Weil sie ihre Zweithaarteile beim Coiffeur nicht befestigen durften: «Einige Frauen litten sehr stark»

Der Lockdown verunmöglichte Personen mit Haarverlust die Fixierung ihrer Zweithaarteile. Durch diese erhalten sie ein Stück Normalität zurück. Seit Montag dürfen die Haarteile wieder befestigt werden.

Alexandra Gächter
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Christa Gabathuler, Inhaberin von Intercoiffeur Gabathuler Buchs, und Alexander Baumgartner, Geschäftsführer und Teilhaber von Intercoiffeur Gabathuler Buchs, zeigen die Zweithaarteile, welche während des Lockdowns nicht befestigt werden durften.

Christa Gabathuler, Inhaberin von Intercoiffeur Gabathuler Buchs, und Alexander Baumgartner, Geschäftsführer und Teilhaber von Intercoiffeur Gabathuler Buchs, zeigen die Zweithaarteile, welche während des Lockdowns nicht befestigt werden durften.

Alexandra Gächter

Die Coiffeure haben seit Montag wieder offen. Darüber waren etliche Frauen und Männer froh, die ihre Haare schneiden oder färben wollten. Was viele aber nicht wissen: Coiffeure sind nicht nur da, um die Frisur zu verschönern, sondern sie verhelfen Menschen mit Haarverlust zu einem Stück Normalität. Durch Zweithaarteile erhalten Menschen, welche durch Erkrankungen, Medikamente, Chemotherapien oder auf Grund genetischer Veranlagung einen Teil oder alle ihre Haare verloren haben, ihr Selbstwertgefühl zurück.

Manchmal weiss die Familie nichts davon

Solche Zweithaarteile – in der Fachsprache Microlines genannt – bietet auch Intercoiffeur Gabathuler in Buchs an. «Von unseren 7500 Kunden, die wir jährlich betreuen, verwenden ungefähr fünf Prozent, also um die 375 Personen, Haarverdichtungen, Haarverlängerungen oder Zweithaarteile», sagt Alexander Baumgartner, Geschäftsführer und Teilhaber von Intercoiffeur Gabathuler. Dass die Zahl derer, die Zweithaarteile tragen grösser ist, als man denkt, erklärt Baumgartner so:

«Wenn es sich um gute Arbeit handelt, sieht man nicht, dass die Haare nur angeknüpft sind. Vielfach weiss nicht mal die ganze Familie vom Zweithaarteil, sondern nur der Partner. Das zeigt bereits, wie sensibel das Thema ist.»

Der sechswöchige Lockdown bereitete vielen Personen mit Zweithaarteil Probleme. «Es gab Frauen, die wirklich sehr stark litten, weil sie nicht kommen durften. So hat beispielsweise eine Kundin während des Lockdowns sechsmal angerufen», sagt Inhaberin Christa Gabathuler.

«Durch den Verlust der Haare schwindet auch das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Obwohl Zweithaarteile auch von Männer getragen werden können, kommen zu Intercoiffeur Gabathuler ausschliesslich Frauen. Bei Männern ist eine Glatze in der Gesellschaft eher akzeptiert als bei Frauen», erklärt Baumgartner.

Das Nachziehen der Haarteile war verboten

Im Gegensatz zu einer Perücke müsse das angeknüpfte Zweithaarteil alle vier bis fünf Wochen nachgezogen werden. «Die Haarteile lassen sich nur von einem Experten mit einem speziellen Mittel lösen. Das erneute Aufsetzen ist ebenfalls nur durch einen Experten möglich, da die Haarteile am Eigenhaar befestigt werden und nur mit Fachgeräten gearbeitet werden darf», erklärt Alexander Baumgartner. Durch das natürliche Haarwachstum verliert das Zweithaarteil an Halt und bewegt sich immer mehr auf der Kopfoberfläche.

«Wegen des Lockdowns war das Nachziehen der Haarteile verboten. Und so rutschten einige Haarteile und konnten bis in den Gesichtsbereich fallen. Der Lockdown war für die betroffenen Personen wirklich sehr schlimm.»

Die Kundinnen konnten sich mit Hüten oder Kopftüchern behelfen. «Diese Lösung kann aber unbefriedigend sein und dazu führen, dass sich Personen mit Haarverlust noch mehr isolieren, als dass sie es während der Coronazeit ohnehin schon tun», so Baumgartner. Die Situation der Betroffenen sei ihm nahe gegangen. «Zu diesen Kundinnen haben wir eine engere Bindung. Sie vertrauen uns ihr Problem an und wir kümmern uns über Jahre um sie. Deshalb haben wir auch ein wenig mitgelitten.»

Mehrmals für den Termin bedankt

Obwohl es für viele sehr schwer war, zeigten die Kundinnen mit Haarverlust grosses Verständnis für den Lockdown. «Als wir erfuhren, dass wir wieder öffnen dürfen, haben wir zuallererst denjenigen Kundinnen angerufen, welche auf die Fixierung der Zweithaarteile angewiesen sind. Ihnen haben wir vor allen anderen in den ersten drei bis vier Tagen einen Termin gegeben», so Baumgartner.

Darüber seien sie sehr glücklich gewesen und hätten sich mehrmals dafür bedankt. Die restliche Kundschaft, welche «nur» zum Haarefärben oder -schneiden kommt, habe Verständnis gezeigt, dass sie nicht zuerst einen Termin erhalten haben, so Baumgartner weiter.

Für die Zukunft würde Alexander Baumgartner sich wünschen, dass Personen mit Haarverlust finanzielle Unterstützung für die Zweithaarteile bekämen. Das sei in anderen Ländern wie beispielsweise Österreich der Fall. «Der Haarverlust stellt für viele eine psychische Belastung dar. Auch ohne Lockdown», sagt Baumgartner.