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Von der KZ-Hölle in die sichere Ostschweiz: Wie Nummer 178 überlebte

Pavel Hoffmann macht sich Sorgen. Der Hass gegen die Juden werde wieder stärker, warnt er. Hoffmann ist einer von 1200 Juden, die 1945 vom Konzentrationslager Theresienstadt nach St.Gallen gebracht wurden. Eine Ausstellung widmet sich der Reise.
Torsten Schöll
Heute reist der 79-jährige Pavel Hoffmann umher und erzählt seine Geschichte. (Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 26. September 2016))

Heute reist der 79-jährige Pavel Hoffmann umher und erzählt seine Geschichte. (Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 26. September 2016))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Am Abend des 6. Februar 1945 fährt ein Sonderzug der Deutschen Reichsbahn in den Bahnhof von Petershausen bei Konstanz ein. Die Waffen-SS unter Leitung des Obersturmführers Franz Göring bewacht die Waggons. Dann geht die Weisung an die Passagiere, die Judensterne zu entfernen. Frauen sollen Lippenstift auftragen, Männer sich rasieren. Der Ton der SS-Männer ist ungewöhnlich freundlich. Manchen macht das misstrauisch. Aber viele im Zug haben kurz vor dem Halt Lichter gesehen. Lichter bei Nacht im verdunkelten Deutschland? Unter den 1200 Jüdinnen und Juden im Sonderzug aus dem KZ Theresienstadt herrscht plötzlich Aufregung, ja, zum ersten Mal nach über einem Tag Fahrt, sogar Freude. Kann es sein, dass es wahr wird? Dürfen sie tatsächlich in die Schweiz ausreisen, in die Freiheit?

Erst am nächsten Morgen rollt der Zug nach Konstanz ein – und hält erneut. «Sie werden jetzt entlassen aus dem Deutschen Reich», lässt man die Reisenden im typischen Behördenjargon wissen. Dann, gegen 11 Uhr, überquert der Schnellzug die Grenze. «Zwei Männer der SS springen noch auf, um sich selbst in Sicherheit zu bringen», sagt Pavel Hoffmann. In Kreuzlingen werden die Deserteure von Schweizer Gendarmen zurückgeschickt.

Hoffmann, der das berichtet, ist heute 79 Jahre alt und erzählt seit seinem 60. Lebensjahr, wo er nur kann – in der Schweiz, in Deutschland und vor allem vor Schülerinnen und Schülern – von seinem Schicksal.

Ein Vollwaise hat Glück in der Hölle

Es die Geschichte eines sechsjährigen jüdischen Jungen aus Prag, der wie durch ein Wunder als Vollwaise die Hölle überlebt. «Irgendjemand muss sich im Konzentrationslager um mich gekümmert haben», sagt Hoffmann. Vielleicht war es ein Ehepaar namens Fischer, das ihn später auch adoptieren wollte.

Im Hadwig-Schulhaus wurde der Sechsjährige mit dem Schild fotografiert. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv Bern, Dossier E4264#1985/196#50051*)

Im Hadwig-Schulhaus wurde der Sechsjährige mit dem Schild fotografiert. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv Bern, Dossier E4264#1985/196#50051*)

Dass er am 5. Februar 1945 im KZ überhaupt den Zug besteigen durfte, war eines von gleich mehreren Wundern, die nötig waren, damit Hoffmann den Holocaust überleben konnte. Zu diesem Zeitpunkt war bereits seine ganze Familie tot, der Vater erschossen, die Mutter und Grosseltern vergast. Frauen, Männer und Kinder, deren Angehörige ermordet wurden, sollten nach Anordnung des Lagerkommandanten Karl Rahms die Reise nicht antreten dürfen. Pavel Hoffmann sass dennoch im Schnellzug in die Schweiz.

Fast alle Züge, die vom deutschen Konzentrationslager Theresienstadt in der Tschechoslowakei abgingen, hatten bis dahin als Ziel die Gaskammern der Vernichtungslager. Wieso waren also dieses eine Mal die Weichen anders gestellt? Wieso durften im Februar 1945 1200 Juden mit Zustimmung der Nazis in die Schweiz ausreisen, genauer gesagt nach St.Gallen? Sicher ist: Für den Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, der auf deutscher Seite die Aktion verantwortete, war es kein Akt der Humanität. Es ging ihm um Geld, viel Geld, und – angesichts des sich abzeichnenden Untergangs des Deutschen Reiches – auch um eine Verbesserung seiner Reputation bei den Alliierten. Eigentlich sollten auf den ersten Transport wöchentlich weitere folgen. Dazu kam es aber nicht. Als Hitler von der Befreiungsaktion erfuhr, soll er sie sofort wutentbrannt gestoppt haben.

Es ist Nachmittag als der Zug, in dem der sechsjährige Pavel Hoffmann als einziger Waise sitzt, vom Schweizer Militär in Kreuzlingen in Empfang genommen wird. Vertreter der jüdischen Gemeinde erwarten die Ankömmlinge, die in Kreuzlingen in zwei Züge der Schweizerischen Bundesbahnen umsteigen sollen. Das Rote Kreuz und Bürger verteilen Äpfel, Schokolade und Backwaren an die ausgemergelten und erschöpften Zuginsassen. Hoffmann, der heute mit seiner Familie in Reutlingen bei Stuttgart lebt, kann sich an all das nicht erinnern:

«Ich habe keinerlei Erinnerungen an den Transport und die Ankunft in der Schweiz.»

