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Wie eine Appenzellerin in Nordkorea die Welt ein bisschen besser macht

Kaum jemand kennt Nordkorea so gut wie Katharina Zellweger. Jetzt erhält die Teufnerin für ihr Engagement einen renommierten Preis einer internationalen Frauen-Organisation, bei der auch Hillary Clinton Mitglied ist.
Jürg Ackermann
Asiatische Kunst schmückt die Wohnung von Katharina Zellweger in Teufen. Bild: Urs Bucher

Asiatische Kunst schmückt die Wohnung von Katharina Zellweger in Teufen.
Bild: Urs Bucher

Wenn Katharina Zellweger von ihrer Terrasse auf den Alpstein blickt, wird ihr manchmal bewusst, was für ein Privileg es ist, hier geboren zu sein. «Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich dieses Glückslos gezogen habe», sagt Zellweger auf ihrem Balkon und trinkt ein Wasser. Auf dem Tisch liegt ein Album mit Bildern – die meisten aus Nordkorea.

Das mausarme Land in Asien ist so etwas wie eine zweite oder dritte Heimat für die Appenzellerin geworden. Es dürfte im Westen kaum jemanden geben, der die abgeschottete Diktatur so gut kennt wie sie. Der so gut einschätzen kann, was es für die 24 Millionen Menschen im Alltag heisst, unter Kim Jong Un zu leben. Der so tiefe Einblicke in ein Land erhalten hat, von dem viele nur wissen, dass es von einem unberechenbaren Diktator regiert wird, der mit Raketentests Schrecken bis in die USA verbreitet. «Doch auch die Menschen in Nordkorea haben Träume und Hoffnungen. Das vergessen wir im Westen manchmal.»

Zwischenstopp zwischen Hongkong und Kalifornien

Die 67-Jährige ist auf Durchreise. Wieder einmal. In Niederteufen steigt sie meist ab, wenn sie einen Zwischenhalt macht auf dem Weg von ihrem Wohnort Hongkong nach Kalifornien, wo sie seit Jahren an der renommierten Stanford-Uni Vorlesungen zu ihrem Spezialthema Nordkorea hält und Kurse gibt.

Dabei war 1993 auch der Zufall mit im Spiel, als das kleine Land in Asien in den Mittelpunkt ihres Lebens zu rücken begann. Ein Bekannter in China hatte ihr Interesse an Nordkorea geweckt. 1995 reiste sie das erste Mal nach Pjöngjang, später koordinierte sie die internationale Hilfe von Caritas und war fünf Jahre lang Leiterin des Deza-Büros in der Hauptstadt. Über 70 Mal ist sie schon nach Nordkorea gereist.

Über ihr privates Hilfswerk KorAid bleibt Zellweger auch in Zukunft mit dem Land eng verbunden. Sie importiert Metallteile für Prothesen oder Linsen, die für die Operation des «Grauen Stars» benötigt werden, sie unterstützt Kinderheime. «Man kann mit so wenig Geld so viel helfen», sagt sie.

Katharina Zellweger mit einer Gruppe von Nordkoreanerinnen, die sich am Grauen Star operieren liessen und die dank ihrem Hilfswerk zu Linsen kommen. Bild: PD

Katharina Zellweger mit einer Gruppe von Nordkoreanerinnen, die sich am Grauen Star operieren liessen und die dank ihrem Hilfswerk zu Linsen kommen. Bild: PD

Dass man alles, was mit Nordkorea zu tun habe, dämonisiere, sei eine Motivation gewesen, das Hilfswerk zu gründen. Dass damit auch das Überleben der Diktatur in Nordkorea verlängert werden könnte, beschäftigt sie nicht sehr. «Den Nordkoreanern zu helfen, steht weit unten auf der Prioritätenliste der grossen Organisationen und Hilfswerke. Dabei leben hier Millionen Menschen, die uns brauchen. Das zählt», sagt Zellweger.

In der Ehrengalerie mit Allende und Albright

Pionierin war sie schon immer auf ihre Weise. In den frühen 1980er Jahren besuchte Zellweger als eine der ersten aus dem Westen fast sämtliche chinesischen Provinzen, wo sie im Auftrag von Caritas mit Kindern und Menschen mit Beeinträchtigungen arbeitete. Als Schweizerin seien ihr schon damals immer viele Türen aufgegangen. «Man weiss, dass wir keine politischen Absichten und Grossmachtpläne haben. Das kommt uns in dieser Arbeit zu Gute.» So habe sie sich auch in Pjöngjang stets sehr sicher gefühlt.

So viel Engagement bleibt nicht verborgen. Im November wird Katharina Zellweger einen renommierten Preis vom International Women’s Forum entgegen nehmen. Die Organisation mit 7000 Mitgliederinnen auf sechs Kontinenten (darunter Fast-US-Präsidentin Hillary Clinton) ehrt jedes Jahr Frauen, die durch besondere Verdienste «einen Unterschied in der Welt» ausmachen. An der Preisverleihung werden über 1000 geladene Gäste anwesend sein.

