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«Wien ist die grösste Stadt Vorarlbergs»

Der Poolbar-Festivalmanager und Bundes-Kulturpreisträger Herwig Bauer über das Verhältnis Vorarlbergs zu Wien, urbane Flecken und Naturidyllen, Verkehrsprobleme und kulturelle Initiativen wie das FAQ oder Bus Stop Krumbach.
Interview: Marcel Elsener
Vorarlberger Kultur-Zampano: Herwig Bauer auf dem Marktplatz seines Wohnorts Dornbirn. (Bild: Urs Bucher)

Vorarlberger Kultur-Zampano: Herwig Bauer auf dem Marktplatz seines Wohnorts Dornbirn. (Bild: Urs Bucher)

Herwig Bauer, Sie kehrten nach 16 Jahren in Wien nach Vorarlberg zurück. Ein typischer Fall – oder gerade nicht?

Das ist schon sehr typisch. Klar bleiben viele hängen nach dem Studium, Wien ist bekanntlich die grösste Stadt Vorarlbergs. Aber viele kommen schon auch zurück. Vorarlberger werden deshalb von anderen Österreichern belächelt, wegen ihres starken Heimatbezugs.

Der Hauptgrund für eine Rückkehr?

Bei mir wie bei andern: Es gab Nachwuchs. Im Hinterkopf dann die Gedanken an eine schöne Kindheit nah am Wald und wie man sich in der Natur her­umtrieb, wie man wollte. Die Landschaft und die familiäre Umgebung sind sentimentale und pragmatische Gründe, auch für meine Frau, ebenfalls Vorarlbergerin, die noch länger in Wien lebte.

Dem Klischee nach hat fast jeder studierte Vorarlberger noch ein Bein in Wien, sprich Wohnung, beste Freunde oder Teilzeit-Job. Zugespitzt: Es geht nicht ohne Wien.

Naja, es geht auch nicht mit Wien. Es ist definitiv eine Hassliebe, genährt durch Stolz und Rivalität: Einerseits schätzt man Wien als tolle Grossstadt, gleichzeitig grenzt man sich immer wieder ab. Politisch kommt das gelegen: Wenn etwas klappt, hat man Wien schlau etwas abgeluchst. Wenn nicht, haben einem die bösen Wiener wieder etwas weggenommen. Ein wenig wie bei der EU.

Sie wirken als Verlagsmitarbeiter und Konzertveranstalter, etwa für das Burgtheater, weiterhin auch in Wien. Wie oft sind Sie jährlich dort?

Drei, vier Wochen, meistens für Besprechungen, ein Terminmarathon, den ich mit meinem Wiener Fahrrad absolviere.

Auf welchem gängigen Reiseweg?

Ausser von einer Umzugsfahrt per Auto immer mit dem Zug. Es gibt inzwischen viele, die ab Altenrhein fliegen, auch Studenten, wenn wieder brutale Spezial­tarife angeboten werden. Mir ist aber schlicht die Zeit zu schade, das ganze Rundherum am Flughafen, zudem bin ich kein Bonze und denke auch an die Umwelt. Im Zug kann ich arbeiten, packe meinen Laptop aus und merke oft erst im Wien Meidling, dass ich da bin.

Trotz aller Rückkehrer: Vorarlberg verliert viele gute Köpfe an Wien, so wie die Ostschweiz an Zürich. ­Müsste das Ländle nicht endlich eine eigene Universität haben?

Auswärts studieren ist gut! Und wir haben ja eine starke Fachhochschule und universitäre Lehrgänge. Freilich wird die Uni-Frage immer wieder diskutiert, jüngst auch in unseren Workshops für die «Marke Vorarlberg», doch der Tenor bleibt: Eine Uni wäre schon schön, aber es braucht keine mittelmässige mit Angeboten, die es anderswo besser gibt. Ich halte den Zwang, fürs Studium einige Jahre abhauen zu müssen, für entwicklungsförderlich. Manche Salzburger oder Grazer studieren mit 18 in ihrer Stadt und bleiben dort, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben. Das kann einem Vorarlberger nicht passieren.

