41 Minuten neben der Spur

WIL. Wil Bahnhof, ab 15.49. Nach 20 Metern hält der Bus schon wieder. «Sorry!», ruft die Fahrerin. Genervt, nicht entschuldigend. Der junge Mann wäre ihr fast hineingelaufen. Zisch, die Tür öffnet. Er steigt ein. Braune Haut, kurze Baumwollhosen, blaues Muskelshirt.

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WIL. Wil Bahnhof, ab 15.49. Nach 20 Metern hält der Bus schon wieder. «Sorry!», ruft die Fahrerin. Genervt, nicht entschuldigend. Der junge Mann wäre ihr fast hineingelaufen. Zisch, die Tür öffnet. Er steigt ein. Braune Haut, kurze Baumwollhosen, blaues Muskelshirt. Unter dem Plastikbogen der Kopfhörer sticht ein Gel-Irokese in die Luft. «Die Haltestelle ist dort hinten», zeigt die Chauffeuse mit ausgestrecktem Arm Richtung Heckscheibe. «Sorry», sagt der junge Mann, ohne sich die Kopfhörer abzunehmen, und setzt sich.

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Mit ihm sitzen 19 Menschen im Bus 835, einem Postauto, Mercedes-Benz Citaro, TG 689. Eines, das eine wichtige Aufgabe hat: Es ersetzt die Bahn, die seit Ende März und noch bis nächsten Mittwoch ausfällt. Die Bahnstrecke zwischen Wil und Weinfelden wird total saniert.

Aus einem Lautsprecher rauschen Funksprüche, sie sind Geräusche ohne Inhalt. Unter den Passagieren findet keine Kommunikation statt. Niemand redet, niemand lacht. Die Frauen sind in der Überzahl. Zwei lesen im «Blick am Abend», eine auf dem Bildschirm, der an der Decke hängt: Kristallwelt und Christkindlmarkt, ein Fest der Sinne in Innsbruck, Anmeldung unter traumreisen@postauto.ch – Leyla Rykart (17) aus Erlenbach gewinnt das Knabenschiessen – der Zürcher SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger tritt zurück. Die junge Frau nebenan hört Musik. Die türkisgrünen Ohrenclips passen zum türkisgrünen Oberteil, das schwarze iPhone zu den schwarzen Leggins. Sie hat ihre Ballerinas ausgezogen und ihre baren Füsse auf das Polster gelegt.

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Bronschhofen Würe, drei steigen aus, niemand ein. Ein Mann im Karohemd sucht das Gespräch mit seiner Sitznachbarin. Nur: Sie hat es nicht gesucht, lächelt verlegen. Er schwatzt, während der Billettautomat bei jeder Bodenwelle klappert. So laut, dass niemand versteht, was er sagt – ausser sie, die es nicht zu interessieren scheint. Sie blickt auf den Bildschirm: 69 Tote bei Monsun-Unwettern in Pakistan.

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Bettwiesen Dorf, sieben steigen aus, niemand ein. Ausgestiegen ist auch der junge Mann, der vor 20 Minuten fast vor den Bus gelaufen wäre. Die Kopfhörer hat er immer noch auf. Der Bus rollt wieder an, braust an einer blauen Ortstafel vorbei: Tägerschen. Darunter: Konstanz 25 km. Wer aus dem Fenster schaut, sieht Öltanks und Bauvisiere. Das Gelenk des Gelenkbusses knarrt.

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Tobel-Affeltrangen, drei steigen aus, zwei ein. Eine trägt Gymnastikschuhe, Nike, und rosarote Hotpants. Der perfekt frisierte Dot auf ihrem Kopf gleicht einer Brioche. Bis auf eine Ausnahme sitzen nur Frauen im Bus. Eine Wagenlänge neben der Strasse liegen die Schienen der sanierten Strecke still in der Wiese. Bauarbeiter stehen keine herum, nur leere Kabelrollen. Das Trassee verschwindet hinter dem nächsten Hügel. Vorne öffnet sich ein Meer aus Einfamilienhäusern. Die Strasse wird enger, die Fahrerin zirkelt um frisch angesäte Rasen und mit Wasser gefüllte Planschbecken. Jeder darf hier nicht durch – eine Fahrverbotstafel sagt: «Ausgenommen Zubringerdienst und PTT-Fahrzeuge».

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Und dann: Bussnang, Stadler Rail. Auf dem Parkplatz vor einer Produktionshalle steht ein aufgebockter Zug. Davor stehen 36 Leute. Einer im schwarzen Anzug, mit Hugo-Boss-Ledermappe, ein anderer in blauen Arbeitskleidern, mit Rivella-Rucksack. Sie warten auf den Bus in den Feierabend. Auch eine Schulklasse steigt ein. Bei Fahrminute 24 wird der Bus zum ersten Mal von Leben erfüllt: «Hey, säg em Burim en Gruess. Und säg em, er het kei Ahnig vo Fuessball spiele. Und seg em Andi, i bi hässig uf ihn. Und säg em, i hass ihn und i schrieb em nie meh zrugg, wenn er mir schriebt. Aso, es stimmt eigetlich gar nöd, aber egal. Wenn hend ihr wieder FC? Du muesch ems sägä, i schwör!» – «Jooo, i säg ems jo, me hend hüt FC, chills mol.»

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Weinfelden BBZ, alle steigen aus. Die Fahrerin stellt den Motor ab. Sie notiert etwas in einem Büchlein, sammelt zwei PET-Flaschen ein und entsorgt sie im nächsten Mülleimer. Sieben Minuten später sitzen fünf Menschen im Bus 835 Richtung Wil. Der Bildschirm, der an der Decke hängt, macht jetzt Werbung für eine Smartphone-Software der PostAuto Schweiz AG: «Bitte einsteigen – wir fahren App!»

Mario Fuchs