Weshalb riss das Seil?

Der Todessturz eines Kletterers in Wartau stellt für zwei erfahrene St. Galler Bergsteiger ein Rätsel dar. Angst macht ihnen der Vorfall aber nicht – generell seien Bergseile sehr sicher.

Daniel Walt
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ST. GALLEN. «Am Berg verschwende ich keinen Gedanken an einen Seilriss. Sonst könnte ich mich nicht aufs Klettern konzentrieren.» Das sagt Marcel Halbeisen, Präsident der St. Galler Sektion des Schweizerischen Alpenclubs (SAC). Ihn macht es betroffen, dass ein 37jähriger Mann am vergangenen Samstag in einem Klettergarten bei der Festung Magletsch in Gretschins, Gemeinde Wartau, zu Tode gestürzt ist. Laut Polizeiangaben riss das Seil des Bündners, als er sich an einer überhängenden Stelle befand (Ausgabe von gestern).

«Seilrisse sind sehr selten»

Marcel Halbeisen klettert seit 15 Jahren und sagt: «Klassische Seilrisse sind sehr selten. Meistens sind Unfälle am Berg auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen.» Bedenken zur Sicherheit von Seilen hält er für unnötig: Wer Sorge zum Seil trage und es geschützt vor Licht, Schmutz und Nässe aufbewahre, habe keinen Anlass, an dessen Sicherheit zu zweifeln. Nötig ist zudem eine regelmässige Kontrolle: «Wenn der Seilmantel beschädigt ist beziehungsweise die Fasern deutlich herausstehen, ist es an der Zeit, ein neues Seil zu kaufen», sagt er. Gleiches gilt für den Fall, dass das Seil mehrfach an der gleichen Stelle stark belastet worden ist. Ob einer dieser Faktoren zum Seilriss von Wartau beigetragen hat, bleibt abzuwarten.

Gefahr bei scharfen Felskanten

Die Materialprüfungsanstalt Empa in St. Gallen kontrolliert im Auftrag einiger Hersteller die Zulassung von Bergseilen. Häufiger allerdings führt sie Forschungsprojekte durch, die sich mit Seilen befassen. Entwicklungsingenieur Rolf Stämpfli: «Dabei geht es beispielsweise darum, wie sich ein Seil abnutzt, wie es sich bei Regen verändert und ob es vereist.» Auch er betont, dass Bergseile sicher sind: «Es gibt sehr wenige Unfälle, deren Ursache das Seil ist», hält er fest. Und wenn, dann stünden zumeist Anwendungsfehler dahinter – «jemand ist beispielsweise mit dem Steigeisen auf das Seil gestanden». Gefährlich kann es laut Stämpfli allerdings dann werden, wenn ein Bergsteiger ins Seil stürzt und dieses just über eine scharfe Felskante führt.

Vor Chemikalien schützen

Ein Sturz ins Seil in einer schroffen Felspartie: Diesen möglichen Auslöser für einen Seilriss nennt auch Harri Roth, Inhaber eines Bergsport- und Trekkinggeschäfts in St. Gallen. «Zudem sollte ein Seil nicht in Berührung mit Chemikalien kommen, da es dadurch geschwächt werden kann», sagt er. Ganz grundsätzlich seien Seilrisse allerdings kaum ein Thema. Mit Verweis auf ausgeklügelte Tests und Normierungen geht Roth sogar so weit zu sagen, dass es keine guten oder schlechten Bergseile gebe: «Es gibt nur solche, die mehr oder weniger stabil sind. Die Normen erfüllen aber alle.» Für ein 60-Meter-Seil muss ein Bergsteiger laut Harri Roth zwischen 150 und 350 Franken ausgeben. Dessen Lebensdauer: bei regelmässigem Gebrauch zwei Jahre, wenn es hie und da benutzt wird fünf Jahre und in ungebrauchtem Zustand zehn Jahre.

Harri Roth, der seit über 30 Jahren klettert, braucht nach einem Sturz ins Seil nicht mehr Überwindung als vorher, um wieder bergsteigen zu gehen. Ob jener Mann, der seinen Begleiter am Samstag in den Tod stürzen sah, aber jemals wieder klettern wird? Marcel Halbeisen, Präsident der SAC-Sektion St. Gallen, gibt dazu keine Prognose ab: «Das hängt von seiner mentalen Stärke, seiner Beziehung zum Opfer und der Frage ab, weshalb das Ganze passiert ist.»