Wo ist Vorarlberg am meisten Stadt?

Unser Poolbar-Festival ist sicher ein urbaner Flecken, obwohl mitten in der Natur. Hier treffen sich einen ganzen Sommer lang frühere und aktuelle Studenten. Unter Gleichgesinnten. Die Qualität einer Stadt ist ja, dass du unter vielen Menschen dein Milieu suchen kannst. In einem Dorf mit 500 Einwohnern bist du schnell der Sonderling.

Und sonst?

Es gibt punktuelle Ansätze, zeitlich und örtlich. Das FAQ-Festival im Bregenzerwald bietet urbane Kultur, es versteht sich als «Gesellschaftsforum», das gemäss Titel häufig gestellte Fragen thematisiert. Dies mit prominenten regionalen und internationalen Köpfen, wie dem in New York lebenden Bregenzer Grafikdesigner Stefan Sagmeister, der mit Plattencovers für Lou Reed oder die Rolling Stones oder der Ausstellung «The Happy Show» weltberühmt wurde. Das FAQ ist ein sehr spezielles Angebot, aber im Bregenzerwald sind die Leute offen für solche Impulse. Auch das typisch Vorarlberg: Wenn man sich auf einen «Place-to-be» einigt, geht man hin.

Weltkultur bietet sicher Bregenz.

Klar, aber die Urbanität hält sich in Grenzen, das wirkt kulturell überdimensioniert. Das Kunsthaus von Weltformat in einem solchen Städtle überrascht, ebenso die Festspiele mit der Seebühne. Aber es driftet halt sehr schnell ins Touristische ab. Wer nach Ausstellungen oder Aufführungen in Bregenz essen gehen will, kann das knapp noch, aber einen Club gibt’s keinen einzigen. «Städtisch» wäre noch die Low-Life-Bar, die Rockerbar mit einem voll tätowierten Wirt, notabene auch das Lieblingslokal des Bürgermeisters. Leider machte das Bergisel, ein einzigartiges Lokal in einem alten Schiessstand, vor zehn Jahren dicht.

Nicht an Grossstadt, aber an Amerika dachten wir in den 80er- und 90er-Jahren, wenn wir zu US-Bands wie Mudhoney oder Yo La Tengo in Hohenems und Dornbirn fuhren und nachts Schnitzelbrote in Öskis Jausestation assen, derweil bei uns alles längst geschlossen war.

Jugendliche Sehnsüchte, schön! Ja, den Vergleich mit Kalifornien und speziell Los Angeles hört man manchmal. Mit L.A. ist ja wohl der nächtlich beleuchtete Siedlungsmatsch gemeint, das Flächige, das in die Weite gebaute und das autozentrierte Land, das ihr in der Schweiz Agglomeration nennt.

Heute steht man gerade im Grossraum Dornbirn und an den Grenzübergängen stets im Stau.

Tatsächlich ist die Verkehrssituation katastrophal, mehrmals Hunderte Meter Blechsalat. Wenn es mehrere Spuren gäbe, könnte man wirklich von L.A. sprechen. Zumindest an der Bahnlinie Bregenz–Bludenz geht’s ja noch mit dem ÖV, immerhin fährt die S-Bahn häufiger und an Wochenenden im Stundentakt durch. Doch die Schwierigkeit bleibt: Von Dornbirn zu meinen Eltern im Vorort von Feldkirch brauche ich mit dem Auto 20 Minuten, mit Rad, Bahn und Bus hingegen Fünfviertel Stunden, also fast viermal länger. Eine Poolbar-Mitarbeiterin aus Siebratsgfäll hat keine Chance, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Feldkirch zu gelangen. Aber zugegeben, das ist auch der Inbegriff des hinterletzten Kaffs in der Vorarlberger Tallandschaft.

