Zahlreiche Lehrstellen finden keine Lehrlinge

National und regional bekunden viele Betriebe Mühe, Lernende zu rekrutieren. Handwerks- und Schönheitsgewerbe sind dabei die Spitzenreiter.

Bianca Helbling
Drucken
Teilen
Angehende Coiffeurlehrlinge hatten dieses Jahr ein grosses Angebot an Lehrstellen. (Bild: Mareycke Frehner)

Angehende Coiffeurlehrlinge hatten dieses Jahr ein grosses Angebot an Lehrstellen. (Bild: Mareycke Frehner)

Seit Kurzem machen neue Lehrlinge die ersten Schritte ins Berufsleben. Ob Schreinerin, Bäcker oder Laborant, die Vielfalt an Lehrberufen ist enorm. Laut dem Schweizerischen Dienstleistungszentrum Berufsbildung existieren in der Schweiz rund 250 EFZ- und EBA-Berufe, wobei das Angebot stetig wächst. Beispielsweise wurden dieses Jahr das erste Mal Lehrstellen als Medizinproduktetechnologe/-technologin und ICT-Fachfrau/-mann angeboten. Dass die angehenden Lernenden hierbei die Qual der Wahl haben, den für Sie richtigen Beruf zu finden, liegt auf der Hand.

Anführer im nationalen Vergleich

Unter anderem sind es diese zahlreichen Optionen, die schweizweit zu Tausenden von nicht vergebenen Lehrstellen führen. Der Auswertung des Online-Lehrstellenportals «Yousty» zufolge waren bei Lehrbeginn noch 7500 Stellen frei. Die meisten unbesetzten Ausbildungsplätze sind bei den Elektroinstallateuren vorzufinden. Auf Nachfrage bestätigt Christina Haltiner, Mitarbeiterin Personaladministration beim EW Buchs, gewisse Schwierigkeiten. «Gerade bei dieser Lehre sind im schulischen Bereich durchaus einige Voraussetzungen zu erfüllen. Bisher durften wir jährlich aber bis zu zwei Lehrstellen für diesen Beruf vergeben.»

Das offene Stellenagebot als Netzelektriker hingegen konnte dieses Jahr nicht besetzt werden. Neben den vorausgesetzten guten schulischen Leistungen könnte beim Elektroinstallateur eventuell auch die vierjährige Lehrdauer abschreckend wirken. Zudem liegen Handwerksberufe generell nicht im Trend.

Gemäss Christina Haltiner werden die Lehrstellen in der Region promotet, wie an der Berufswahlmesse «Lehre statt Lehre», die jährlich in Buchs stattfindet. «Solche Veranstaltungen bringen uns einen grösseren Nutzen als beispielsweise die kantonale OBA in St. Gallen.»

Von den fünf am EW Buchs angebotenen Lehren ist die des Informatikers klar am begehrtesten. Aber auch die KV- und Detailhandelsstellen sind problemlos zu besetzen. Und selbst wenn wie dieses Jahr eine Lehrstelle nicht vergeben werden kann, entstehen laut Haltiner keine finanziellen Einbussen für den Betrieb.

Trotz offener Lehrstellen beliebte Berufe

Neben den Elektroinstallateuren bleiben oft auch Lehrplätze für Coiffeusen übrig. Dass Beschäftigte in der Schönheitsindustrie keine Grossverdiener sind, ist schon länger klar. Gerade bei den Haarspezialisten kann der tiefe Lohn bei hoher Arbeitsbelastung ein Grund sein, sich eine andere Lehre zu suchen, bestätigt Jessica Gulli. Sie hat gerade die Lehre bei Coiffure Domino in Buchs begonnen. Trotz des vergleichsweise niedrigen Gehalts ist Coiffeuse für sie ein Traumberuf. «Mir ist am wichtigsten, dass mir meine Arbeit Spass macht und nicht, dass ich viel verdiene.» Das Gute an den vielen freien Lehrstellen sei, dass sie eine grosse Auswahl an Angeboten hatte und sie sich so die Lehrstelle ihrer Wünsche habe angeln können.

Dennoch sind weder Elektroinstallateur noch Coiffeur auf der Liste der unbeliebtesten Lehrberufe der Schweiz vertreten. Dort schneidet vor allem der Detailhandel schlecht ab. Auch in der Region ist diese Lehre weniger gefragt als früher, wie Bruno Müller, Leiter des Amtes für Berufsbildung in St. Gallen dem W&O in der Ausgabe vom 19. Juli mitteilte. Auffallend: Das Interesse an einer Ausbildung im kaufmännischen Bereich ist im Werdenberg im Vergleich zur landesweiten Auswertung rückläufig, Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen boomen hingegen sowohl regional als auch national.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist die Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre. Durch insgesamt weniger Schulabgänger bleiben als logische Konsequenz mehr Stellen offen. Ausserdem entscheiden sich zunehmend mehr Jugendliche für eine Fachmittelschule oder das Gymnasium als alternativen Weg zur Berufslehre. Dem Bundesamt für Statistik zufolge entschieden sich 2016 schweizweit über 30 Prozent der Jugendlichen für eine weiterführende Schule. Ob sich dieser Trend in Anbetracht der Akademisierung der Gesellschaft verändern wird, ist fraglich.