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Wie die St.Galler Spitallandschaft entstanden ist - ein Blick zurück

Hat der Kanton St.Gallen zu viele Spitäler? Schon einmal sind Schliessungen erwogen worden. Doch die Regionalspitäler sind tief verwurzelt, was angesichts ihrer Geschichte nicht erstaunt.
Rolf App
Damals lag es noch am Stadtrand an der frischen Luft: das St.Galler Bürgerspital in der Zeit um 1880. (ETH-Bibliothek)

Damals lag es noch am Stadtrand an der frischen Luft: das St.Galler Bürgerspital in der Zeit um 1880. (ETH-Bibliothek)

Seine Eröffnung feiert das Spital Uznach im November 1895 mit drei Tagen der offenen Tür. Einer der Besucher mit gerade erst verheiltem Bein stürzt bei der Besichtigung über eine Treppe – und wird gleich der erste Patient des Spitals, das sich von Anfang an grosser Nachfrage erfreut. Arbeiter und Taglöhner machen den Hauptharst der Kranken aus, gefolgt von Knechten und Landwirten. Operiert wird selten, häufiger sind Infektionskrankheiten zu behandeln wie die Tuberkulose. Gegen sie wird es erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine wirksame Therapie geben.

Schon 1905 wird das Spital ein erstes Mal erweitert. Der Rickentunnel wird gebaut, das gibt viel Kundschaft. Die Krankenzimmer gelten mit ihren sieben Betten im Vergleich zu den Krankensälen in Grossspitälern als enormer Fortschritt.

Manch ein Patient überlebt den Transport nicht

Zu diesem Fortschritt hat der mausarmen Gemeinde Walenstadt ein reicher Unternehmer namens Fridolin Huber verholfen. Sein Sohn ist früh gestorben, fortan verlegt sich der Unternehmer darauf, mit seinem enormen Vermögen Gutes zu tun. Die Gemeinde bekommt eine Primarschule, und sie erhält auch ein Spital samt Absonderungsbaracke, in welche Patienten mit ansteckenden Krankheiten gelegt werden. Die Kranken werden auf Bahren oder Karren herbei geschafft, manch einer überlebt den Transport nicht. Doch auch gegen die Kinderkrankheiten wird schon bald Abhilfe geschaffen. 1893 beschliesst der Regierungsrat die Einführung von elektrischem Licht, zuvor ist im Schein übel stinkender Petrollampen operiert worden. 1904 bekommt das Kantonsspital St. Gallen ein neues Auto – und schenkt das alte dem Spital Walenstadt.

Sieben-Bett-Zimmer: 1905 in Uznach das Nonplusultra.

Sieben-Bett-Zimmer: 1905 in Uznach das Nonplusultra.

Der Kanton steht zu diesem Zeitpunkt mitten in einem enormen Spital-Bauboom, dessen Nachwirkungen in Form von Überkapazitäten und Defiziten heute die Behörden beschäftigen – nicht zum ersten Mal. Angefangen hat dieser Boom 1845 mit dem St. Galler Bürgerspital, dem gegenüber 1873 das Kantonsspital errichtet wird. 1867 bekommen Altstätten, 1871 Ober- und 1873 Niederuzwil ein Gemeindekrankenhaus. Thal, Wattwil, Flawil, Grabs und Rorschach folgen bis 1901. Der Kanton ist gross, die Wege sind weit, und: Die medizinisch-naturwissenschaftliche Forschung hat seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein neues Verständnis des menschlichen Körpers entwickelt.

Spitäler gibt es schon lange. Sehr lange sogar. Die Fürsorge für die Kranken gehört seit dem frühen Mittelalter zu den ureigenen Aufgaben der Klöster. Schon der um 820 im Kloster Reichenau ausgearbeitete St. Galler Klosterplan zeigt Kräutergarten, Arzthaus und Hospital. Mönche sollen nicht nur beten, sondern auch heilen und pflegen. «Dahinter steckt die Idee, dass uns Christus in jedem Menschen, besonders im Kranken und Notleidenden, aber auch im Fremden begegnet», beschreibt Stiftsbibliothekar Cornel Dora die Motivation.

Diese Fremden sind oft Pilger, die auf diese Weise Linderung für ihre Gebrechen suchen. Oder es sind Menschen, für die es keine Heilung gibt. Wo heute im St. Galler Klosterbezirk die Chocolaterie Menschen auf ganz andere Weise verwöhnt, richtet Abt Otmar, der Begründer des Klosters, im 8.Jahrhundert das zweitälteste verlässlich bezeugte Spital der Schweiz für Aussätzige ein, die an der unheilbaren Lepra leiden.

