WIDNAU: Das Rheinvorland bleibt umstritten

Ende dieser Woche wird das Jahrhundertprojekt Rhesi zur Hochwassersicherheit im Rheintal konkret: Die Planer legen ihre favorisierte Variante vor. Die Trinkwasserversorger dürften zufrieden, die Umweltverbände hingegen enttäuscht sein.

Marcel Elsener
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Christa Köppel Präsidentin Gemeinde Widnau und Wasserwerk Mittelrheintal (Bild: pd)

Christa Köppel Präsidentin Gemeinde Widnau und Wasserwerk Mittelrheintal (Bild: pd)

WIDNAU. Ein jahrelanger Streit ist programmiert, und er wird auch das Bundesgericht beschäftigen. Wenn das Jahrhundertprojekt Rhesi mit dem Generellen Projekt diese Woche konkret wird, dürfte vor allem eine Seite enttäuscht sein: die Naturschützer, die sich durch das 600 Millionen Franken teure Hochwasserschutzprojekt im Mittelrheintal einen natürlich fliessenden Rhein mit Auenwald erhofften.

Von wegen beruhigte Gemüter und «Frieden im Land», wie es Urs Kost im November 2015 beim letzten Rhesi-Zwischenbericht formulierte. Der St. Galler alt Kantonsingenieur vertritt zusammen mit Hans Peter Willi, Abteilungschef Gefahrenprävention im Bundesamt für Umwelt, die Schweiz in der Gemeinsamen Rheinkommission. Das vierköpfige Gremium – zwei sind Österreicher – ist jene Instanz, die das Projekt beschliesst. Und damit, welche Aufweitungen mit Dammabrückungen und wie viele «Trittsteine» für die ökologische Verkettung geplant werden.

Unverhoffter Widerstand

Den Umweltverbänden, auf Schweizer Seite WWF und Pro Natura, schwant Böses, weil es wohl nur minime Aufweitungen geben werde. Mitte April richteten sie einen Appell an die Rheinkommission, dass eine «Jahrhundertchance» für den ökologisch nahezu toten Fluss nicht verpasst werden dürfe. Im Gegensatz zu den Naturschützern halbwegs beruhigt werden konnten die Bauern, die zwar rund 150 Hektaren ihrer derzeit 250 Hektaren landwirtschaftlich genutzten Bodens im Rheinvorland verlieren werden, aber dank Aushubs von gut 1,5 Millionen Kubikmetern Material mit erheblichen Bodenverbesserungen rechnen dürfen. Und beruhigt sind im Moment auch die Gemeinden: Sie leisteten aufgrund ihrer Wasserversorgung unverhofft starken Widerstand, worauf die Rhesi-Planer zurückkrebsten und Zugeständnisse machten. So versprach Projektleiter Markus Mähr den betroffenen Versorgungen, dass man ohne ihr Einverständnis keine Grundwasserbrunnen verlegen werde. Mit der Annäherung von Planern und Gemeinden ist der Konflikt mit dem Naturschutz nicht vom Tisch. Und die Fronten sind verhärtet: Vereinfacht gesagt wollen die Wasserwerke keine Brunnen im Vorland aufheben, die Naturschützer hingegen für eine naturnahe Aufweitung des Rheins genau dies in Kauf nehmen.

Widnauerin gibt Gegensteuer

Zugespitzt spielt der Konflikt an der engsten Stelle des Rheins, im Abschnitt Widnau–Lustenau–Au–St. Margrethen, wo die Aussendämme nah am Fluss stehen und die Besiedlung dichter ist als andernorts. Hier wohnen rund 100 000 Menschen, hier liegen die wichtigsten Trinkwasserfassungen für das Mittel- und Unterrheintal; zwölf Brunnen. Die Pumpen in Au und Widnau (sechs Viscose-Brunnen) betreibt das Wasserwerk Mittelrheintal WMR, das Au, Widnau, Balgach, Berneck und Rebstein versorgt. Präsidentin des Werks und Interessenvertreterin auch der benachbarten Wasserversorger: Christa Köppel, Widnauer Gemeindepräsidentin. Im grossen Gemeindehaus des mit 9500 Einwohnern ziemlich verstädterten Dorfs – «Downtown Widnau» – macht sie schnell klar, dass an der Trinkwasserversorgung nicht gerüttelt werden darf: «Wir lassen uns nicht das Wasser abgraben und Werte vernichten.» Und sie fragt rhetorisch: «Warum soll die Aufweitung ausgerechnet an der engsten Stelle mit den meisten Brunnen passieren?»

