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Weshalb in Wil mehr Leute auf Albanisch träumen als im Toggenburg auf Italienisch

Die Geschichte der wichtigsten Fremdsprachen im Kanton St.Gallen.
Adrian Lemmenmeier und Michael Genova
Albanisches Wil: Beim Freundschaftsspiel zwischen dem FC Wil und der kosovarischen Fussballauswahl gestaltet eine Folkloregruppe die Pausenunterhaltung. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY; Wil, 12. Oktober 2014)

Albanisches Wil: Beim Freundschaftsspiel zwischen dem FC Wil und der kosovarischen Fussballauswahl gestaltet eine Folkloregruppe die Pausenunterhaltung. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY; Wil, 12. Oktober 2014)

Gut 12 Prozent aller Einwohner des Kantons St.Gallen denken nicht nur auf Schweizerdeutsch oder Deutsch. Sie beherrschen eine andere Sprache genauso gut oder besser – und haben diese bei Erhebungen des Bundesamtes für Statistik als ihre Hauptsprache angegeben. Der Anteil dieser Leute ist in den Wahlkreisen St.Gallen und Werdenberg mit über 14 Prozent am höchsten (siehe Grafik).

Betrachtet man die häufigsten Fremdsprachen einzeln, so zeigt sich: Gut 19000 Einwohner (4,6 Prozent) geben Albanisch als Hauptsprache an. Sie leben vor allem in den Wahlkreisen Wil und Rheintal. Fast gleich viele, nämlich 18900 oder 4,5 Prozent, haben Serbisch oder Kroatisch als Hauptsprache. Mehrheitlich wohnen sie im Wahlkreis St.Gallen. Gut 15000 Menschen (3,6 Prozent) beherrschen Italienisch am besten. Sie leben vorwiegend in den Wahlkreisen Rorschach und See-Gaster. Die nächst grössten Sprachen im Kanton sind Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch.

Quelle: Bundesamt für Statistik, Berechnungen Fachstelle für Statistik Kanton St.Gallen / Grafik: sbu

Quelle: Bundesamt für Statistik, Berechnungen Fachstelle für Statistik Kanton St.Gallen / Grafik: sbu

Wie die Albaner nach Wil kamen

In der Sprachenkarte kommen die bedeutendsten Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts im Kanton St.Gallen zum Ausdruck: die jugoslawische und die italienische. Während italienische Arbeiter bereits im 19. Jahrhundert auf Ostschweizer Baustellen tätig waren, kamen die jugoslawischen Gastarbeiter – vorwiegend Serben, Albaner und Kroaten – ab den 1960er-Jahren. Wie die Italiener waren sie anfänglich oft als Saisonniers angestellt oder erhielten eine Aufenthaltsbewilligung für ein Jahr.

Den Ausschlag für die frühe Einwanderung aus Jugoslawien gab eine Änderung der dortigen Migrationspolitik. Wer im Ausland arbeitete, galt im sozialistischen Jugoslawien ab 1962 nicht mehr als politischer Flüchtling. So schuf Jugoslawien ein Ventil für die wachsende Arbeitslosigkeit. In der Schweiz hingegen rangen die Unternehmen im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit um Arbeitskräfte. Sowohl die Arbeiter als auch die beiden Staaten gingen dabei von einer vorübergehenden Migration aus. Die Gastarbeiter sollten nach einigen Jahren zurückkehren und ihr Know-how in die einheimische Wirtschaft einbringen – so die Idee.

1964 treffen die ersten jugoslawischen Gastarbeiter in Buchs ein. Sie arbeiten in der Ostschweizer Landwirtschaft. Das Thurgauer Bauernsekretariat hat gar ein landwirtschaftliches Wörterbüchlein auf Serbokroatisch erstellen lassen. (Bild: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Grunder)

1964 treffen die ersten jugoslawischen Gastarbeiter in Buchs ein. Sie arbeiten in der Ostschweizer Landwirtschaft. Das Thurgauer Bauernsekretariat hat gar ein landwirtschaftliches Wörterbüchlein auf Serbokroatisch erstellen lassen. (Bild: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Grunder)

In den 1960er-Jahren kam auch der Albaner Marko Ceta in die Ostschweiz. Am Anfang arbeitete er auf einem Bauernhof bei Wil, später in einer Käserei, dann in einer Möbelfabrik. «Damals musste man erst fünf Jahre in der Landwirtschaft arbeiten, bis man die Branche wechseln konnte», erinnert sich Ceta, der später mit seiner Frau das Wiler Restaurant Signal führte und nebenbei als Dolmetscher für verschiedene öffentliche Einrichtungen tätig war.

