Wie St. Gallen Konstanz den Schneid abkaufte: Konstanz verlor im 15.Jahrhundert die wirtschaftliche Vormachtstellung im Bodenseeraum

Konstanz war im Mittelalter das Zentrum der Textilwirtschaft im Bodenseeraum. Im 15. Jahrhundert aber übernahm St. Gallen diese Rolle. Die Gallusstadt profitierte von politischen Querelen am See.

Adrian Lemmenmeier
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Die Stadt St. Gallen mit den Bleichen vor den Stadttoren 1545. Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen

Die Stadt St. Gallen mit den Bleichen vor den Stadttoren 1545. Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen

In der Thurgauer Gemeinde Wigoltingen liegt Schloss Altenklingen. Ein Prunkbau mit Treppendach, Zwiebeltürmchen und einer goldenen Sonnenuhr auf der weissen Fassade. Das Anwesen gehört der Familie Zollikofer – einer der bedeutendsten Familien der Sankt-Galler Stadtgeschichte. Ihre Mitglieder waren weit gereiste Textilkaufleute, Bürgermeister, Richter oder Geistliche; sie gründeten etwa das in St. Gallen stadtbekannte Spielwarengeschäft «Zollibolli» – oder die Druckerei, in der das Tagblatt bis vor wenigen Jahren gedruckt wurde.

Doch die Zollikofer stammen nicht aus St. Gallen, sondern aus Konstanz. Metzgermeister Conrad Zollikofer lebte zu Beginn des 15. Jahrhunderts in der Stadt am See. Er handelte mit Vieh und Leinen und war reicher als all seine Zunftgenossen zusammen. Seine Söhne Jobst und Hans aber verliessen Konstanz und zogen nach St. Gallen. Grund dafür war wohl die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Städte: Konstanz – über Jahrhunderte die Drehscheibe des Leinenhandels im Bodenseegebiet – stürzte im 15. Jahrhundert in eine tiefe Krise. St. Gallen aber erlebte einen Aufschwung. Kapital und Know-how querten den Bodensee.

Auf vier Jahre Fest folgt der Jahrhundertkater

Konstanz’ Abstieg begann mit einer Grossveranstaltung. Von 1414-1418 beherbergte die Stadt ein Konzil der römisch-katholischen Kirche. Die Kleriker wollten das Ende der abendländischen Kirchenspaltung beschliessen (seit 1378 regierte ein Papst in Rom und einer in Avignon). Dies gelang mit der Wahl von Otto Colonna als Papst Martin V. Während der vier Konziljahre war Konstanz im Ausnahmezustand. Täglich standen 6000 Einheimische 20000 Gästen gegenüber. Kardinäle, Erzbischöfe und Ordensleute reisten mit Gefolge an. Dazu kam eine Unmenge Schaulustige. Die Stadt war dermassen überfüllt, dass einige Knechte in grossen Weinfässern übernachteten – und ein Haus beim Münster gar unter der Last der Zuschauer zusammenkrachte, wie in Gert Zangs «kleiner Konstanzer Geschichte» zu lesen ist.

Auf die Feier folgte der Kater. Als die Gäste abgezogen waren, hinterliessen sie Arbeitslosigkeit und Schulden. Nun kamen soziale Probleme an die Oberfläche, die das Konzil zu übertünchen vermocht hatte: 90 Prozent des Vermögens lag bei reichen Patriziern. Zwei Drittel der Bevölkerung lebte an der Armutsgrenze. Diese Spannung gipfelte in einer Revolte gegen den Rat, die nur mit einer von König Sigismund erzwungenen Versöhnung beendet werden konnte.

Die Eidgenossen zerstören die Handelswege

1460 erlebte Konstanz ein weiteres einschneidendes Ereignis: Die Eidgenossen eroberten den Thurgau. Nach dem Konzil hatte der König Konstanz das Landgericht über dieses Gebiet zugestanden – ein Recht, das mit Einkünften durch Strafgelder verbunden war. Nach der Eroberung blieben zum einen diese Gelder aus. Zum andern konnte die Stadt den Händlern, die durch den Thurgau reisten, keinen Schutz mehr garantieren. Konstanzer Kaufleute verkehrten bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts in Venedig, Genua oder Florenz. «Für die Jahre nach 1460 versiegen die Nachrichten, die von Konstanzer Händlern in der Ferne zu künden vermögen, beinahe vollständig», schreibt Helmut Maurer in «Konstanz im Mittelalter». Das sei zu auffällig, um nicht mit dem Verlust des Thurgaus in Verbindung gebracht zu werden. Konstanz verlor damit seine zentrale Rolle im Fernhandel. Im 16. und 17. Jahrhundert spielte man die zweite Geige. Später schrumpfte der Exporthandel auf ein Minimum zusammen.

St. Gallen setzt auf hohe Qualität

Die Stadt St. Gallen machte eine völlig andere Entwicklung durch. Noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde Leinwand aus der Gallusstadt in Spanien unter dem Titel «Constances» angepriesen. Jahre später hatten sich die Vorzeichen geändert: 1481 fragte Konstanz an, ob man das St. Galler Qualitätssiegel für die eigene Leinwand verwenden dürfe. Die Anfrage wurde abgelehnt. Die gute Qualität der St. Galler Stoffe führt der St. Galler Historiker Stefan Sonderegger auf strenge Produktionskontrollen zurück – und auf das Know-how, das Kaufleute wie die Zollikofer, Hochreutiner und andere bei Ihrem Umzug aus Konstanz mitbrachten. «St. Gallen profitierte vom Niedergang der Konstanzer Konkurrenz.» Die Ostschweizer Leinwand wurde im 16. und 17. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Exportprodukte der Eidgenossenschaft.