Alles, was er weiss, hat er nachträglich erfahren. Aus eigenen Recherchen, vieles aus der Masterarbeit von Catrina Schmid, die die Arbeit 2017 an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen eingereicht hat und in der sie die Ereignisse minutiös beschreibt.

Vorbereitete Strohlager

Als die Züge in St.Gallen am Bahnhof St.Fiden ankommen, werden sie so nah wie möglich an das Hadwig-Schulhaus weitergeleitet. Dort werden die Geretteten untergebracht. In der «Appenzeller Zeitung» steht tags darauf:

«Es war ein Bild des Jammers.»

Das Schulhaus dient als «Desinfektionslager», von wo die Flüchtlinge später auf die ganze Schweiz verteilt wurden. Für die Ankömmlinge waren Strohlager vorbereitet, Kranke erhielten Betten. Hier entstand auch das Foto des jungen Pavel, der mit wachem Blick und einer Schiefertafel um den Hals in die Kamera blickt. In einem Dokument der Fremdenpolizei ist vermerkt: «Paul Hoffmann, Konfession: israel., Rasse: Nichtarier; Einreise: illegal». Ein zweites, in diesen Tagen ausgestelltes Dokument bestätigt schliesslich: «Das obgenannte Kind wird in diesem Sinne bis auf weiteres formell fremdenpolizeilich als interniert behandelt.» Pavel Hoffmann ist gerettet.

Dieses Dokument wurde erstellt, als Pavel Hoffmann in Kreuzlingen eintraf. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv Bern, Dossier E4264#1985/196#50051*)

Dieses Dokument wurde erstellt, als Pavel Hoffmann in Kreuzlingen eintraf. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv Bern, Dossier E4264#1985/196#50051*)

Bis in den Sommer 1944 hatte die Schweiz an ihrer restriktiven Flüchtlingspolitik festgehalten; die Grenzen für ­jüdische Flüchtlinge verschlossen gehalten. Erst danach, wurden die Einreise­bestimmungen gelockert, so dass Flüchtlinge, die es über die Grenze schafften, aufgenommen wurden. Diese Lockerung ermöglichte letztlich auch den ­Verbleib der 1200 Juden aus Theresienstadt.

St.Gallisches Ehepaar fädelt die Rettungsaktion ein

Dass die Aktion überhaupt gelang, war der Initiative des Industriellenehepaars Recha und Isaac Sternbuch aus St. Gallen zu verdanken. Das orthodox-jüdische Paar engagierte sich seit den 1930er-Jahren in der Flüchtlingshilfe. Die St.Galler kontaktierten den ehemaligen Bundesrat Jean-Marie Musy, von dem sie wussten, dass er beste Beziehungen zu hohen Nazifunktionären unterhielt. Tatsächlich traf sich Musy daraufhin in Deutschland gegen Bezahlung mehrmals mit Himmler, um den Deal auszuhandeln.

Der junge Pavel, der schon 1941 auf einer Todesliste der Nazis geführt wurde, kam nach einigen Wochen in St.Gallen in das Auffanglager Les Avants und danach in ein Kinderheim nach Heiterswil, wo der tuberkulose- und skorbutkranke Bube versorgt wurde. «Das Ehepaar Fischer, das sich wahrscheinlich schon in Theresienstadt um mich gekümmert hat und mich adoptieren wollte, nahm mich nach Kriegsende wieder mit in die Tschechoslowakei», erzählt Hoffmann. Zu der Adoption sollte es jedoch nicht kommen, weil die Behörden einen Onkel ausfindig machen konnten.

Erzählt Pavel Hoffmann heute über sein Leben, wird er nicht müde, vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus in der Welt und in Deutschland, wo er seit 1968 lebt, zu warnen. Das hat den nichtreligiösen Juden auch zu einem energischen Verteidiger des israelischen Staates gemacht. «Noch immer ist ein wehrhafter Jude für viele unerträglich», sagt Hoffmann. «Nie wieder Krieg haben die Deutschen gesagt, nie wieder Opfer sagen die Juden. Das erste Versprechen ist inzwischen hinfällig, hoffen wir, dass das zweite für immer anhält.»

Bilder illustrieren die Reise

Noch bis zum 14. Oktober ist die Ausstellung «Flüchtiges Glück» in Horb am Neckar im Museum Jüdischer Betsaal (Fürstabt-Gerbert-Strasse 2) zu sehen. Die Schau zeichnet mit zahlreichen Bildern und Dokumenten den Transport der 1200 Jüdinnen und Juden nach, die im Februar 1945 mit einem Sonderzug aus dem KZ Theresienstadt nach St.Gallen gebracht wurden. Die Ausstellung ist samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet oder nach Vereinbarung.

Pavel Hoffmann trifft zudem am 26. Oktober, um 20 Uhr in Empfingen bei Horb auf Reiner Höss, der ein Enkel des Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz ist. Die Gesprächsrunde findet im katholischen Gemeindehaus von Horb im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Nachtcafé» statt. (ts)

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