Zehn Prozent der Einwohner im Werdenberg sind laut Caritas von Armut betroffen, darunter viele Kinder

In der Region Werdenberg mit seinen rund 40'000 Einwohner leben 1100 Kinder und 3100 Erwachsene in Armut. Das geht aus den Kennzahlen der Caritas St. Gallen-Appenzell hervor.

Armando Bianco
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Armutsbetroffene Kinder oder Jugendliche weichen öfter «auf die Strasse» aus, um dem Stress von zu Hause zu entgehen.

Armutsbetroffene Kinder oder Jugendliche weichen öfter «auf die Strasse» aus, um dem Stress von zu Hause zu entgehen.


Harald07 /Fotolia

Mehrere tausend Menschen sind in der Region Werdenberg  armutsgefährdet und vielen von ihnen ist es unmöglich, unerwartete Ausgabe in der Höhe von 2500 Franken zu tätigen.

«Die Armutsgrenze wird durch das Existenzminimum der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) definiert: Sie bewegt sich bei 2100 Franken für eine Einzelperson und 3800 Franken für Familien mit zwei Kindern», sagt Lorenz Bertsch, Leider der Caritas-Regionalstellen in Sargans und Bereichsleiter Sozial- und Schuldenberatung. Viele Familien kennen das Januarloch – armutsbetroffene Familien müssen dieses finanziellen Druck Monat für Monat aushalten. «Schon für «Normalverdiener» kann es belastend sein, wenn im Januar alle grossen Rechnungen kommen. Stellen sie sich vor, wie belastend dieselbe Situation für jemanden ohne Reserven ist».

Die Armut wird in vielen Fällen vererbt

Als grösste Gründe für die Armut nennt Lorenz Bertsch Jobs im Tieflohnsegment, unerwartete Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung. Längere Armut belasten die Betroffenen zudem auch im mentalen Bereich; sie werden müde, mutlos, häufiger krank, isoliert und sind dauerhaft gestresst. Armut werde zudem in vielen Fällen vererbt. «Das sind dann alles Kinder, die höchstwahrscheinlich später in derselben Spirale leben müssen wie jetzt ihre Eltern.

Was heisst Armut für Kinder in konkreten Beispielen? «Es fängt bei Kleidern, Schuhen oder dem Schulthek an und hört bei der Gesundheit auf. Armutsbetroffene Kinder sind häufiger krank, haben oft schlechte Zähne, ernähren sich weniger vielseitig oder können nur in Notfällen zum Arzt gehen, weil es sich die Eltern schlicht nicht leisten können». Der finanzielle Druck belaste das Zusammenleben daheim, weshalb Kinder oder Jugendliche öfter «auf die Strasse» ausweichen würden, um den psychischen Stress nicht mehr zu ertragen. Armut tangiert aus der Sicht des Fachmannes das soziale Leben von Kindern enorm. «Die Betroffenen können sich keine Ausflüge leisten, keine Lager, keinen Verein. Sie schämen sich zum Teil, jemanden nach Hause zu nehmen und gehen lieber auf Distanz.»

Man kann auch in der Schweiz durch die Maschen fallen

Aus der Sicht von Lorenz Bertsch ist es durchaus möglich, diesem Teufelskreis zu entkommen – «aber es geht kaum ohne Hilfe von aussen». Armut sei meist mit Scham verknüpft in der heutigen Welt, in der vor allem auch Jugendliche sich gerne als etwas darstellen gegenüber ihren Freunden, sei es im echten Leben oder online.

Die Nachfrage an Beratungen ist in der Caritas-Regionalstelle kontinuierlich gestiegen in den letzten Jahren. Privatpersonen rät man, achtsam zu sein und offen auf Armutsbetroffene zuzugehen. Nächstes Jahr wird in Sargans die Aktion «Mit mir» lanciert, hierfür werden Göttis oder Gotten gesucht, welche einmal pro Monat etwas mit einem armutsbetroffenen Kind unternimmt. In St. Gallen gibt es das Projekt bereits und laufe äusserst gut.

Trotz allerlei Strukturen und Angeboten im Kanton St. Gallen ist Caritas-Leiter Lorenz Bertsch überzeugt, dass man auch in der Schweiz durch die Maschen fallen kann. «Manchmal steht und fällt es mit einer wohlmeinenden oder eben nicht wohlmeinenden Person am Schalter. Fakt ist: Es kann jeden treffen».