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Stefan Britschgi hat genug von der Kommunalpolitik – seine politische Zukunft sieht der «Diepoldsauer Gemüsekönig» in Bern

Stefan Britschgi hat nach all den Querelen um seine geplante, neue Rüsthalle genug von der kommunalen Politik. Der Gemüsebauer und Kantonsrat tritt Ende Jahr als Gemeinderat von Diepoldsau zurück. Derzeit liege sein Fokus ganz auf seiner Nationalratskandidatur, sagt der Freisinnige.
Regula Weik
Stefan Britschgi tritt als Diepoldsauer Gemeinderat zurück und fokussiert ganz auf seine Nationalratskandidatur. (Bild: Gert Bruderer)

Stefan Britschgi tritt als Diepoldsauer Gemeinderat zurück und fokussiert ganz auf seine Nationalratskandidatur. (Bild: Gert Bruderer)

Der Rücktritt eines Kommunalpolitikers interessiert in der Regel in der Gemeinde und kaum darüber hinaus. Nicht so, wenn der zurücktretende Gemeinderat Stefan Britschgi heisst.

Britschgi, Bauer, Gemeinderat, Kantonsrat und Nationalratskandidat der St.Galler Freisinnigen, hat in seinem Heimatdorf Diepoldsau eine mittlere Staatskrise ausgelöst. Brischgi ist kein gewöhnlicher Bauer. «Diepoldsauer Gemüsekönig» wird er im Rheintal genannt. Auf 32 Hektaren baut er Gemüse für Grossverteiler an, mehrere Dutzend Landwirte sind bei ihm unter Vertrag. So kam es, dass Britschgi beschloss, eine Rüsthalle zu bauen. 100 Meter lang, 40 Meter breit und 14 Meter hoch sollte diese werden. Dort soll das Gemüse vom Feld angeliefert, gewaschen, geschnitten und für die Grossverteiler zurechtgemacht werden.

Doch dann begannen die Probleme. Es gingen Einsprachen gegen sein Vorhaben ein. Rasch fand er einen anderen Boden im Industriegebiet. Wieder liess der Widerstand nicht lange auf sich warten. Zum ersten Mal in der Geschichte von Diepoldsau wurde eine Sammeleinsprache mit knapp 400 Unterschriften eingereicht, zusammengetragen innert weniger Tage.

Der Vorwurf der Vetterliwirtschaft kursiert. Da werde einem einzelnen Gemeinderat den Hof gemacht, heisst es im Dorf hinter vorgehaltener Hand. Britschgi und vier weitere Gemeinderäte müssen in den Ausstand treten, weil alle irgendwie involviert sind. Die Gemeindebehörde von Eggersriet übernimmt das Geschäft.

Gemeinderat ade, Nationalrat als Ziel

Nun hat Britschgi von der Kommunalpolitik genug. Er trete per Ende Dezember aus dem Gemeinderat zurück – «zur Vermeidung von Interessenskonflikten», teilte er mit. Am Morgen hatte er den Gemeinderat informiert. Seit 19 Jahren gehört er dem Gremium an. Gleichzeitig regelt Britschgi die Nachfolge seines Fahrmaadhofs neu; er übergibt die Geschäftsführung an Simon Lässer und seinen Sohn Daniel Britschgi. Er selber konzentriert sich auf das Verwaltungsratspräsidium der Fahrmaadhof AG.

Die Politik freilich schminkt sich Britschgi nicht ab. «Derzeit liegt mein Fokus voll auf meiner Nationalratskandidatur», sagt der Freisinnige.

«Ich möchte mein unternehmerisches Gedankengut zum Wohl unseres Wirtschaftsstandorts Rheintal und St.Gallen gerne in Bern einbringen.»

Nach dem Rücktritt aus dem Gemeinderat und der Geschäftsübergabe werde er auch die dafür notwendige Zeit aufbringen können.

Ausweichende Antwort des Parteipräsidenten

Die FDP ist die einzige Partei im Kanton, die im Herbst einen freien Nationalratssitz neu zu besetzen hat. Auf Ende der Amtsdauer tritt der Azmooser Walter Müller, auch er Bauer, von seinem Amt in Bern zurück. Einer der St.Galler FDP-Sitze in der grossen Kammer in Bern ist traditionell in Bauernhand (siehe Kasten); Britschgi könnte diese Serie fortsetzen.

Auf die Frage, wie bedeutend der Bauernsitz heute für die St.Galler FDP noch ist, sagt Präsident Raphael Frei: «Es freut uns natürlich, wenn die Bauern uns, unsere Vertreterinnen und Vertreter sowie unsere liberale Wirtschaftspolitik schätzen.» Ausweichender fällt seine Antwort auf die Frage aus, ob die Partei gezielt darauf hinarbeitet, den Bauernsitz zu halten: Das Wahlvolk entscheide, wer nach Bern entsandt werde.

Bauern sind wichtige Stimmenlieferanten. Wähler aus der Landwirtschaft wählen Vertreterinnen und Vertreter der eigenen Branche – ob deren Parteizugehörigkeit mit der eigenen politischen Gesinnung übereinstimmt, ist zweitrangig. Das weiss auch Frei.

«Die Landwirtschaft ist eine starke politische Interessengruppe, die bei Wahlen und Abstimmungen oft stark mobilisieren kann. Wir wünschen uns manchmal, die KMU-Vertreter würden auch so mobilisiert.»

Vermittelt die Tatsache, dass einer ihrer beiden Sitze mit einem Bauern besetzt ist, nicht ein falsches Bild der Unternehmerpartei? «Gewählt ist, wer am meisten Stimmen holt», sagt Frei. «Wir machen uns deshalb keine Gedanken über diesbezügliche Fragen.»

Die Dominanz bröckelt

Als der Azmooser Walter Müller 2003 in den Nationalrat gewählt wurde, dominierten die Bauern die St.Galler Abordnung im Bundeshaus: Fünf der zwölf Nationalratssitze hielten Landwirte. Heute sind es noch zwei: Markus Ritter (CVP) und eben Walter Müller (FDP). Bis Anfang Jahr waren es deren drei gewesen – dann trat Toni Brunner (SVP) zurück. Auffallend ist: SVP und CVP haben in den vergangenen Jahren Bauernsitze verloren. Die FDP konnte ihren Sitz über all die Jahre halten – mit Müller. Der Blick zurück zeigt allerdings auch: Die St.Galler Freisinnigen sind seit Jahrzehnten mit einer Bäuerin, einem Bauern oder einer landwirtschaftsnahen Person in Bern vertreten. Da waren Milli Wittenwiler, Toggenburger Bäuerin (1991 bis 2003), Walter Zwingli, Agronom und ehemaliger Präsident des St.Galler Bauernverbands (1984 bis 1991), Susanne Eppenberger, Toggenburger Tierarzt-Gattin (1979 bis 1991) oder auch Georg Nef, Bauer und Bäcker aus Hemberg (1971 bis 1987). Ob es der Partei gelingt, diese Tradition fortzusetzen, wird sich Ende Oktober zeigen. (rw)

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