«99 Prozent sind anständig»

Zu Spitzenzeiten herrscht in Zügen oft Platzmangel. Die SBB wollen deshalb Fahrgäste, die Sitze mit Gepäck belegen, mit einem zusätzlichen Ticket belasten. In den regionalen Verkehrsbetrieben geht man mit solchen Problemen gelassener um.

Natalie Brägger
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REGION. Sieben Uhr morgens, Gleis 2, Bahnhof Wil: Das kleine Wartehäuschen ist voll, auf dem Perron warten frierend Pendler und Reisende. Dann fährt der ICN nach Zürich ein. Wie Ameisen strömen Leute aus den Zugwagen hinaus. Doch es sind bei weitem nicht so viele, wie danach hastig einsteigen. Von Morgenmüdigkeit ist in diesem Moment wenig zu spüren. Der Stress ist begründet, denn wer als letzter einsteigt, kann sicher sein, dass er keinen Sitzplatz mehr findet. Dann ist Stehen angesagt – und zwar mindestens 16 Minuten, bis der Zug in Winterthur halt macht.

Lösung im direkten Gespräch

Solche Szenen sind im Pendlerverkehr alltäglich, weshalb die SBB darauf bedacht sind, dass jeder Sitzplatz von einer Person und nicht von Taschen oder Koffern besetzt wird. Wer sein Gepäck in solchen Situationen nicht vom Sitz nehmen will, muss ein zusätzliches Billett bezahlen. Nicht weniger belegt als die Züge der SBB sind zu Spitzenzeiten auch die Busse der regionalen Verkehrsunternehmen. «Zu Hauptverkehrszeiten sind unsere Busse ausgelastet», sagt René Stämpfli, Betriebsleiter der Wil Mobil AG, «die Problematik mit Gepäckstücken auf den Sitzen ist bei uns aber nicht akut.» Wil Mobil transportiert pro Tag durchschnittlich rund 6800 Personen. «Da viele Pendler stets zur gleichen Zeit die gleichen Strecken fahren, kennen sie sich», erklärt René Stämpfli. Probleme mit Sitzplatz-Besetzern würden deshalb im direkten Gespräch gelöst. Ähnlich sieht Jürg Eschenmoser, Leiter von Postauto Ostschweiz, die Situation. «Natürlich gibt es auch in unseren Postautos Fahrgäste, die Sitze mit Taschen besetzen», sagt er auf Anfrage, «99 von 100 Personen sind aber anständig und machen den Platz frei, wenn jemand darum bittet.» Eine Regel aufzustellen, wie sie die SBB haben, sei sowohl bei Postauto Ostschweiz als auch bei Postauto Schweiz kein Thema.

Die gleichen Interessen

In den Regionalzügen der Thurbo AG gilt die gleiche Hausordnung wie in den Zügen der SBB, denn die Thurbo AG ist eine Tochtergesellschaft der SBB. «Bis jetzt hatten wir allerdings nie grosse Probleme mit Leuten, die mit ihrem Gepäck zu viel Platz brauchen», sagt Thurbo-Mediensprecher Gallus Heuberger auf Anfrage. Dies hänge aber sicherlich auch damit zusammen, dass die Pendler zu den Hauptverkehrszeiten eher wenig Gepäck und vor allem die gleichen Interessen hätten. «Zu den Tageszeiten, in denen Fahrgäste mit Einkaufstaschen die Regionalzüge benutzen, sind diese nicht so stark besetzt», sagt Gallus Heuberger.