Wartau
Hotspot der nationalen Biodiversität: Raum Magletsch bot Anschauungsunterricht für die Wald-Wild-Lebensraum-Kommission

Die Wald-Wild-Lebensraum-Kommission traf sich zur Weiterbildung. An vier Posten ging es darum, wie ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt sichergestellt werden kann.

Heini Schwendener
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Sepp Koller, Wildhüter Kreis 2 Rheintal-Werdenberg, informierte an seinem Posten über das Bibermanagement im St. Galler Rheintal.

Sepp Koller, Wildhüter Kreis 2 Rheintal-Werdenberg, informierte an seinem Posten über das Bibermanagement im St. Galler Rheintal.

Bilder: Heini Schwendener

Die Wahl des Austragungsortes für den Weiterbildungsanlass der Wald-Wild-Lebensraum-Kommission (WWLK) des Kantons St. Gallen war nicht zufällig: Magletsch liegt in der Gemeinde Wartau, wo Regierungsrat Beat Tinner lebt. Er ist Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, in dessen Zuständigkeit die WWLK ist. Aber auch sonst war die Wahl vortrefflich, denn die Gemeinde Wartau ist ein nationaler Hotspot der Biodiversität, was nicht nur der Regierungsrat, sondern auch die vier Referenten des Weiterbildungstages mehrfach und mit Stolz betonten. Der Anlass am Mittwoch, diesmal zum Thema Biodiversität, wurde nach dreijähriger Pause wieder einmal durchgeführt.

Regierungsrat Beat Tinner (rechts) legte in seiner Wohngemeinde mit Hand an, als die Kursteilnehmenden mit einem Kurzeinsatz invasive Neophyten bekämpften.

Regierungsrat Beat Tinner (rechts) legte in seiner Wohngemeinde mit Hand an, als die Kursteilnehmenden mit einem Kurzeinsatz invasive Neophyten bekämpften.

Knapp 50 Teilnehmende konnte Kommissionspräsident Thomas Unseld begrüssen.

Tinner: «Solche Themen kann man nur gemeinsam angehen»

Beat Tinner zeigte sich erfreut, an seiner ehemaligen Wirkungsstätte diesem Weiterbildungskurs an vier Posten im Freien beizuwohnen. Er betonte die Bedeutung dieses Anlasses, darum habe er ihn als Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements im Jahr 2020 wieder reaktiviert. In der WWLK sind Landwirtschaft, Revierjagd St. Gallen, Waldwirtschaft St. Gallen und Liechtenstein, sowie die für Jagd und Wald zuständigen kantonalen Fachstellen vertreten. Biodiversität sei ein umfassendes Themenfeld, so Regierungsrat Beat Tinner: «Ich bin überzeugt, dass man solche Themen nur gemeinsam angehen kann.»

Die Weiterbildungsveranstaltung der Wald-Wild-Lebensraumkommission ist ein Baustein der kantonalen Strategie für den nachhaltigen Umgang mit der Thematik und hat unter anderem zum Ziel, den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Interessengruppen zu fördern. An Posten in der herrlichen Landschaft im Raum Magletsch stellten vier Referenten folgende Themen vor: Biodiversitätsstrategie St. Gallen 2018–2025; Artenvielfalt im Offenland; Artenvielfalt im Wald; Bibermanagement im Rheintal. Neben den interessanten Vorträgen gab es bei der Postenarbeit auch Raum für Fragen und Diskussionen.

Ziel der 2018 gestarteten kantonalen Biodiversitätsstrategie ist es, die biologische Vielfalt langfristig zu erhalten und damit eine hohe Lebens- und Umweltqualität als bedeutender Standortfaktor sicherzustellen.

Artenvielfalt so gross wie kaum irgendwo

Referent Alfred Brülisauer (Beratungsbüro Ökologie + Landschaft) erklärte, dass die Pflanzenvielfalt in den Regionen Werdenberg und Sarganserland so hoch sei wie fast nirgendwo sonst im nationalen Vergleich. Er sagte:

«Wir befinden uns hier an einem Hotspot der Artenvielfalt.»
Bei Alfred Brülisauer (Beratungsbüro Ökologie + Landschaft) ging es um Trockenwiesen, Riedwiesen und Moore.

Bei Alfred Brülisauer (Beratungsbüro Ökologie + Landschaft) ging es um Trockenwiesen, Riedwiesen und Moore.

