Kolumne

Kinderkram: Weniger Aufmerksamkeit ist manchmal mehr

Kinder, die an meinem Rockzipfel hängen, wollte ich nie. Ich hoffe inständig, meine Mädchen zu selbstbewussten, selbstständigen Frauen zu erziehen. Nur habe ich keine Ahnung, wie das geht.

Katharina Rutz
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Auch meine Kinder lieben Fahrten mit dem Karussell. (Bild: Max Tinner)

Auch meine Kinder lieben Fahrten mit dem Karussell. (Bild: Max Tinner)


Glücklicherweise habe ich ja Hilfe. Erstens habe ich einen selbstbewussten, selbstständigen Mann geheiratet. Für ein Vorbild wäre also gesorgt. Zweitens bietet das Umfeld auf dem Bauernhof gute Voraussetzungen. Kinder auf dem Bauernhof müssen «mitlaufen». Sie müssen also mit der Mama oder dem Papa mit zur Arbeit, in den Kuhstall, in den Hühnerstall oder aufs Erdbeerfeld. Dort müssen sie sich eine lange Zeit entweder selber beschäftigen oder aber sie dürfen selber mitarbeiten. So werden die Kinder doch automatisch selbstbewusst, weil sie merken, was sie schon alles können und selbstständig, weil die Eltern nicht immer daneben stehen und jeden Schritt begleiten.

Doch dann kommt das übellaunige schlechte Gewissen.

Wenn die befreundeten Mütter aus der Badi ein Whatsapp schreiben, oder vom Spielplatz, dem Zoo. Wenn sie davon erzählen, wie sie mit ihren Kleinkindern Holztürme auf dem Fussboden bauen.

Deshalb habe ich am Sonntag zusätzlich zum arbeitsintensiven Tag auf dem Betrieb (Erdbeerernte, Spinaternte, Heuwetter und natürlich alles gleichzeitig) die Kilbi über Mittag ins Programm gepackt. Der Kilbibatzen fiel grosszügig aus, das Karussell gab es noch obendrauf (vier Mal).

(Fast) pünktlich um 14 Uhr standen wir wieder auf dem Erdbeerfeld. Ich half bei der Ernte und die Mädchen verkrümelten sich irgendwohin auf dem riesigen Feld. Stundenlang.

Die Kilbi, obwohl an Trubel nicht zu überbieten, schaffte es dann abends nicht, das schlechte Gewissen zu übertönen. Hinzu kamen die Müdigkeit des langen Arbeitstages und ach ja, die Kinder waren schon wieder zu spät im Bett.

«Kinder fordern eine Menge Aufmerksamkeit – glücklicherweise brauchen sie nicht so viel, wie sie fordern.»

Dieses Zitat von Jesper Juul, einem international tätigen Familien-Therapeuten, las ich zufällig am nächsten Morgen. Befasst man sich weiter mit dem Thema, gibt es eine ganze Reihe «Profis», die sogar dafür plädieren, Kinder mehr «mitlaufen» zu lassen und nicht ständig um sie zu kreisen. Tschüss schlechtes Gewissen.
PS: Ich denke, wir werden trotzdem einen Ausflug in den Zoo planen.

Katharina Rutz (Bild: Urs Bucher)

Katharina Rutz (Bild: Urs Bucher)

Hauptberuflich Mami von Lilly (5)
und Sarah (4), nebenberuflich
Journalistin, Bäuerin und
Pferdenärrin.