Sie liebe die Menschen, sie arbeite hart und es gelinge ihr, mit ihrer herzlichen Art, die Leute zu motivieren und ihr Vertrauen zu gewinnen, heisst es über Zellweger in der Würdigung. Die ehemalige US-Aussenministerin Madeleine Albright wurde von diesem internationalen Frauen-Forum in früheren Jahren ebenso ausgezeichnet wie Zanele Mbeki, die Frau des ehemaligen südafrikanischen Premierministers, die chilenische Schriftstellerin Isabelle Allende oder Filmstar Audrey Hepburn. Das Kriterium: Durch «Leadership» ein Vorbild sein für andere Frauen.

«Ich habe Zimmer voll hungernder Kinder gesehen»

Im November beim Kongress in Toronto wird auch Zellweger in dieser Ehrengalerie des Women’s Forum aufgenommen. «Ich hätte niemals mit dieser Auszeichnung gerechnet», sagt die Appenzellerin, die erst ihre Termine im November neu koordinieren musste, um an der Preisverleihung überhaupt teilnehmen zu können. Zellweger hält nämlich zu dieser Zeit Vorträge in Südkorea. Doch zum Glück gibt es von Seoul aus Direktflüge nach Toronto.

Unterwegs war Zellweger schon immer. Menschen am Rande, die gerne übersehen werden, haben stets ihr Interesse geweckt. Und dass man die Welt mit Engagement verändern kann, daran glaubt sie. Auch heute noch. Nach so vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit.

Einiges habe sich auch in Nordkorea zum Guten gewendet, sagt Zellweger. Armut sei zwar noch immer verbreitet, doch unmittelbare Hungersnöte gebe es praktisch keine mehr. Kein Vergleich zur Zeit, als sie in den 1990er Jahren als Managerin des Caritas-Hilfsprogramms jeweils für ein paar Wochen nach Nordkorea reiste. «Ich habe ganze Zimmer voll hungernder Kindern gesehen. Und wusste, dass sie in ein paar Wochen, wenn ich zurückkomme, nicht mehr leben würden», erzählt Zellweger. «Die Menschen auf dem Land suchten verzweifelt nach Weizenkörnern.»

Diese Schreckensbilder sind zum Glück Vergangenheit, Zellweger beschäftigt sich lieber mit der Zukunft, auch ihrer eigenen. Ob sie ihren Lebensabend in Asien oder der Schweiz verbringen wird, weiss sie noch nicht, das hänge auch von der Gesundheit ab. «Mein Zuhause ist dort, wo ich mich wohl fühle, wo ich etwas bewegen und etwas Sinnvolles tun kann.» Hongkong, Niederteufen, Stanford, Pjöngjang: Auf einen geografischen Ort will sie sich da nicht festlegen.

Katharina Zellweger in einem Heim für Kinder mit Hörproblemen.

Katharina Zellweger in einem Heim für Kinder mit Hörproblemen.

Kurz nach diesem Interview heisst es bereits wieder Koffer packen. Ab heute Freitag wird sie zwei Wochen lang eine Leserreise-Gruppe unserer Zeitung durch Nordkorea begleiten. Zuvor hat sie noch unzählige Mails für ihre Hilfsorganisation geschrieben. «Der Kampf um Spenden hält mich auf Trab», sagt sie.

Ein Meer von Wolkenkratzern

Nach dieser Reise geht es wieder zurück nach Hongkong. So schön der Blick auf Kronberg und Säntis auch ist, so oft der Appenzeller Dialekt bei ihr noch immer durchschimmert und sie den Kontakt mit ihren vier Geschwistern schätzt – Hongkong vermisst sie meist schnell wieder. Die Stadt mit den Tausenden von Wolkenkratzern, mit den grünen und bergigen Inseln, mit den riesigen Märkten, der unglaublich vielfältigen Küche, eine der dichtest besiedelten Metropolen der Welt, wo die 8,5 Millionen Einwohner im Durchschnitt 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung haben. Seit über 40 Jahren lebt sie dort.

1978 war Zellweger zum ersten Mal nach Hongkong geflogen mit einem Zwei-Jahres-Vertrag als Caritas-Mitarbeiterin in der Tasche. Einen Plan zu bleiben, gab es nicht, obwohl es ihr «etwas eng» geworden war in der Schweiz. Doch der Austausch, die Internationalität, die vielen Möglichkeiten in der asiatischen Grossstadt beeindruckten sie.

«Wenn ich Freunde zum Nachtessen einlade, ist es oft so, dass jeder aus einem anderen Land kommt», sagt Zellweger, die schon seit Monaten gespürt hat, dass in Hongkong «etwas am Schwelen» ist. Die Proteste beschäftigen auch sie. Regierungschefin Carrie Lam habe viel zu lange am umstrittenen Auslieferungsgesetz festgehalten. Viele hätten Angst, dass Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit in Hongkong durch die chinesische Regierung untergraben werden könnten. «Die Menschen lassen sich nicht mehr mit Vertröstungen abspeisen. Sie wollen Lösungen für ihre Probleme sehen.»

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