Die Gründe für diesen Reichtum liegen in der topografischen, klimatischen und erdgeschichtlichen Vielfalt kombiniert mit abwechselnden landwirtschaftlichen Nutzungsformen. Gemäss Alfred Brülisauer sind in der Schweiz in den vergangenen 150 Jahren 90 Prozent der Moore verschwunden. Im Kanton St. Gallen gibt es noch 170 Flach- und Hochmoore von nationaler Bedeutung sowie 159 Flachmoore von regionaler Bedeutung. Bezüglich der Trockenwiesen und -weiden bildet die Gemeinde Wartau zusammen mit Pfäfers, Mosnang und Amden einen Schwerpunkt im Kanton.

Bibermanagement im Rheintal

Im Jahr 2006 ist der Biber ins Rheintal zurückgekehrt und breitet sich seither erfolgreich aus. Sepp Koller, Wildhüter Kreis 2 (Rheintal-Werdenberg), hat das grösste Bibervorkommen des Kantons in seinem Gebiet. «Das Werdenberg ist ein Biber-Hotspot», erklärte er. Das bereitet nicht nur Freude, sondern bringt auch Probleme, wie er an einigen Beispielen (Bibersee von Salez) erläuterte. Die Anwesenheit des Nagers ist also eine Herausforderung für alle, insbesondere die Landwirtschaft. Der Biber könne in einer so dicht besiedelten Landschaft wie dem Rheintal vom Bodensee bis Chur nicht aktiv sein, ohne mit menschlichen Interessen und Aktivitäten in Konflikt zu geraten. Koller sagte aber auch:

«In vom Biber gestalteten Lebensräumen kommen mehr Amphibien, Vögel, Libellen und Fischarten vor.»

Letztlich brauche es ein geeignetes Bibermanagement, um unser Zusammenleben mit dem zurückgekehrten grössten Nagetier Europas zu ermöglichen und die Konflikte zu reduzieren.

Wald, ein wichtiger Lebensraum für Flora und Fauna

Der Wartauer Revierförster Ernst Vetsch referierte über die Artenvielfalt im Wald.

Der Wartauer Revierförster Ernst Vetsch referierte über die Artenvielfalt im Wald.

Zur Artenvielfalt im Wald sprach Ernst Vetsch, Revierförster Wartau. Im Wald lebt etwa die Hälfte der einheimischen Tierarten. Rund 40 Prozent aller Tier-, Pflanzen- und Pilzarten der Schweiz sind auf den Wald angewiesen. Der Wald sei also einer der ökologisch bedeutsamsten Lebensräume und wichtig für die Biodiversität, sagte Ernst Vetsch. Auch Hecken und Waldränder spielen dabei eine wichtige Rolle. Ziel der Waldbewirtschaftung soll es sein, die vorhandenen Biodiversitätswerte des Waldes in Zukunft zu sichern: durch die Umsetzung des naturnahen Waldbaus; durch die Errichtung von Waldreservaten und Altholzinseln; durch die Aufweitung von Waldrändern; durch ein Netz von ökologischen Ergänzungsflächen.

Die Herausforderungen an die Waldbesitzer sind vielfältig: Tiefe Holzpreise erschweren eine wirtschaftliche Pflege. Ausserdem hat der Klimawandel einen Einfluss auf den Wald und es steigen die Ansprüche der (Freizeit-)Gesellschaft an den Wald. Ernst Vetsch ist überzeugt:

«Angesichts dieses Drucks braucht es Lenkungsmassnahmen und die Leistungen der Waldbesitzer zu Gunsten der Öffentlichkeit müssen mehr unterstützt werden.»
Simon Zeller Abteilungsleiter Natur und Landschaft

Simon Zeller Abteilungsleiter Natur und Landschaft

Simon Zeller, Abteilungsleiter Natur und Landschaft beim kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei, erläuterte die Biodiversitätsstrategie des Kantons: «Für die Biodiversität zählt nur das, was wirklich getan wird.» Die Strategie umfasst zehn Massnahmen, die Bereiche betreffen, in denen der Handlungsbedarf gross und die Hebelwirkung für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität bis 2025 besonders vielversprechend sind (https://www.sg.ch/umwelt-natur/natur-landschaft/biodiversitaet/biodiversitaetsstrategie.html).

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