Liechtenstein
Wildbestand soll massiv reduziert werden : Regierung schlägt den Einsatz von staatlichen Jägern vor

Verbiss durch Wild verhindert genügende Waldverjüngung: Liechtenstein plant den umstrittenen Einsatz von staatlichen Wildhütern, zur «Steigerung der jagdlichen Effizienz».

Günther Meier
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Zur «Steigerung der jagdlichen Effizienz» schlägt die Regierung den Einsatz von staatlichen Jägern vor.

Zur «Steigerung der jagdlichen Effizienz» schlägt die Regierung den Einsatz von staatlichen Jägern vor.

Bild: Ennio Leanza/Keystone

Das Baum- und Waldsterben dehne sich kontinuierlich aus, informierte Anfang der 1980er-Jahre der Forstmeister die Mitglieder der Regierung bei einer Exkursion in die Waldungen im Tal- und Berggebiet. Der Begriff «Waldsterben» hatte auch das Fürstentum Liechtenstein erfasst.

Die Regierung schrieb im Rechenschaftsbericht 1983, anfänglich sei nur «ein flächenhaftes Absterben der Weisstanne» beobachtet worden, nun aber hätten «bisher unbekannte Krankheitssymptome» auch die Fichte, die Föhre und sogar verschiedene Laubhölzer erfasst. Das Fazit war klar: Der Wald müsse verjüngt und der Waldbestand arten- und standortgerecht erneuert werden.

Verjüngungskraft des Waldes fehlt

Vier Jahrzehnte später, nachdem der Begriff «Waldsterben» etwas seiner Strahlkraft eingebüsst hat, scheint sich eine Wiederholung anzubahnen, was den Zustand des Waldes betrifft. Den Schutzwald erachtete die Regierung damals als gefährdet, was seine Funktion zum Schutz der Siedlungen entsprechend einschränke.

Der gleiche Zustand zeigt sich offensichtlich immer noch, die Regierung umschreibt die Situation etwas beschönigend als «fehlende Verjüngungskraft des Waldes». Konkreter wird das Landeswaldinventar, das schon 2010 zur Waldverjüngung feststellte, dass auf 25 Prozent der Probeflächen «überhaupt keine Verjüngung» vorhanden sei, auf 35 Prozent der Flächen der Verjüngungsgrad nur 10 Prozent betrage.

Ob diese Zahlen noch Bestand haben, ob die Waldverjüngung zugenommen oder gar abgenommen hat, wird man erst nach dem nächsten Landeswaldinventar feststellen, das für das kommende Jahr geplant ist.

Einen Hinweis auf das mutmassliche Resultat gibt ein Gutachten, das 2018 über die Situation in den Schutzwäldern erstellt wurde: «Auf mehr als einem Drittel der Fläche ist die Situation inakzeptabel!»

Die Lagebeurteilung aus der Zeit des Waldsterbens und die aktuelle Einschätzung des Waldzustandes weisen grosse Ähnlichkeit auf. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, den grössten Feind der Waldverjüngung im zu hohen Wildbestand zu sehen, wie nun aktuell die Regierung in einem Bericht erneut schreibt: «Der Verbiss durch Schalenwild hat einen zentralen Einfluss auf die fehlende Waldverjüngung.» Das Naturschutzgesetz lege zwar fest, dass heimische Wildarten nicht gefährdet werden dürfen, doch letztlich habe der Wald Priorität: «Im Widerstreit der Interessen zwischen Land- und Forstwirtschaft und der Jagd gebührt der Land- und Forstwirtschaft der Vorrang.»

Der Verbiss durch Wild hat Einfluss auf die Waldverjüngung.

Der Verbiss durch Wild hat Einfluss auf die Waldverjüngung.

