Das lässt aufhorchen: Jeder siebte Arbeitnehmer in Liechtenstein verdient weniger als 3000 Franken 

Sogar Kaufleute und Arbeitnehmer im Finanzwesen klagen über Lohndumping in Liechtenstein.

Dorothea Alber
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So tiefe Löhne, dass für die Arbeitnehmer Ende Monat bestenfalls noch Kleingeld übrig bleibt, würde man im Liechtenstein kaum vermuten.

So tiefe Löhne, dass für die Arbeitnehmer Ende Monat bestenfalls noch Kleingeld übrig bleibt, würde man im Liechtenstein kaum vermuten.

Bild: Martin Ruetschi/Keystone

2600 Franken Bruttolohn sind in Liechtenstein eine wiederkehrende Tatsache und nichts anderes als Lohndumping, wie der Liechtensteinische Arbeitnehmerverband (LANV) anprangert. Betroffen sind nicht nur Jobs in der Gastronomie. Einer Liechtensteinerin mit abgeschlossener KV-Lehre wurde ein Arbeitsvertrag vorgelegt, der 2600 Franken im Monat vorsah.

Blick in die Lohnstatistik

Das Phänomen tritt in unterschiedlichen Branchen auf, wie Sigi Langenbahn als LANV-Geschäftsführer bestätigen kann. Inzwischen gebe es auch im Finanzwesen weitere Fälle, nachdem mit «Scarabeus» ein Vaduzer Vermögensverwalter in die Schlagzeilen geriet. Er zahlte einer Juristin für ihre Position als Leiterin «Legal und Compliance» nur 3000 Franken monatlich. Allgemein haben sich etliche Arbeitnehmer im vergangenen Jahr an den LANV gewandt. Ein Blick in die Lohnstatistik zeigt, dass 14 Prozent der Arbeitnehmer in Liechtenstein weniger als 3000 Franken monatlich verdienen. Nach Branchen ist dies zwar nicht aufgeschlüsselt. Auffallend ist aber, dass es sich dabei oft um Teilzeitstellen handelt. Hochgerechnet auf 100 Prozent kommen sie über ein Gehalt von 3000 Franken brutto nicht hinaus. Tendenziell sind es laut Lohnstatistik gerade Frauen, welche sich mit den tiefen Löhnen begnügen müssen.

«Staatlich gefördertes Lohndumping»

Lohndumping werde laut LANV durch das Ausländer- und Passamt unterstützt, das für Grenzgängermeldebestätigungen Löhne ab 2600 Franken brutto akzeptiert. «Das beanstanden wir schon mehrere Jahre als staatlich gefördertes Lohndumping», prangert der oberste Gewerkschafter an. Das Ausländer- und Passamt führt keine Statistik dazu, wie viele Grenzgänger zu diesen Löhnen im Land angestellt sind. Daher lässt sich nicht sagen, ob vor allem Pendler von tiefen Löhnen betroffen sind. Amtsleiter Mario Konzett erklärt: 

«Falls kein allgemeinverbindlicher Gesamtarbeitsvertrag besteht, kommen 2600 Franken Mindestlohn zum Tragen.»

Das APA berechnet diesen Betrag aufgrund dreier Faktoren: der Verordnung zum Sozialhilfegesetz, welche den Grundbedarf bei 1110 Franken festmacht, und dem Betrag für die Maximalmiete, die durch das Amt für Soziale Dienste (ASD) ausgerichtet wird. Dieser liegt bei 1200 Franken. Der letzte Posten betrifft die Kosten für die Krankenkassen.

Mindestlohn ist nicht definiert

In Liechtenstein gibt es – anders als in zahlreichen europäischen Ländern – keinen Mindestlohn für alle Arbeitnehmer. In vielen Branchen legen sogenannte Gesamtarbeitsverträge die Mindestlöhne fest. So liegen die Gehälter in den allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsverträgen derzeit für ungelernte Angestellte im Detailhandel und anderen Branchen, zum Beispiel bei mindestens 3300 bis 3325 Franken. Für Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag sieht es düster aus. Der definierte Betrag von 2600 Franken muss dann als Monatslohn reichen. Es liege laut Mario Konzett im Interesse des LANV, möglichst sämtliche Branchen mit einem allgemeinverbindlichen Arbeitsvertrag auszustatten beziehungsweise mit den jeweiligen Berufsverbänden solche auszuhandeln.

Die dreigliedrige Kommission wird nun aktiv, die Lohndumping verhindern soll. Sie besteht zu gleichen Teilen aus Vertretern der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und des Staates. Vorsitzende ist Katja Gey. Laut Gey zeigen die Zahlen, dass im Land Handlungsbedarf besteht – vor allem im Gastgewerbe.

Löhne sollen stärker kontrolliert werden

Sie kündigte vergangene Woche an, dass die Kommission daher allfällige missbräuchliche Löhne prüfen wird. Auf dieser Basis können dann auch einzelne Betriebe kontrolliert werden. Die Kommission kann bei einem festgestellten Missbrauch auf den Arbeitgeber zugehen und auf höhere Löhne pochen. Wenn diese dennoch nicht steigen, kann die dreigliedrige Kommission bei der Regierung den Erlass eines Normalarbeitsvertrags mit zwingendem Mindestlohn beantragen.