Darf man Kranke heilen? Die Frage spaltet die Kirche Doch es gibt durchaus Kritik an der Klostermedizin. Krankheit wird nämlich als Teil des göttlichen Heilsplans gesehen.

Darf der Mensch da eingreifen?

Mehrere Konzile setzen im 12. und 13. Jahrhundert der medizinischen Tätigkeit von Geistlichen ein Ende. Jetzt übernehmen Private. In St. Gallen wird 1228 auf Initiative zweier Bürger gleich beim Markt das Heiliggeist-Spital errichtet – «als Obhut für die Kranken». Es ist zugleich Spital, Altersheim und Waisenhaus, und lange Jahrhunderte eine wichtige Institution, bis es sich im 19.Jahrhundert als zunehmend baufällig erweist. Ersatz wird gesucht. Der Zeitgeist ist «auf planvoll durchdachte, möglichst symmetrisch angeordnete Bauwerke ausgerichtet», fasst Stadtarchivar Marcel Mayer die Debatten zusammen. Ausserdem: Die Spitalinsassen sollen sich «des vollen Genusses der reinen Luft und Bewegung in der freien Natur» erfreuen. Deshalb baut St.Gallen am Ortsrand.

Schliessungspläne wühlen auf: Demonstration 1997 in Rorschach. (Ursula Häne)

Schliessungspläne wühlen auf: Demonstration 1997 in Rorschach. (Ursula Häne)

Allerdings nur für die eigenen Bürger. Für die «Fremden», wozu auch die übrigen Kantonsbürger zählen, fühlt sich der neu geschaffene Kanton verantwortlich. Schon 1803 betont der Kleine Rat: «Die Sorge für das Gesundheitswohl ist eine wichtige Angelegenheit der Regierung.» Zu tun gibt es viel: Die Kindersterblichkeit ist hoch, immer wieder grassieren Seuchen wie Tuberkulose, Typhus, Pocken oder Cholera – begünstigt auch durch die Wohn- und Lebensverhältnisse einer stetig wachsenden Bevölkerung. Eine wissenschaftlich arbeitende Medizin steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Aber sie beginnt unter dem Einfluss des deutschen Chemikers Justus Liebig doch, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt mehr und mehr zu verstehen.

Jakob Laurenz Sonderegger: Ein St. Galler Pionier

Zum Pionier der St.Galler Gesundheitspolitik und zum Begründer des Spitals Altstätten und des Kantonsspitals in St. Gallen wird der im Rheintal geborene Jakob Laurenz Sonderegger. «Volksgesundheit ist Nationalreichthum!» zitiert er 1874 den Amerikaner Benjamin Franklin in einem Bericht an den Grossen Rat und begründet damit eine Reform der öffentlichen Gesundheitspflege und der Lebensmittelkontrolle. Lebenskraft und Lebensdauer des Menschen seien «in sehr erheblichem Grade in die Hand des Menschen gelegt». Die Republik aber habe die Aufgabe, «soziale Fragen rechtzeitig und unblutig zu lösen».

So bekommt St. Gallen 1875 ein Gesundheitsgesetz, Ortsgesundheitskommissionen werden gebildet und jene Spitäler gebaut, die danach Wachstumsschub um Wachstumsschub erleben. Politiker wie Bevölkerung sehen das positiv. «Im breit abgestützten Ausbau des Gesundheitswesens verbanden sich Fortschrittsbewusstsein und Optimismus der politischen Elite mit dem Wunsch der Mittelstandsgesellschaft nach einem sorgenfreien Leben», fasst der Historiker (und heutige SP-Präsident) Max Lemmenmeier in der Sankt-Galler Geschichte die Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen.

«Grosse, gut ausgebaute Spitäler verhiessen wie das wachsende Warenangebot der Konsumgesellschaft eine glückliche Zukunft.»

Doch mehr und mehr fallen Schatten auf diese Zukunft. 1980 warnt die Kantonsregierung, man müsse zur Einsicht gelangen, «dass nicht überall alles möglich sein wird». Anfang der Neunzigerjahre wird zum ersten Mal die Schliessung des Spitals Rorschach angesprochen, die dann 1997 – zusammen mit jener des Spitals Wil – konkret wird. Widerstand formiert sich. Tausende demonstrieren, eine Petition mit 75000 Unterschriften erreicht den Grossen Rat, dessen vorberatende Kommission sich gegen die Regierung stellt. Die Gefahr ist vom Tisch. Doch für wie lange?

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