Als Rhesi-Beirätin hat Christa Köppel den Planern resolut Gegensteuer gegeben und sich mit den Umweltverbänden angelegt, aufgrund einer «tendenziösen» Umfrage 2015 und eines Flugblatts im Januar. «Die machen es sich mit ihrem Slogan vom Bräteln und Bööteln zu einfach und ignorieren die Fakten.» Sie wiederholt, was sie schon oft gesagt hat: «Eingriffe im Flussbett sind für die Grundwasserströme sehr riskant. Wenn hier etwas zerstört wird, ist es für immer.» Das Rhesi-Projekt nennt die studierte Historikerin «ein komplexes High-Tech-Ingenieurwerk, genau wie vor mehr als 100 Jahren die Rheinregulierung».

Über Brunnenverlegungen will sie nicht diskutieren, solange die hydrogeologischen Erkenntnisse ausstehen. «Wer die Grundwassersituation im Tal kennt, weiss, dass das Wasser nicht einfach da ist, wo man es gern haben möchte», sagt Köppel an die Adresse jener, die auf Grundwasserreserven ausserhalb der Dämme hinweisen. Der viel genannte Wasserbezug aus der Loseren Oberriet genüge in keinem Fall, neue Brunnen seien vielmehr «komplementär notwendig», um während der Bauzeit die Ausfallrisiken abzusichern. Den Umweltverbänden wirft die Gemeindepräsidentin fehlenden Kompromisswillen vor. Gibt es ihrerseits ein Entgegenkommen im Brunnenzwist? Köppel verweist auf den Planungsstand, der «die Möglichkeit aufzeigt, die Gerinneverbreiterung mit der Aufgabe von zwei rechtsrheinischen Brunnen zu realisieren». Solche Kompromisse – rechtsrheinisch meint hier Lustenau – würden von der Projektleitung mit den Wasserversorgungen und Gemeinden geprüft.

Wasser für Viscose und Rauch

Widnau ist auch deshalb das Konfliktzentrum zwischen Naturschützern und Wasserversorgern, weil die Gemeinde mit einem jährlichen Bedarf von 1,8 Millionen Kubik mehr Trinkwasser braucht als die andern vier Verbandsgemeinden zusammen. Klar, es ist auch der Wirtschaftsmotor des Rheintals, «die Viscose kam 1924 auch wegen des Wassers hierher», sagt Köppel. Dasselbe gilt wohl für die Red-Bull-Firma Rauch, die allein über 50 Prozent des Widnauer Wassers benötigt. Gibt es eine «Lex Rauch», wie sehen die Zahlen und Abmachungen aus? Köppel winkt ab: «Das bleibt Interna, ich bitte um Verständnis.»

Über diese Geheimniskrämerei und wirtschaftliche Sonderinteressen schüttelt man bei den Umweltverbänden nur den Kopf. «Die Rhesi-Planer haben den Horizont verloren», sagt Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St. Gallen. Sein Verband ist mit dem WWF und dem Naturschutzbund Vorarlberg überzeugt, dass mit Rhesi auch die Wasserversorgung sicherer gestaltet werden könne. «Dazu müssten die Brunnen aus dem Vorland genommen und an rheinferneren Standorten mit Verbundlösungen neu errichtet werden», schreiben die Verbände. «Grundwasser ausserhalb des Rheinvorlands ist reichlich vorhanden. In einem Milliardenprojekt sollten Infrastrukturverlegungen kein Tabu sein.»

