Wie die Ostschweizer Klimajugend die politische Agenda erobert hat

Die Jugendlichen gaben in der Ostschweiz mit ihren Klimastreiks den Politikern den Takt vor. Doch nach den erfolgreichen Protesten folgt nun der zermürbende politische Prozess.

Michael Genova
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Im Februar störten Klimastreikende die Sitzung des St.Galler Kantonsrats gestört.

Im Februar störten Klimastreikende die Sitzung des St.Galler Kantonsrats gestört.

(Bild: Regina Kühne)

Jugendproteste Die 68er rebellierten gegen ihre Eltern und verkrustete gesellschaftliche Strukturen. In den 1980er Jahren kämpfte die Jugend für mehr kulturellen Freiraum. Danach folgten ruhige Jahrzehnte. Die Jungen seien apolitisch geworden, nur noch dem Vergnügen zugetan, hiess es. Und dann kam die Klimajugend.

In der Ostschweiz begannen die Jugendproteste genau vor einem Jahr mit einem Streik von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten an der St.Galler Kantonsschule am Burggraben. Seither haben die Jugendlichen alleine in St.Gallen zehn weitere Demonstrationen organisiert. Schweizweit fanden 2019 rund 170 Klimastreiks in über 60 Städten und Ortschaften statt, wie eine Analyse von SRF zeigt. Fast 300'000 Menschen nahmen an den Demonstrationen teil.

Eine Mobilisierungskraft, die überrascht

Die Jugendlichen hätten es geschafft die Klimafrage fest auf der politischen Agenda zu verankern, sagt Michael Beck, Leiter des Instituts Bildung und Gesellschaft an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG). Die Bewegung habe in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen mobilisieren können. Und dies mit einer Konsequenz, die er so nicht unbedingt erwartet hätte. Beck sieht die Ausdauer der Jugendlichen als Anzeichen dafür, dass die Bewegung von Dauer sein könnte. Im Sommer veröffentlichte er eine Studie, welche die Streikenden zu ihren persönlichen Motiven befragte. Damals gaben fast 90 Prozent der Jugendlichen an, dass Schuleschwänzen kein Grund für ihre Teilnahme an den Demonstrationen sei. Zudem äusserten eine Mehrheit der Befragten die Bereitschaft, fürs Klima zum Beispiel auf Flugreisen zu verzichten. Für Beck ist deshalb klar:

«Die Klimajugend ist keine Eintagsfliege.»

In einem zweiten Schritt will der Forscher nun herausfinden, ob das Phänomen auch die breite Masse bewegt. Denn in der PHSG-Studie war die Mehrheit der Befragten Schülerinnen und Schüler von Maturitätsschulen. Im Frühjahr wird Beck eine neue Jugendstudie vorstellen. Dabei wird er nicht nur Klimastreikende, sondern Jugendliche der ganzen Sekundarstufe 1 zu ihren Einstellungen zum Klimawandel befragen. Neu umfasst die Umfrage auch die ländlichen Kantone Ausserrhoden, Graubünden und Glarus, und es werden explizit Real- und Sekundarschüler befragt. Der Klimajugend ­müsse es in einem zweiten Schritt gelingen, alle Bevölkerungsschichten einzubeziehen, sagt Beck. Sonst laufe sie Gefahr, als elitäre Bewegung von Akademikern wahrgenommen zu werden.

Nationale Wahlen mutieren zu Klimawahlen

Auch Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St.Gallen, findet, dass die Klimajugend einiges in Bewegung gebracht habe. «Das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für den Klimawandel ist gewachsen.» Am deutlichsten habe man dies bei den nationalen Wahlen im Herbst beobachten können, die zu eigentlichen Klimawahlen mutierten. Im Kanton St.Gallen gewannen die Grünen und die Grünliberalen je einen Nationalratssitz. Und im Thurgau verlor die FDP ihren einzigen Nationalratssitz an einen Grünen.

Auf lokaler Ebene hat die Klimajugend laut Wüstenhagen etwa die Diskussion um den Klimanotstand angeregt. Das Wiler Stadtparlament nahm die Forderung auf, während Stadt und Kanton St.Gallen die Ausrufung eines Klimanotstandes ablehnten. Die Jugendlichen haben die politische Debatte zwar massgeblich beeinflusst, doch die meisten ihrer Forderungen hat die Politik noch nicht aufgenommen. Kein Wunder: Die Positionen von Klimajugend und Politik sind noch meilenweit voneinander entfernt.

Politischer Idealismus trifft auf nüchterne Realpolitik

So fordern die Klimastreikenden, dass St.Gallen bis 2030 zur klimaneutralen Stadt werden solle, während das Stadtparlament sich bis 2050 Zeit lassen will. Politischer Idealismus trifft auf nüchterne Realpolitik. Wüstenhagen sagt:

«Mit ihren weitreichenden Forderungen ist die Klimajugend der Zeit und der Politik voraus.»

Zweites Beispiel: Im Juni traf sich der St.Galler Kantonsrat zu einer Klimasession, an der rund 50 Vorstösse zu Klima-, Energie- und Umweltpolitik behandelt wurden. Doch die meisten Forderungen blieben chancenlos oder wurden abgeschwächt.

Mit diesem Frust müsse die Klimajugend lernen produktiv umzugehen, sagt HSG-Professor Rolf Wüstenhagen. Selbst Greta Thunberg, der Galionsfigur der Bewegung, fällt dies bisweilen schwer. Am Weltklimagipfel in Madrid sagte sie kürzlich resigniert: «Wir haben nichts erreicht.» Es sei keine zukunftsfähige Lösung, dass Schüler der Schule fernblieben. «Die CO2-Emissionen verringern sich nicht, sondern sie steigen.»

Vom Protest zur konkreten politischen Forderung

Rolf Wüstenhagen findet allerdings, dass die Klimajugend sehr wohl etwas erreicht habe. Er höre von seinen Studentinnen und Studenten, wie ihre jüngeren Geschwister die Klimadebatte in die Familien hineintragen. «Ich werte das als Indiz, dass es sich um ein nachhaltiges Thema handelt.» Allerdings glaubt er auch, dass die Jugendbewegung ihre Art der Mobilisierung laufend weiterentwickeln müsse. Klimastreiks etwa seien vor allem ein Mittel um auszudrücken, was man nicht wolle. In einem nächsten Schritte müsse es auch darum gehen konkrete Forderungen aufzustellen. Ein erster Ansatz dafür sei der Klima-Aktionsplan, an dem die Jugendlichen zurzeit arbeiteten, sagt Wüstenhagen. Im April 2020 soll der Plan der Bevölkerung vorgestellt werden und aufzeigen, mit welchen Massnahmen die Schweiz bis 2030 klimaneutral werden kann.

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