Wie der grösste Ostschweizer Wirtschaftsverband die Schlange vor der Herrentoilette verkürzen will  

Die IHK St.Gallen-Appenzell will, dass der Staat und die Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Nur so könne es die Ostschweiz schaffen, den drohenden Fachkräftemangel abzufedern.

Urs-Peter Zwingli
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«85 Prozent der Anwesenden in diesem Saal sind Männer»: IHK-Direktor Markus Bänziger am Montagabend in den Olma-Hallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

«85 Prozent der Anwesenden in diesem Saal sind Männer»: IHK-Direktor Markus Bänziger am Montagabend in den Olma-Hallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Am Schluss ihres Konjunkturforums hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell das einstündige Programm um satte zehn Minuten überzogen. «Der gesellschaftliche Wandel ist noch nicht in diesem Saal angekommen», sagte IHK-Direktor Markus Bänziger leicht ironisch zu dieser Verspätung. «85 Prozent der Anwesenden in diesem Saal sind Männer, deshalb hatten wir in der Pause vor der Herrentoilette eine ungewöhnlich lange Schlange.»

Dass in Zukunft mehr Frauen in Führungspositionen und im Arbeitsleben überhaupt stehen sollen, war am Montagabend eine zentrale Aussage am jährlich stattfindenden Forum in den Olma-Hallen St.Gallen. «Der Schweiz droht bis 2028 wegen der Überalterung der Gesellschaft ein Mangel von bis zu 300'000 Fachkräften», sagte Roland Ledergerber, IHK-Präsident und Geschäftsleitungspräsident der St.Galler Kantonalbank. «Das grosse Arbeitskraftpotential der Frauen muss deswegen besser ausgeschöpft werden.» Zudem seien auch für männliche Bewerber familienfreundliche Arbeitsbedingungen bei der Stellensuche sehr wichtig geworden.

«Natürlich mehr Kosten und Aufwand»: IHK-Präsident Roland Ledergerber. (Bild: Hanspeter Schiess.

«Natürlich mehr Kosten und Aufwand»: IHK-Präsident Roland Ledergerber. (Bild: Hanspeter Schiess. 

«Natürlich bedeutet eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zuerst einmal mehr Kosten und Aufwand», sagte Ledergerber – und rechnete, ganz Banker, umgehend vor, dass der Return-on-Investment in diesem Bereich bei 8 zu 1 liege und sich somit für Unternehmen und die Gesellschaft lohne.

«Kitas sind oft zu teuer»

Doch wer soll nun investieren? Die IHK sieht den Staat und die Unternehmen gleichermassen in der Pflicht. Vom Bund fordert sie die Abschaffung der sogenannten steuerlichen Heiratsstrafe. «Die Besteuerung darf kein negativer Anreiz gegen ein zweites Familieneinkommen sein», sagte Bänziger. Weiter, so der IHK-Direktor, sei das Arbeitsgesetz zu liberalisieren. Dieses stamme in seinen Grundzügen aus den frühen 1960er-Jahren und sei für die damalige Industriegesellschaft gemacht, in der körperliche Arbeit dominierend war und strenge Pausen- und Ruhezeitenregelungen verordnet wurden.

Auch zur Familien- und Betreuungspolitik stellte die IHK mehrere Forderungen. In der Ostschweiz herrsche ein Mangel an externen Betreuungsplätzen. «Zudem sind Kita-Plätze oft zu teuer», sagte Bänziger. Die externe Kinderbetreuung müsse darum dereguliert werden. «So würden mehr Plätze entstehen, der staatliche Aufwand würde verringert, die Kosten würden sinken.»

Podiumsdiskussion mit Michèle Mégroz (CEO Competence Solutions Projects), Moderation Sabine Bianchi, Albert Koller (St.Galler Kantonalbank) und Ökonom Peter Eisenhut. (Bild: Hanspeter Schiess)

Podiumsdiskussion mit Michèle Mégroz (CEO Competence Solutions Projects), Moderation Sabine Bianchi, Albert Koller (St.Galler Kantonalbank) und Ökonom Peter Eisenhut. (Bild: Hanspeter Schiess)

Für Schülerinnen und Schüler soll laut IHK zudem ein für die Ostschweiz einheitlicher «Taktstundenplan» mit unterbruchsfreien Präsenz- und Betreuungszeiten von 8.30 bis 15.30 Uhr entstehen. «So haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber in dieser Zeit Planungssicherheit», sagte Bänziger. Die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und die kürzlich vom Parlament abgesegneten zwei Wochen Vaterschaftsurlaub seien zu einer Elternzeit von 16 Wochen zusammenzulegen, die flexibel bezogen werden kann.

IHK verteilte Leitfaden an KMU-Chefs

Flexibilität war denn auch das «Stichwort des Abends», wie Moderatorin Sabine Bianchi – selber in der Kommunikationsbranche berufstätige Mutter – anmerkte. Flexibilität heisst für die IHK etwa, dass Arbeitgeber individuell anpassbare Arbeitsmodelle und Home-Office anbieten und Jobsharing auch für Kaderpositionen möglich wird. An die Teilnehmenden der Konjunkturkonferenz verteilte die IHK einen gedruckten KMU-Kurzleitfaden. Darin wird erklärt, wie Massnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf umgesetzt werden können.

Nach Bänzigers forsch vorgetragenen Forderungen diskutierten mehrere Vertreter von Ostschweizer Unternehmen zum Thema. «Es kann doch nicht sein, dass wir es in der Schweiz nicht schaffen, ein funktionierendes Betreuungsangebot aufzubauen», sagte etwa Christine Egger-Schöb, Co-Geschäftsführerin der Grabser Holzbau- und Architekturfirma Schöb AG und Mutter von zwei kleinen Kindern. «Länder wie Deutschland sind in diesem Bereich viel weiter. Das spüren wir im Wettbewerb um Fachkräfte», sagte Egger-Schöb.

IHK-Forum: Letzter Vorhang für Kurt Weigelt

Als Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell scheute sich Kurt Weigelt nie, provokante Ideen auf grosser Bühne zu lancieren. Sein Abschied am Montagabend am IHK-Forum war emotional.
Adrian Vögele