150 Helfende auf 30 Hilfesuchende: Ältere Menschen nehmen Nachbarschaftshilfe nur zaghaft in Anspruch

Hilfsangebote für Menschen der Risikogruppe gibt es viel. Doch nicht allen Betroffenen fällt es leicht, diese Hilfe auch anzunehmen.

Tobias Söldi
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Ein Bild, das es eigentlich nicht mehr geben dürfte: Ältere Menschen sollten möglichst zu Hause bleiben.

Ein Bild, das es eigentlich nicht mehr geben dürfte: Ältere Menschen sollten möglichst zu Hause bleiben.

Bild: Bruno Kissling

Einkaufen, Medikamente besorgen, den Hund ausführen, Müll entsorgen oder auch nur ein bisschen reden: Hilfsangebote gibt es mittlerweile viele. In den vergangenen Wochen sind sie in der ganzen Region Wil und Toggenburg wie Pilze aus dem Boden geschossen. Sie unterstützen älteren Semester und Personen, die der Risikogruppe angehören und möglichst zu Hause bleiben sollen, dabei, ihren Alltag trotz Coronakrise zu meistern.

Doch nicht alle von den Massnahmen Betroffenen scheinen die Hilfe auch in Anspruch nehmen zu wollen. Markus Windirsch, der die Aktion «Toggenburg hilft» leitet, sagt: «Wir hatten schnell sehr viele Helferinnen und Helfer beisammen. Die Nachfrage aber ist immer noch recht klein, vor allem bei der Gruppe der Seniorinnen und Senioren.»

Markus Windirsch, «Toggenburg hilft»

Markus Windirsch, «Toggenburg hilft»

Sascha Erni

Mühe mit den Einschränkungen

In Zahlen ausgedrückt heisst das: Aktuell stehen bei «Toggenburg hilft» 150 registrierte, Helferinnen und Helfer lediglich 30 Hilfesuchenden gegenüber. Warum dieses Missverhältnis? Windirsch vermutet:

«Einige Seniorinnen und Senioren, die bis jetzt ein schönes, erfülltes Leben ohne Einschränkungen gelebt haben, haben vielleicht nun Mühe damit, dass ihre Freiheit beschnitten wird.»

Dabei, betont Windirsch, basierten diese Massnahmen letztlich auf dem Solidaritätsgedanken. «Es fehlt manchmal an Verständnis dafür, warum diese Einschränkungen nötig sind.» Dazu komme, vermutet Windirsch, dass wohl bei vielen die Vorräte im Haus noch bis jetzt ausgereicht hätten und erst langsam zu Ende gehen.

Viele warten, bis es nicht mehr anders geht

Bei der Pro Senectute Wil-Toggenburg kennt man das Problem, mit dem «Toggenburg hilft» zu kämpfen hat. «Wir haben festgestellt, dass Senioren zu Beginn der Krise trotzdem unterwegs waren oder einkaufen gingen», sagt Peter Baumgartner, der Vorsitzende der Stellenleitung und Leiter Fachbereich Information und Beratung.

Peter Baumgartner, Pro Senectute Wil-Toggenburg

Peter Baumgartner, Pro Senectute Wil-Toggenburg

PD

Viele hätten sich nicht betroffen gefühlt und seien überzeugt gewesen, die Situation alleine meistern zu können, weshalb sie sich von den Hilfsangeboten wenig angesprochen fühlten.

Dass manche ältere Menschen Mühe damit bekunden, Hilfe in Anspruch nehmen, ist, so Baumgartner, aber eine «grundsätzliche Feststellung», eine Beobachtung, die er nicht nur in der aktuellen Lage macht. Er führt den Heimeintritt als Beispiel an:

«Viele warten, bis es nicht mehr anders geht. Dabei fänden sich bessere Lösungen, wenn man früher handeln würde.»

Die Zahl der Hilfesuchenden wächst

Doch das Bild ändert sich. Das merkt die Pro Senectute genauso wie «Toggenburg hilft». «Senioren bleiben immer konsequenter daheim», sagt Peter Baumgartner. Möglich werde dies auch deshalb, weil zwischen den Nachbarn und Familienmitgliedern plötzlich wieder eine erfreuliche Solidarität und Verbundenheit entstanden sei.

Auch Markus Windirsch stellt Veränderungen fest: Die Zahl der Hilfesuchenden wachse, und werde das in den nächsten Wochen weiter tun, ist er überzeugt. «Das spüren wir bereits jetzt.»

Akzeptanz über Mund-zu-Mund-Propaganda

Letztlich dauert es auch einfach eine gewisse Zeit, bis ein neues Netzwerk wie «Toggenburg hilft» akzeptiert ist. Zentral ist das Vertrauen. Windirsch:

«Das Angebot sollte von den Seniorinnen und Senioren angenommen werden.» 

Letzteres ist auch der Grund, dass «Toggenburg hilft» eine Telefonzentrale in der Stadtverwaltung Lichtensteig eingerichtet hat. «Wir haben bewusst keine Whats­app-Gruppe erstellt oder eine Privatnummer benutzt, sondern eine offizielle Nummer aufgeschaltet.» Einen grossen Beitrag zur Akzeptanz und zur Nutzung leisten aber auch persönliche Erfahrungen und Mund-zu-Mund-Propaganda.