WIEDERGUTMACHUNG: Ein Maturand wagte sich ans heisse Eisen

Die Misshandlungen im Kinderheim Steig bei Appenzell waren lange ein offenes Geheimnis. Das Innerrhoder Beispiel zeigt: Erst öffentlicher Druck bringt Kantone dazu, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit zu befassen.

Michael Genova
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Bereits 2005 berichteten Ehemalige von Körperstrafen und Übergriffen im Kinderheim Steig. (Bild: Siegfried Kuhn (Appenzell 1977))

Bereits 2005 berichteten Ehemalige von Körperstrafen und Übergriffen im Kinderheim Steig. (Bild: Siegfried Kuhn (Appenzell 1977))

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz

-am-

sonntag.ch

Gross ist die Aufmerksamkeit, ­ als die Innerrhoder Regierung Anfang Juli 2017 einen historischen Bericht zur Vergangenheit des Kinderheims Steig vorstellt. Landammann Daniel Fässler bittet im Namen der Regierung alle früheren Bewohnerinnen und Bewohner «für die zum Teil traurigen Erlebnisse in ihrer Kindheit» um Entschuldigung. Doch es ist nicht der erste Bericht, der sich mit dem traumatischen Heimalltag in der Steig befasst.

Bereits 2009, zum 25-Jahr- Jubiläum des Behinderten­wohnheims Steig, wurde eine Festschrift veröffentlicht. Der ­damalige Landammann Carlo Schmid verfasste das Vorwort. Der 2010 verstorbene Landesarchivar Hermann Bischofberger beleuchtete auf 27 Seiten auch die Geschichte der Vorgängerinstitution, des früheren Kinderheims Steig.

Die öffentliche Debatte blieb aus

Bischofberger schreibt, dass die in der Steig angewandten Methoden «unseren heute gültigen Vorstellungen nicht mehr vollumfänglich zu genügen vermögen». Er berichtet von Schlägen mit Teppichklopfern und bezeichnet das Knien auf Holzscheiten als übliche Strafe. «Besonders schwer wurden Bettnässer bestraft», schreibt er.

Welche Reaktionen löste Bischofbergers Festchronik damals aus? Die Lokalzeitungen nahmen nur kurz Notiz davon, auf den Inhalt der Chronik gingen sie nicht ein. Zu einer öffentlichen Diskussion sei es seines Wissens nicht gekommen, sagt der heutige Innerrhoder Landesarchivar Sandro Frefel. Das Ziel sei ein anderes gewesen. In erster Linie ging es in dem Bericht um das Jubiläum der Werkstätte und des Wohnheims Steig in Appenzell. Bei dieser Gelegenheit habe alt Landesarchivar Hermann Bischofberger die damals verfügbaren Quellen des früheren Kinderheims Steig aufgearbeitet. «In diesem Sinne war Bischofbergers Text eine Vorarbeit für den heutigen historischen Bericht.»

Die eigentliche Grundlagenarbeit verfasste allerdings kein Profi. Bereits 2005 hatte Matthias Rusch eine Maturaarbeit veröffentlicht, für die er Betroffene befragt hatte, die im Kinderheim Steig gelebt hatten. Bischofberger stützte sich bei seinen Beschreibungen auf diese Interviews. Und auch der jüngste Historiker­bericht zitiert die Arbeit des damaligen Maturanden.

Es fällt auf, dass Bischofberger noch 2009 stark um Ausgewogenheit bemüht ist. «Die Verdienste der Schwestern wurden mehrfach gewürdigt und verdankt. Ich hoffe, dass mir dies auch hier gelungen ist», schreibt er. Allgemein gelte in der geschichtlichen Forschung der Grundsatz, dass frühere Zeiten «nicht an den heutigen Massstäben gemessen werden dürften».

Die Fremdplatzierung in Heimen erhielt erst 2014 mit der Lancierung der Wiedergutmachungs-Initiative in der Schweiz eine breite Aufmerksamkeit. Als Frefel 2012 sein Amt als Landesarchivar antrat, verlangten erst wenige Betroffene Einsicht in ihre Akten. In der Zwischenzeit habe sich dies geändert. Als die nationale Debatte über Opfer ­fürsorgerischer Zwangsmass­nahmen grösser wurde, kam das Thema nach Appenzell Innerrhoden zurück. «Manchmal muss ein Thema etwas gären, bis die Zeit reif dafür ist», sagt Frefel.

«Weisse Flecken» in vielen Kantonen

Im Frühling und im Sommer 2015 erschienen im «Appenzeller Volksfreund» und in anderen regionalen Blättern mehrere Artikel über die Vergangenheit des Kinderheims Steig. Die Innerrhoder Regierung entschied daraufhin, für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte einen Auftrag zu vergeben. «In der Schweiz gibt es nicht viele Experten, die sich auf diesem Gebiet gut auskennen», sagt Frefel. Deshalb fiel die Wahl nach einem Auswahlverfahren auf Urs Hafner und Mirjam Janett, die seit Jahren auf diesem Gebiet forschen. Laut Frefel gehört Innerrhoden zu den wenigen Trägern eines Kinderheims, welche die jüngere Geschichte haben aufarbeiten lassen. «In vielen Kantonen bestehen auf diesem Gebiet noch weisse Flecken.»

Alt Landesarchivar Hermann Bischofberger wahrt in der Festchronik von 2009 stets professionelle Distanz. Trotzdem schimmert am Ende der Studie seine Meinung durch. Man habe ihm einst gesagt: «Du sollst wissenschaftliche Arbeiten verfassen, nicht predigen. Meiner Meinung nach sind die Grenzen nicht einfach zu ziehen.»