«Die Firmen haben damals immer Leute gebraucht», sagt Ceta. Die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte lief über Berufsverbände oder über die Kontakte der Angestellten.

«Wenn eine Firma mehr Leute brauchte, fragten die Arbeiter aus Jugoslawien ihre Brüder, Cousins und Freunde in der Heimat.»

So verlief die Migration wie so oft über persönliche Netzwerke. Das erklärt, weshalb heute mehrheitlich Albaner aus dem westlichen Mazedonien im Wahlkreis Wil wohnen. Oder im Rheintal mehrheitlich Albaner aus Südserbien. Nach vier Jahren als Saisonniers konnten die Arbeiter eine Aufenthaltsbewilligung beantragen, was den Familiennachzug ermöglichte.

«Die Züge nach Buchs waren voll»

Nach 1980 schlitterte Jugoslawien in eine tiefe Krise. Nationale Konflikte bestimmten zusehends die politischen Diskussionen. Gleichzeitig verdüsterte eine schwere Wirtschaftskrise die Zukunftsperspektiven der Jugend im ganzen Land. Nun emigrierten noch mehr Leute; die jugoslawische Wohnbevölkerung in der Schweiz stieg zwischen 1980 und 1990 von 61000 auf 172000. In dieser Zeit kam auch der Serbe Vića Mitrović in die Ostschweiz. «Die Züge nach Buchs waren voll», erinnert sich Mitrović, der heute Rechtsberatung für Leute aus Ex-Jugoslawien macht und für die SP im St.Galler Stadtparlament sitzt. Er wanderte aus, weil er trotz abgeschlossenen Studiums in der Heimat keine Arbeit finden konnte.

Als Jugoslawien in den Kriegen der 1990er-Jahre auseinanderbrach, kamen statt Arbeiter Flüchtlinge. Zwischen 1990 und 2002 wurden über 146000 Asylgesuche aus der Region eingereicht. Allein im Kosovokrieg 1998 und 1999 wurden 53000 Leute vorläufig aufgenommen. Viele Flüchtlinge hatten bereits Verwandte in der Schweiz. Für die Gastarbeiter, die bereits hier waren, hingegen wurde die oft ohnehin hinausgezögerte Rückkehr ins Heimatland immer weniger wahrscheinlich. Heute wohnen gut 280 000 Menschen aus den ex-jugoslawischen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro und Kosovo in der Schweiz. Im Kanton St.Gallen sind es gut 37 000.

Im Wahlkreis St.Gallen sind heute Serbisch und Kroatisch die häufigsten Fremdsprachen. Dass die beiden Sprachen in der städtischen Umgebung stärker präsent sind als in der Peripherie hat für Mitrović mit der tendenziell besseren Qualifikation der Gastarbeiter aus den nördlichen Republiken Jugoslawiens zu tun. Albaner waren in der Regel schlechter ausgebildet – und arbeiteten deshalb häufiger als Hilfskräfte in der Landwirtschaft. Mitrović nimmt an, dass Kroatisch, Serbisch und Albanisch als Fremdsprachen in der Schweiz präsent bleiben. «Heute heiraten sehr viele Secondos Leute aus ihrem Herkunftsland.» Das führe dazu, dass Schweizerdeutsch auch in jungen Familien oft nur eine Nebenrolle spiele.

