500 wollen weiterhin Atomstrom

WIL. Fünf Prozent der rund 10 000 Wiler Haushalt- und Gewerbekunden haben bei den Technischen Betrieben explizit Strom aus Kernenergie verlangt. Damit sparen sie aber nur wenige Franken.

Silvan Meile
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Martin Berti, Geschäftsleiter der Technischen Betriebe Wil, zusammen mit Markus Hilber, Leiter Markt und Kunden (v. l.). (Bild: sme.)

Martin Berti, Geschäftsleiter der Technischen Betriebe Wil, zusammen mit Markus Hilber, Leiter Markt und Kunden (v. l.). (Bild: sme.)

Die Stadt Wil vollzog wenige Wochen nach den Ereignissen im japanischen Fukushima einen konsequenten Schritt: Wiler Haushalte- und Gewerbekunden erhalten seit April automatisch für einen marginal teureren Preis Strom aus Wasserkraft mit Herkunftsnachweis Schweiz, gänzlich frei von Kernenergie. Eingekaufte Zertifikate erbringen den Herkunftsnachweis. Rund 0,2 Rappen pro verbrauchter Kilowattstunde kostet der Strom dadurch mehr. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus bedeutet dies eine etwa zehn Franken teurere Stromrechnung pro Jahr.

Fünf Prozent für Atomstrom

Wer weiterhin leicht günstigeren Strom aus Atomenergie möchte, muss dies explizit verlangen. Die Wiler Stromkunden wurden mit einem Schreiben der Technischen Betriebe Wil (TBW) darüber informiert. Rund 500 der knapp 10 000 Kunden haben auf dieses Schreiben reagiert und ausdrücklich Atomstrom verlangt. Das sind rund fünf Prozent der Strombezüger. Alle anderen haben sich stillschweigend für Strom aus erneuerbaren Energien ausgesprochen.

Nicht automatisch von dieser Massnahme betroffen sind rund 100 Wiler Strombezüger aus der Wirtschaft, die als Grosskunden die Hälfte des Stromverbrauchs der Stadt ausmachen. Doch auch sie konnten teilweise für einen ökologischeren Strom begeistert werden. Bestrebungen, noch weitere Grosskunden dafür zu gewinnen, sind seitens der TBW im Gange.

Vom Ärger zum Erstaunen

Martin Berti, Leiter der TBW, zeigt sich «hocherfreut» über die grosse Akzeptanz in der Bevölkerung. «In den ersten beiden Wochen nach dem Versand der Information hatten wir diesbezüglich rund 100 Telefonate zu bewältigen», sagt Markus Hilber, Leiter Markt und Kunden der Technischen Betriebe. In den allermeisten Gesprächen hätten sich die Kunden erfreut gezeigt über die Massnahme. Lediglich eine einstellige Anzahl Anrufer hätten sich ernsthaft darüber geärgert, dass ihnen teurerer Strom «aufgezwungen» wird. Der Ärger ging aber rasch in Erstaunen über, als den Stromverbrauchern vorgerechnet wurde, dass es sich auch in ihrem konkreten Fall nur um wenige Franken Aufpreis pro Jahr handelt.

Verschiebungen im Strommix

Da Wil die Umstellung zu einem frühen Zeitpunkt realisierte, konnte der günstige Ökostrom-Aufpreis von 0,2 Rappen pro Kilowattstunde für fünf Jahre gesichert werden. «Zwischenzeitlich haben weitere Städte und Gemeinden den gleichen Systemwechsel beim Strombezug vollzogen», erklärt Martin Berti, Geschäftsleiter der TBW. «Das Wiler Modell wurde über zehnmal kopiert», fügt er hinzu, «vor allem in Thurgauer Gemeinden.» Wie sehr sich die deutlich gestiegene Nachfrage nach Schweizer Strom aus Wasserkraft schliesslich auf den dessen Strompreis auswirken wird, ist noch ungewiss. Mit diesem Systemwechsel, wie ihn Wil vollzogen hat, wird auf jeden Fall Druck auf die Produzenten von Atomstrom ausgeübt. Der Strommix in der Stadt Wil wird sich dadurch deutlich verändern. Auf diese Weise kann lokal und effektvoll der Konsum und die Produktion von erneuerbarer Energie im schweizerischen Bilanzsystem gefördert werden. «Der Anteil an Atomstrom wird unter 30 Prozent fallen», sagt Hilber. Vor dem Systemwechsel belief er sich in Wil auf rund 75 Prozent. Mit weiteren Anstrengungen, noch mehr Grosskunden für die ökologische Variante zu gewinnen, könnte der Anteil laut Hilber im Jahr 2014 sogar auf 15 Prozent schrumpfen.

Noch ökologischer ist möglich

Die TBW kauft nun für die allermeisten Kunden Strom aus Wasserkraft mit Herkunftsnachweis Schweiz ein. Der effektive Strom aus der Steckdose ist aber noch immer hauptsächlich aus Kernenergie. Dies kann erst mit dem Produzieren von mehr Ökostrom geändert werden. Die TBW produzieren bereits heute «Wiler Ökostrom» aus eigenen Solaranlagen und Biomassenstrom von der Verwertung der stadteigenen Abfallmenge beim ZAB. Wiler Ökostrom aus stadteigenen Ressourcen ist eines der Angebote, das ein ökologisch noch hochwertigeres Produkt darstellt als das Standardprodukt, welches nun aus atomfreier Wasserkraft besteht. Der jährliche Aufpreis für diesen Wiler Ökostrom bewegt sich pro Haushalt mit vier Personen um 225 Franken pro Jahr.

Investitionen sind geplant

Mit der Lossagung vom Atomstrom ist bei den TBW auch die Nachfrage nach diesen noch ökologischeren Varianten stark angestiegen. «Die Kundenzahl bei den hochwertigen Ökostromprodukten konnte von 112 auf 290 gesteigert werden», freut sich Berti. Und dieser Trend hält an. Für die TBW auch ein Grund, das Angebot an Wiler Ökostrom weiter auszubauen. «Dafür ist im Budget 2012 der TBW ein beachtlicher Beitrag vorgesehen», deutet Hilber an, ohne mehr zu verraten. Schliesslich muss dieses Budget noch vom Stadtparlament bewilligt werden. Für Berti wie auch Hilber ist aber klar: «Wir müssen noch mehr für ökologische Stromgewinnung machen.» Denn nur so kann man sich tatsächlich unabhängig vom Atomstrom machen.

Martin Berti, Geschäftsleiter der TBW, zusammen mit Markus Hilber, Leiter Markt und Kunden (v. l.). (Bild: sme.)

Martin Berti, Geschäftsleiter der TBW, zusammen mit Markus Hilber, Leiter Markt und Kunden (v. l.). (Bild: sme.)

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