WERKBEITRAG: «Er hat die Freiheit verteidigt»

Zwei St. Galler erforschen das bewegte Leben von Jakob Rudolf Forster – einem Ostschweizer Vorkämpfer für die Gleichberechtigung Homosexueller. Das Buchprojekt wird vom Kanton unterstützt.

Milena Caderas
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Philipp Hofstetter (links) und René Hornung verbringen für ihre Forschung im Moment viel Zeit in Archiven. (Bild: Milena Caderas)

Philipp Hofstetter (links) und René Hornung verbringen für ihre Forschung im Moment viel Zeit in Archiven. (Bild: Milena Caderas)

Milena Caderas

ostschweiz@tagblatt.ch

Seit diesem Monat können in Deutschland Homosexuelle heiraten. Möglich macht es die Ehe für alle. Auch hierzulande werden Fragen rund um die Gleichberechtigung homosexueller Paare intensiv diskutiert. Schwule und Lesben mussten lange um Anerkennung kämpfen. Jetzt wird eine Lücke in der Geschichtsforschung zur Ostschweizer Schwulenemanzipation geschlossen: Zwei St. Galler wollen Jakob Rudolf Forsters Leben untersuchen. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich Forster als unabhängiger und streitbarer Schwuler einen Namen gemacht.

Das Projekt wird vom Kanton St. Gallen unterstützt. Zum ersten Mal ist ein Werkbeitrag in der Sparte Geschichte und Gedächtnis vergeben worden. 18 Bewerbungen sind für die 20 000 Franken Unterstützung durch die öffentliche Hand eingegangen. Das Amt für Kultur hat sich entschieden, das Projekt von René Hornung und Philipp Hofstetter zu fördern. Die beiden wollen den Lebenslauf von Jakob Rudolf Forster untersuchen. Dieser hat von 1853 bis 1926 gelebt und ist der erste bekannte Schweizer Homosexuelle, der sich öffentlich für ein freies Leben einsetzte.

Kennen gelernt haben sich die beiden nun auserkorenen Autoren über die Heinrich-Hössli-Stiftung, die sich dem Thema Homosexualität in Kultur und Geschichte widmet. Journalist Hornung ist dort Stiftungsrat. Er und Historiker Hofstetter ergänzen sich mit ihren Fähigkeiten im Forschen und unterhaltsamen Schreiben optimal. Die Stiftung unterstützt ihr Vorhaben ebenfalls finanziell.

Sittenbild des 19. Jahrhunderts

«Dass wir auf die Lebensgeschichte von Jakob Rudolf Forster gestossen sind, ist ein Glücksfall», sagt Hornung. Anhand dessen Biografie lasse sich ein Sittenbild der Zeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnen. «Eine gute Geschichte zu finden, ist das Schwierigste überhaupt», ergänzt Hofstetter. Die Dramaturgie von Forsters Leben sei wie gemacht für ein spannendes Narrativ in der Form eines Buches.

Letzten Herbst haben sie angefangen, intensiv am Projekt zu arbeiten. Politjournalist Hornung befasst sich sporadisch schon seit rund einem Jahrzehnt mit Forster. Im Moment sind die Forscher oft in Archiven. Forsters Sütterlin-Handschrift lässt sich nur schwer entziffern. Für die Abschrift haben sich die beiden Ostschweizer nun personelle Unterstützung geholt. Leisten können sie sich solches nicht zuletzt dank der finanziellen Mittel des Kantons. Mit der Recherche kommen immer mehr Akteninformationen und damit neue Aspekte hinzu.

Ostschweiz bedeutend für Emanzipation

Die Ostschweiz spielte für die Emanzipation der Homosexuellen hierzulande eine wichtige Rolle, wie das Beispiel des Glarner Pioniers Heinrich Hössli zeigt. Auch Fosters Wurzeln liegen in der Region. Aufgewachsen ist er in Brunnadern im Toggenburg. Er war ein Lebemann und schlug sich als Honighändler, Heiratsvermittler und später als Vermögensverwalter durch. Aus seiner ländlichen Heimat floh er schon bald nach St. Gallen und später nach Zürich.

«Durch alle Böden hindurch hat er die Freiheit verteidigt, sein Leben zu leben», sagt Hornung. Mit dieser Haltung geriet er des Öfteren ins Visier der Behörden und der Justiz. Über Jahre sperrte man ihn weg, ins Gefängnis, in eine Arbeitserziehungsanstalt oder in die psychiatrische Klinik – unter anderem nach St. Pirminsberg in Pfäfers.

Forster hinterliess eine Broschüre, mit dem Titel «Justizmorde im 19. Jahrhundert, wahrheitsgetreue Darstellung des fast unglaublich verfolgten Schweizers J. R. Forster». Die 174 Seiten enthalten erstaunlich moderne Gedanken zur Emanzipation der Homosexuellen. In dieser Streitschrift schildert er sein Leben als Schwuler – damals «Urninge» genannt. In den Archiven sind noch weitere Dokumente zu Forsters Leben erhalten geblieben, beispielsweise Prozessakten.

Mehr erfahren über letzte Lebensjahre

Über Forsters Jahre nach der Publikation seiner Autobiografie ist noch nichts bekannt. Die beiden Forscher hoffen, mehr über seine letzten Lebensjahre herauszufinden. Es existiert auch kein Foto von Forster.

Wo stehen wir als Gesellschaft heute im Umgang mit Schwulen und Lesben? Auf dem Papier sei die Gleichberechtigung auf gutem Weg. Schwule und Lesben seien in die Gesellschaft integriert, stellen Hofstetter und Hornung fest. Damit aber die letzten Reste der Diskriminierung eines Tages ganz obsolet werden, müsse das Thema Homosexualität sichtbar gemacht werden – auch das sei ein Ziel des Buchprojekts.