Rorschacher Firmen rekrutierten Arbeiter in Italien

Hochburg der italienischen Einwanderer ist bis heute der Wahlkreis Rorschach. 4,6 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner denken und träumen auf Italienisch – deutlich mehr als im Rest des Kantons. Dass viele Italiener in Rorschach landeten, ist kein Zufall. Die lokalen Industrieunternehmen suchten nach dem Zweiten Weltkrieg händeringend nach billigen Arbeitskräften: allen voran die Feldmühle AG, die Konservenfabrik Roco und die ­Aluminiumwerke Rorschach. Schon bald reichten die spontan ankommenden Arbeiter nicht mehr aus. Deshalb seien die Italienerinnen und Italiener in ihren Heimatorten direkt angeworben worden, sagt Autor und Lokalhistoriker Richard Lehner. So schickten zum Beispiel die Aluminiumwerke Rorschach im Jahr 1946 Kadermitarbeiter in die Gegend von Bergamo, um hundert Arbeiterinnen und Arbeiter anzuheuern.

Die jungen Frauen wohnten in Mädchenheimen der Rorschacher Industrieunternehmen und wurden von Ordensschwestern beaufsichtigt. Die Männer lebten in Männerheimen. Die Heime waren primitiv eingerichtet. Dementsprechend gross war die Enttäuschung der Italienerinnen nach ihrer Ankunft, wie Richard Lehner in seinem Werk über die ehemalige Stickerei- und Kunstseidefabrik Feldmühle beschreibt. Vor Vertragsunterzeichnung in Italien zeigte man den jungen Frauen Bilder von schönen Zweierzimmern. In Rorschach hingegen trafen sie auf riesige Schlafsäle in Baracken. Zudem fühlten sich die Italienerinnen von den Ordensschwestern eingeengt, die den «geordneten Lebenswandel» der Gastarbeiterinnen überwachen sollten.

Die prekären Wohnverhältnisse, der rigide Arbeitsalltag und die fremde Kultur erschwerten die Integration der italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie suchten Halt und Heimat in ihrer Gemeinschaft: zum Beispiel im Corale Santa Cecilia. Der heute älteste italienische Chor der Schweiz wurde 1958 vom damaligen italienischen Missionar Padre Albino Michelin in Rorschach gegründet. Schnell wuchs er zu einer 60-köpfigen Gruppierung heran, die wöchentlich probte und einmal pro Monat die Sonntagsmesse musikalisch begleitete. In der Anfangszeit bestand das Repertoire aus lateinischen Messgesängen und italienischen Volksliedern. Die Muttersprache wurde so zum Zufluchtsort in der Fremde.

Der Chor Santa Cecilia wurde 1958 in Rorschach gegründet und ist bis heute aktiv. (Bild: Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz)

Der Chor Santa Cecilia wurde 1958 in Rorschach gegründet und ist bis heute aktiv. (Bild: Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz)

Mit der Ankunft der Gastarbeiter verbreitete sich auch die italienische Lebensart. Oder wie es Bundesrat Ignazio Cassis an seiner 1.-August-Rede in Rorschach vor einem Jahr etwas hochtrabend ausdrückte: «Die Italianità hat ihre Wurzeln in Rorschach». Cassis zitierte in seiner Rede aus alten Geschäftsberichten der Genossenschaft Migros Ostschweiz. Wegen der Gastarbeiter aus Italien seien die Umsätze im neuen Migros-Markt in Rorschach richtiggehend explodiert. Am besten liefen die geschälten italienischen Tomaten. Deren Umsatz stieg im Jahr 1962 um 150 Prozent. In ihrem Geschäftsbericht schrieb die Migros deshalb nicht ohne Stolz:

«Unser Verkaufspreis für geschälte italienische Tomaten ist derart günstig, dass nach Italien zurückkehrende Gastarbeiter sich noch reichlich eindecken! Diese Tomaten werden nämlich bei uns billiger verkauft als in Italien selbst.»

Die Zahl der Gastarbeiter stieg rasant. Lebten im Jahr 1950 im Kanton St.Gallen noch 7613 italienische Staatsangehörige, so waren es 1970 bereits 29796. Dies führte zu Überfremdungsängsten in der Bevölkerung. Mit einer Volksinitiative wollte der Politiker James Schwarzenbach den Ausländeranteils auf zehn Prozent begrenzen. Wäre sie angenommen worden, hätten über 300000 Ausländer das Land verlassen müssen. Die Initiative wurde im Jahr 1970 schweizweit, aber auch im Kanton St.Gallen mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. In Rorschach wurde sie jedoch angenommen: mit einer hauchdünnen Mehrheit von 40 Stimmen.

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