Altes Recht vs. neue Gesetze

Die Viscose- und andere Brunnen im Vorland basierten auf «altrechtlichen» Bewilligungen, erklärt Meienberger. Gemäss der schweizerischen Gewässergesetze lägen sie in der Schutzzone 2 zwischen Rhein und Autobahn in einem Gebiet, das bei einem grösseren Unfall nicht sicher sei. Weil die Konzessionen im Jahr 2023 auslaufen, werde man notfalls «jeden einzelnen Brunnen einklagen», sagt Meienberger. «Wenn lokale und kantonale Behörden Bundesgesetze so krass missachten, braucht es einen höchstrichterlichen Entscheid.» Ausserdem würden die gesetzlich definierten ökologischen Ziele bei Gewässerrenaturierungen nicht erreicht; vorgeschrieben, wenn technisch machbar, sind möglichst viele Auen mit Weichholz (wie Weiden) und Hartholz (Eschen, Ulmen usw.). Die Voraussetzungen seien gegeben, doch der Bund delegiere die Planung an die Kantone. «Und in St. Gallen kuschen sie, weil in diesem Kanton die Gemeindeautonomie über alles geht.» Loseren reiche, um alle Brunnen zu ersetzen, sagt Meienberger. Wer in grösseren Dimensionen denke, verstehe die bockige Haltung der Rheintaler Gemeinden nicht. Zum Vergleich: Es gehe um Leitungen von 10, 15 Kilometern, wogegen Bodenseewasser über 200 Kilometer bis in den Grossraum Stuttgart geleitet werde und gesamthaft 4,5 Millionen Leute versorge. Dabei gäbe es für die Bevölkerung statt des kanalisierten Flusses mit monotoner Umgebung ein «einmaliges Naherholungsgebiet» zu gewinnen.

Romantiker und Pragmatiker

Die meisten Gemeindepräsidenten bleiben skeptisch. Oder lehnen solche Ideen rundum ab: Die «Utopisten aus St. Gallen» schrieben ein «Naturparadies» herbei, wetterte der Fussacher Gemeindechef; die Ausbaupläne seien «eine unrealistische Romantisierung des grössten Wildbaches in Europa». Utopisten schimpft Christa Köppel ihre Kontrahenten nicht, aber die auswärtige «Besserwisserei» ist ihr suspekt. «Uns Rheintaler braucht man nicht zu lehren, wie wir mit dem Rhein umgehen.»

Demgegenüber berufen sich WWF und Pro Natura auf die Gesetze und auf Umfragen. Sie beklagen den «einseitigen Planungsprozess» und fordern die Veröffentlichung der Hydro-Gutachten: «Es darf nicht sein, dass der Bereich Trinkwasser als Black Box bis zur finalen Planung unter Verschluss bleibt.» Ein wenig wähnt man sich in einem Krimi: Statt «Chinatown» (Polanskis Los-Angeles-Wasserthriller) hiesse er «Black Office», wie der Bürobau auf dem Viscoseareal, Blickfang auf der Autobahn. Und im Abspann sänge Stahlberger seinen Hit «Klimawandel» – «und endlich ist auch das Rheintal untergegangen». Nicht doch!

Christian Meienberger Geschäftsführer Pro Natura St. Gallen-Appenzell (Bild: pd)

Christian Meienberger Geschäftsführer Pro Natura St. Gallen-Appenzell (Bild: pd)

Trinkwasserfassung des Pumpwerks Viscose im Rheinvorland, im Hintergrund das Widnauer Industrieareal mit «Black Office» und Red-Bull-Firma Rauch. (Bild: Ralph Ribi)

Trinkwasserfassung des Pumpwerks Viscose im Rheinvorland, im Hintergrund das Widnauer Industrieareal mit «Black Office» und Red-Bull-Firma Rauch. (Bild: Ralph Ribi)

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