Eine Frage der Raumplanung.

Raumplanung ist ein riesiges Thema. Das «L.A.-Rheintal» umzusetzen verlangte nach einer Stadt mit einem Kopf, also einer einzigen Instanz, die besser koordiniert. Es kann nicht sein, dass jedes Kaff ein eigenes Feuerwehrhaus haben muss. Es gab schon Raumgestaltungsbemühungen unter dem Begriff «Vision Rheintal», damit sich Gemeinden bei Bauplätzen für Unternehmen nicht gegenseitig überbieten mit Anreizen und ausstechen. Es blieb beim Reden, jetzt gibt es endlich konkrete Gesetzesvorlagen wie das Raumbild, die einigermassen heftig eingreifen, etwa gegen die unerwünschte Baulandhortung und eine vermehrte Einheit.

Beim Poolbar-Festival spielen Bands aus Berlin, London oder New York. Was zeigen Sie den Weltstädtern?

Natürlich die Natur! Die sind schon begeistert von der Landschaft, wenn sie ankommen. Persönlich fasziniert mich das Hochgebirge. Alte Gasthäuser in der Berglandschaft, Schönenbach im Bregenzerwald zum Beispiel, kitschig-schöne Orte, wo die Idylle auf die Spitze getrieben wird. Jedoch echt gewachsene Landschaften, die nicht einfach museal sind, wie in andern Gegenden. Hier ist der Faden nie ganz gerissen zur alten Kultur, zu den Traditionen und zur Architektur, hier wird Altes und Neues respektvoll kombiniert. Vielleicht würde ich ihnen die spektakuläre Seilbahn zeigen, die von Dornbirn über den Kamm in Bregenzerwald hinein projektiert wird. Das würde immerhin den Wald dem Rheintal näher bringen, aber wie gesagt: Wir haben weit dringlichere Verkehrsprobleme.

Was sind die derzeit erfreulichsten Bewegungen im Ländle?

Man merkt auf jeden Fall eine Öffnung spiessigster Kreise gegenüber Modernität und Urbanität. Weil sie begreifen, dass man in Bewegung bleiben muss, um das Geschaffene zu erhalten und auszubauen. Aus dieser Not heraus sind viele neugierig, was jenseits des Tellerrands passiert. Gemäss dem schönen Spruch eines uralten Vorarlberger Dichters, der mir extrem taugt: «Mir ehrat das Olt und grüassad das Nü, und blibad üs seal und da Hoamat trü.» Mit Heimat ist übrigens kein durch grenzendefinierter Ort gemeint, sondern Familie, Herkunft, das Quartier. Das fasst Vorarlberg gut zusammen: traditionalistisch bewahrend, aber pragmatisch neugierig.

Was wären aktuell die spannendsten kulturellen Initiativen und Orte?

Nebst dem erwähnten FAQ-Festival etwa das Chybulski, ein Lokal in Feldkirch mit schrägen Vögeln und einem irrsinnigem Charme, offiziell ein Antiquariat, aber es finden immer wieder Untergrund-Konzerte statt. Oder das Glashus in Frastanz, eine ehemalige Gärtnerei, die jetzt als Kulturlokal genützt wird. Schöne Bewegungen abseits der sicheren Pfade.

Was halten Sie von der Bewerbung der Vorarlberger Städte – nun allerdings ohne Bregenz – als Europäische Kulturhauptstadt?

Es ist schön, wenn «trans-dörflich» gedacht wird, das hat jetzt schon einiges in Bewegung gesetzt und die Phantasie angeregt. Aber ob das Format das richtige ist? Da gibt es bessere Formate für Kulturinitiativen im Kleinen, die gross ausstrahlen. Ein gutes Beispiel, wie etwas völlig Eigenes, Unverbrauchtes, Frisches und dabei Kostengünstiges aus dem Mini-Nest Krumbach medial um die ganze Welt geht: Bus Stop Krumbach. Ich meine, andere Regionen bräuchten den Kulturhauptstadt-Schub dringender als das kulturell reiche Vorarlberg.

