Widerstand gegen Kahlschlag

Im Tägermoos lärmen die Motorsägen: Über 50 Pappeln sollen bis in anderthalb Wochen gefällt werden. Die Behörden erklären die alternden Bäume für hinfällig. Eine Konstanzer Bürgerinitiative will das verhindern.

Sarah Schmalz
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«Viele Bäume sind doch noch gesund»: Henning Hülsmeier und Christel Thorbeke im Tägermoos. (Bild: Nana do Carmo)

«Viele Bäume sind doch noch gesund»: Henning Hülsmeier und Christel Thorbeke im Tägermoos. (Bild: Nana do Carmo)

TÄGERWILEN. Henning Hülsmeier hat ein gewisses komödiantisches Talent. Mit viel Körpereinsatz veranschaulicht er die Rangelei, die er sich einen Tag zuvor an gleicher Stelle mit dem Tägerwiler Revierförster Pascal Epper geliefert hat. Der andere habe wohl seine Autorität beweisen müssen. «Er war mir körperlich eindeutig überlegen», sagt der ehemalige Chefarzt mit amüsiertem Unterton. Deshalb habe er sich dann zurückgezogen. Trotz seines Humors: Hülsmeier meint es ernst. Er und seine Mitstreiter eines Konstanzer Bürgerkomitees wollen die Pappeln am Uferweg des Tägermoos retten – koste es, was es wolle.

Schon länger auf der Agenda

«Die Bäume müssen weg», das steht für Rolf Niederer, stellvertretender Leiter der Abteilung Natur und Landschaft des kantonalen Amtes für Raumentwicklung, fest. «Heute will man keine Exoten mehr in einem Schutzgebiet.» Der Austausch der amerikanischen Hybridpappeln gegen einheimische Schwarzpappeln stehe deshalb schon länger auf der Agenda. Das Alter der nach dem Krieg gepflanzten Bäume rechtfertigt für Niederer ihr Fällen zusätzlich. Weil die Lebensdauer der Pappeln nur rund 80 Jahre beträgt, werden die Bäume zunehmend morsch. Damit steigt die Gefahr von herunterfallenden Ästen.

«Die Verkehrssicherheit des stark frequentierten Uferwegs kann wegen der Pappeln nicht mehr gewährleistet werden», schreibt die Gemeinde Tägerwilen – ein Argument, das Henning Hülsmeier oft hört. Und das ihn nicht überzeugt. Es gelte doch das Gebot der Vernunft, sagt der 73-Jährige. «Bei einem Sturm sollte man ganz einfach nicht durch eine Allee spazieren.» Der Uferweg im Tägermoos ist für Hülsmeier, der ganz in der Nähe wohnt, etwas ganz Spezielles. «So etwas gibt es in der Region nicht noch einmal», sagt er. «Dass dieser wunderschöne Ort einfach zerstört werden soll, empört mich.» 55 der 116 Bäume sollen in den nächsten anderthalb Wochen fallen. Nächstes Jahr soll bis auf fünf Bäume der restliche Pappelbestand folgen. Hülsmeier ist überzeugt, dass ein solcher Kahlschlag mit dem nötigen Willen zu verhindern gewesen wäre. Ziel müsse doch sein, die Allee schonend zu erneuern und damit die Schönheit des Uferwegs zu erhalten, findet auch Christel Thorbecke, Initiantin der Bürgerinitiative und Politikerin der freien Grünen Liste Konstanz. «Welche Bäume bereits abgestorben und damit zu fällen sind, muss doch genau geprüft werden.» Für die gesunden Bäume fordern die Aktivisten einen sorgfältigen Unterhalt für eine lange Erhaltung. «Aber echte Baumpflege kostet halt etwas.»

Klage angekündigt

550 Personen haben inzwischen eine Onlinepetition der Bürgerinitiative unterschrieben. Angekündigt ist zudem eine Klage ans Deutsche Verwaltungsgericht in Freiburg, weil die Gemeinde Konstanz kein partizipatives Verfahren eröffnete. Ob das etwas bringt, ist allerdings fraglich. Der Boden des Tägermoos gehört zwar der Stadt Konstanz, verwaltungstechnisch aber zur Schweiz. «Wir haben nach unseren Vorschriften gehandelt», sagt Rolf Niederer vom kantonalen Amt für Raumentwicklung. «So wie wir das immer tun.»

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