Urs Bucher

Konflikt zwischen Jagd und Forst zusätzlich befeuert

Derzeit ist Liechtenstein in 18 Jagdreviere aufgeteilt, die an Jäger verpachtet werden, wobei laut Jagdgesetz die Reduktion der Schalenwildbestände in der Verantwortung der Jagdgesellschaften liegt. Die Abschusszahlen legt die Regierung auf Antrag des Amtes für Umwelt, Abteilung Wald und Landschaft jeweils für ein Jahr fest. Aus dieser Konstellation ergibt sich der altbekannte Konflikt zwischen Jagd und Forst, den die Regierung mit der Vorlage zur Revision des Jagdgesetzes nun zusätzlich befeuert.

Festgestellt wird eine «Stagnation der Reduktionsbemühungen» beim Wild, woraus die Schlussfolgerung gezogen wird, die Abschüsse müssten in den nächsten Jahren deutlich erhöht werden.

Zur «Steigerung der jagdlichen Effizienz» schlägt die Regierung den Einsatz von staatlichen Jägern zur Unterstützung der Jagdpächter bei der Erfüllung der Abschusspläne vor. Für die sogenannte «staatliche Wildhut» liegt ein umfangreicher Betätigungskatalog von nicht weniger als 16 Aufgaben vor, der von der Mitarbeit bei Forschungsprojekten bis zur «Entnahme von Wildtieren aus der Wildbahn» reicht.

Die Liechtensteinische Jägerschaft äusserte sich wenig begeistert vom Einsatz staatlicher Jäger. In einer Stellungnahme weisen die Jäger darauf hin, dass eine Staatsjagd mit dem gesetzlich verankerten Pachtsystem nicht kompatibel sei und unausweichlich zu einer Konkurrenzsituation zwischen den Jagdpächtern und den Staatsjägern führe.

Ausserdem warf die Jägerschaft die Frage auf, wie denn die zwei vorgesehenen Staatsjäger die Leistung von derzeit mehr als 150 Pächtern, Aufsehern und Hilfsjägern massgeblich verbessern könnten.

Obwohl im Bericht der Regierung mehrfach eine Überpopulation des Wildes betont wird, die zum Schutz der Waldverjüngung reduziert werden müsse, ist der Bestand des Wildes nicht genau erfasst. In der Praxis sei es kaum möglich, hält der Bericht fest, Wildbestände präzise zu erfassen. So sei das Rehwild mit den herkömmlichen Methoden in der liechtensteinischen Landschaft nicht zählbar, nur beim Rot- und Gamswild lieferten die Erhebungsmethoden ausreichend Grundlagen, um einen Trend der Bestandentwicklung erkennen zu können.

An anderer Stelle weist der Bericht ausserdem darauf hin, dass es in Liechtenstein gar «keine geschlossene Rotwildpopulation» gebe. Aufgrund der Kleinheit des Staatsgebietes komme es zu dauernden Zu- und Abwanderungen des Wildes in die Kantone Graubünden und St.Gallen sowie nach Vorarlberg.

Keine forstlichen Massnahmen vorgesehen

Mit der Vorlage zur Revision des Jagdgesetzes legt die Regierung die Massnahmen zur Waldverjüngung ausschliesslich bei der Jagd fest. Forstliche Massnahmen sind zur Sanierung der altgewordenen Wälder offensichtlich nicht vorgesehen, obwohl Fachleute gerade im Forstbereich akuten Handlungsbedarf erkennen.

Mario Broggi, der frühere Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, kritisierte unlängst in einer Zeitungszuschrift, die in Liechtenstein derzeit ausgeübte Forstwirtschaft scheine aus dem Ruder zu laufen: «Die erreichbaren Wälder werden geplündert, die Holzernte wird zu drei Vierteln verheizt, Schlepper mit ihren tiefen Spuren allerorten.»

Auch der frühere Forstmeister Felix Näscher kann sich mit der aktuellen Waldbewirtschaftung nicht mehr identifizieren, wie er in einer Stellungnahme schreibt: «Seit einigen Jahren grassiert fern jeder Nachhaltigkeit eine gesetzeswidrige Forstwirtschaft – waldökologischem Unverständnis, waldbaulicher Inkompetenz und einer krankhaften Jagdphobie Einzelner geschuldet.»

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