es gibt aber auch keine generell gültige Regelung. Die gesetzlichen Bestimmungen sind Sache der Kantone, häufiger aber sogar Sache der Gemeinden wie im Kanton St. Gallen. Generell erlaubt sind einzelne Übernachtungen im Gebirge oberhalb der Waldgrenze, auf Privatgrundstücken mit Erlaubnis des Grundstückbesitzers und das Notbiwakieren. Verboten ist das Campieren in Naturschutzgebieten, Nationalparks, in Jagdgebieten, Wildruhezonen und in Gebieten mit Betretungsverbot. Ähnlich zeigt sich das Bild beim freien Übernachten im Wohnmobil, im Camping-Bus oder im Auto, etwa an Orten wie Raststätten, Parkplätzen, abseits von Strassen oder in freier Natur. Es gibt auch hier keine generelle Regelung für freies Übernachten. Im Kanton St. Gallen ist es generell verboten. Man kann aber bei der Polizei oder der Gemeinde anfragen – manche erlauben das Übernachten. Weitere Informationen unter www.tcs.ch/camping. (pd/tos)