Was nervt, anders gefragt: Wann ist das Vorarlberg unerträglich?

Mühsam ist oft die machtzentrierte Blase, in der viele Politiker leben, die meist intransparenten Entscheidungen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr mit Menschen reden und weniger mit Positionen und Rollen. Die Wirtschaftshörigkeit müsste besser unter Kontrolle gebracht werden, gleichzeitig aber Wirtschaft als Teil des Ganzen gedacht – und gehört – werden.

Hat die Fremdenfeindlichkeit zugenommen?

Das beobachte ich im Alltagsleben nicht. Die politische Situation ist schon so, dass ausländerfeindliche und rassistische Leute, die man früher nicht hörte, lauter werden. Andererseits staune ich über Initiativen in Dörfern, wo einzelne Bürgermeister aufstehen und sagen: Da gibt es eine Not, da helfen wir. Beispielsweise die Bürgermeisterin in Schwarzenberg, die sich für Flüchtlingshilfe vor Ort stark machte und trotz Konflikten Rückhalt in der Bevölkerung fand. Freilich gibt es leider auch die kratzbürstige Arroganz, Nicht-Vorarlberger als Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen.

Zum Schluss: Ihr Verhältnis zur Schweiz? Aus welchem Grund gehen Sie über die Grenze?

Das Verhältnis ist nicht sonderlich intensiv, muss ich leider sagen. Ich besuche natürlich das innovative Konzertlokal Palace in St.Gallen. Dann – mit dem Sohnemann – das Thermalbad in St.Margrethen. Oder gern auf den Hohen Kasten, Berglandschaft. Und dann werde ich mir wieder bewusst, dass bei euch alles unerträglich teuer ist. Eine Grillwurst auf dem Kasten kostet 19 Franken. Ein Wahnsinn!

Seit 25 Jahren Kopf des Feldkircher Poolbar-Festivals

Herwig Bauer, geboren 1973 in Feldkirch, gehört als Gründer und Betreiber des Poolbar-Festivals zu den bekanntesten Vorarlberger Kulturveranstaltern. Der in Innsbruck, Wien (TU) und Mexiko studierte Architekt kehrte 2011 fest ins Ländle zurück, wo er mit Frau Daniela und Sohn in Dornbirn lebt. Bauers Festival hat 2014 als erst zweite Kulturinitiative im Land den österreichischen Kunstpreis erhalten. Damit anerkannte der Bund, was die Wiener Szene und Eingeweihte im Dreiländereck seit Jahren schätzen: Die sechswöchige Veranstaltung, gegründet 1994 als künstlerische Sommerakademie, entwickelte sich zu einem weit ausstrahlenden Popkulturfestival mit Impulsen für Architektur, Design, Mode oder gar Wissenschaft. Dabei treffen internationale Grössen auf lokale Talente, quer durch viele Genres von Indie-Rock, Hip-Hop, Jazz, DJ, Poetry Slam, Aktionskunst, Bildhauerei, Film, Literatur, Comedy oder Theater.

Speziell ist vor allem der Ort: ein leer stehendes Hallenbad aus den 60ern, ein prägnanter Stahlbeton-Glas-Bau eines Corbusier-Schülers in einem Park beim Feldkircher Stadtzentrum. Die Architektur des Festivals wird jährlich neu gestaltet, herausragend auch die Grafik und das Magazin. An der 25. Auflage vom 6. Juli bis 14. August spielen u.a. Eels, Ziggy Marley, Joan As Police Woman, Antilopen Gang, Algiers und White Lies. Am 6. Juni findet der Wiener Ableger des Festivals im Museumsquartier statt. (mel)

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